Fotografie : Urlaub fürs perfekte Selfie

So schön ist der Strandurlaub: das Selfie von traumhaften Ferien soll auch den Daheimgebliebenen gefallen.
So schön ist der Strandurlaub: das Selfie von traumhaften Ferien soll auch den Daheimgebliebenen gefallen.

Überall lächeln Menschen, einer Sehenswürdigkeit den Rücken zukehrend, für die Smartphone-Kamera – warum?

svz.de von
11. März 2016, 21:00 Uhr

Vorne ein lächelndes Gesicht, im Hintergrund irgendeine Attraktion - das Selfie ist zum beliebtesten Urlaubsfoto geworden. Doch was steckt dahinter? Drei Perspektiven auf ein unvermeidliches Phänomen:

Der Kulturpessimist

Auf dem Selfie steht allein der Reisende im Fokus. Der Hintergrund verschwimmt, ist austauschbar. Jeder dreht sich nur noch um sich selbst. „Wir springen von einem Highlight zum nächsten. Alles wird beliebig“, beschreibt Tourismusforscher Prof. Ulrich Reinhardt die Lage. „Die Selbstinszenierung wird auf die Spitze getrieben“, ergänzt er.

In Argentinien wollten kürzlich so viele Menschen ein Foto mit einem gestrandeten Delfin-Baby machen, dass dieses in der Sonne austrocknete und starb. Die Inflation der Selfies auf Reisen habe aber noch andere, weniger dramatische Folgen: „Es geht vieles verloren. Wir haben nicht mehr die Gabe, in einen Moment völlig einzutauchen“, sagt Reinhardt.

Das kuriose Detail, das unscheinbare Restaurant, der interessante Umweg - diese Dinge geraten aus dem Blick. Interesse an einem Reiseziel ist nur noch in dem Maße vorhanden, wie es zum Angeben taugt. Was sagt das Selfie auf dem Empire State Building? Es sagt nicht wie toll die Skyline von Manhatten ist, sondern: ich bin New York und du in Neumünster.

Der Digital Native

Das Selfie wird gemacht, weil es eben so einfach zu machen ist, vor allem seit dem Selfie-Stick. „Das Selfie ist ein Symptom eines schon veränderten Reisens“, sagt André Wendler, der an der Bauhaus-Universität Weimar zu Netzkultur und Selfies forscht. Seine These: Zwischen Technik und sozialem Verhalten existiert eine Wechselwirkung. „Die Postkarte hat es nur gegeben, weil es ein Postsystem gab. Das hing eng mit der Erfindung der Eisenbahn zusammen.“ Heute gibt es Smartphones und soziale Netzwerke - und damit eben auch Selfies, die massenhaft geteilt werden. „Die bloße Ansicht von entfernten Orten ist heute trivial“, sagt Wendler. Denn es gibt Zigtausende Bilder von ihnen im Netz. „Was aber nicht trivial ist, ist, dass man selbst an einem Ort ist - und zwar möglichst immer an einem anderen.“ Denn ein einzelnes Selfie bedeute nichts. „Die Menge der Orte muss ausgestellt sein. Betrachter sollen sehen: Diese Person ist viel unterwegs. Das Selfie ist nicht für einen selbst gemacht, sondern für andere“, stellt Wendler fest.

Die Psychologin

Den Mitmenschen zeigen, dass man einen tollen Urlaub hat und rundum glücklich ist – das wollten die Menschen schon immer. „Psychologisch haben wir uns nicht verändert“, sagt die Medienpsychologin Astrid Carolus von der Universität Würzburg. „Früher hat man nach dem Urlaub einen Dia-Abend gemacht, heute gibt es die Live-Präsentation über soziale Medien.“

Maßlose Selbstdarstellung habe es schon vor Aufkommen der Selfies gegeben. „Jeder tut so, als wäre das nicht so, aber das Selfie zeigt wunderbar, wie wir Menschen funktionieren“, sagt Carolus.

„Die Doppelverwertung der Erlebnisse, die Dokumentation für andere, das ist vielen Menschen sehr wichtig“, weiß die Psychologin. Das Selfie, könnte man sagen, wertet den Urlaub sogar noch auf.

Philipp Laage

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