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Kritik an „Little Miss & Mister“ : Skandal? Facebookseite sammelt Kinderfotos

vom

Im Internet finden sich zahlreiche Bilder von Kindern: Die Seite „Little Miss & Mister“ bündelt sie und sorgt damit für Aufregung.

svz.de von
erstellt am 02.Mär.2017 | 21:00 Uhr

Eine Facebookseite beunruhigt Eltern mit gesammelten Bildern von Kindern. Die Seite „Little Miss & Mister“ durchforstet Nutzerprofile nach öffentlich sichtbaren Kinderfotos und verbreitet diese. Seit Ende Dezember waren dort bis zu dieser Woche unzählige Fotos von Kindern zusammengekommen, darunter Bilder von Babys und Kleinkindern - zum Teil nahezu nackt, in der Badewanne, in Unterwäsche oder in Badebekleidung am Strand. Das Profilbild der Seite, die rund 660 Menschen abonniert hatten, zeigt ein Kind, das sich mit Lippenstift schminkt. Nachdem die Seite kurzzeitig nicht mehr zu erreichen war, hat sie nun einen Neustart hingelegt - mit am Donnerstag zunächst rund 35 Abonnenten.

„Auch ihr Kind kann der Star von morgen werden“, heißt es in den Informationen. Wer dahinter steckt, bleibt im Unklaren. Die Betreiber der Facebookseite geben sich den offensichtlich ironisch gemeinten Namen „SAsha TIschREin“, ein Buchstabenspiele mit dem Begriff „Satire“. Mails an die auf der ursprünglichen Seite angegebene belgische E-Mail-Adresse kommen als unzustellbar zurück, Anrufe bei einer angegebenen Nummer führen zu Personen, die anscheinend nichts mit der Seite zu tun haben.

Auf eine Anfrage via Facebook-Nachricht antwortet ein Administrator: „Viele FB Nutzer schmeißen ihre Informationen durchs www wie Konfetti. Genau das wollen wir aufzeigen. Besonders liegt uns der Schutz von Kinderbildern am Herzen. Das www ist voll von üblen Menschen, die diese Bilder für ihre Zwecke missbrauchen und dem wollen wir entgegen wirken.“ Warum sie nicht offenlegen, wer sie sind? „Wir schützen uns und unsere Familien. Mit den “Wutmuttis„ ist nicht zu Spaßen.“ Gleichzeitig schicken die Betreiber Screenshots von wüsten Beschimpfungen und Drohungen betroffener Eltern.

Die Seite hackt keine Profile, sie teilt lediglich die Bilder von Kindern, die für alle öffentlich sichtbar sind - und macht deutlich, wie man die Privatsphäre-Einstellungen ändern kann. Für einige Mütter ist es dennoch ein Schock, Bilder ihrer Kinder auf der Seite zu entdecken. „Es wurde ein Bild gepostet von meiner Tochter ohne mein Einverständnis ich möchte bitte das das Foto von ihr gelöscht wird denn wird es nicht getan fühle ich mich gezwungen es zur Anzeige bei der Polizei zu bringen“ (Fehler im Original), schrieb eine Facebook-Nutzerin noch auf der ersten Seite.

Eine Mutter aus Rosenheim hat ein zehn Jahre altes Foto ihres Sohnes auf der Facebookseite entdeckt. Sie sei zunächst über einen Eintrag in einem Fan-Forum für eine Drogerie-Kette auf die Seite gestoßen, sagt sie der Deutschen Presse-Agentur. „Ich habe mir die Seite angeschaut und mich hat der Schlag getroffen. Da konnte ich nicht an mich halten, habe geschrieben, was ich davon halte - und so schnell konnte ich gar nicht gucken, da war ich selber Opfer.“ In Windeseile hatte jemand ein Bild ihres damals sechsjährigen Sohnes auf ihrer Seite gefunden und geteilt.

Auf der ursprünglichen Seite „Little Miss & Mister“ machten sich einige Nutzer über die aufgebrachten Mütter lustig - oder sprachen sogar Drohungen aus gegen diejenigen, die sich kritisch zu Wort meldeten - und die Leute auf deren Freundesliste (FL): „Wow (...) du hast aber viele öffentliche Freunde mit Kindern...“ Auch der Administrator schrieb einmal: „Ich hab grad voll keine Zeit dein Geschreibsel zu lesen. Muss deine FL durchforsten.“ Die Rosenheimerin hat inzwischen eine eigene Facebookseite für Betroffene gegründet und viele Nutzer darauf aufmerksam gemacht, dass Bilder von ihren Kindern von „Little Miss & Mister“ veröffentlicht werden.

Das Problem: Einträge, die bei Facebook öffentlich und nicht nur für Freunde sichtbar sind, können problemlos mit einem einzigen Klick immer weiter verbreitet werden. Im Zweifel merken das die Betroffenen nicht einmal. Eine Benachrichtigung gibt es nur beim ersten Teilen - danach nicht mehr. Facebook äußert sich nicht zum konkreten Fall, das Unternehmen weist stattdessen darauf hin, dass Nutzer mit den Privatsphäre-Einstellungen festlegen können, wer ihre Bilder sehen kann. Befinden sich die Einstellungen auf „öffentlich“, sind eben auch die Posts öffentlich. Eine Umstellung auf Sichtbarkeit nur für Freunde kann das Problem beheben. Außerdem können Betroffene Verletzungen von Persönlichkeitsrechten bei Facebook melden, wie das Unternehmen betont.

Die 33-Jährige aus Rosenheim glaubt nicht an ehrenhafte Motive und sagt über die Seite: „Das ist für mich eine perfide Masche, Bilder - da sind auch leicht bekleidete Kinder dabei - Pädophilen zugänglich zu machen.“ Und sie ist nicht die einzige mit diesem Verdacht. Die Seite sei „ein Sammelbecken für Bilder, die pädophilen Menschen gefallen“, meint eine Facebook-Nutzerin. „Pädokeule hatten wir heute auch erst 1000 mal..“, lautet darauf die schlichte Antwort des Administrators.

Der Cyberkriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger von der Fachhochschule der Polizei des Landes Brandenburg sieht in dem Trend zum „Sharenting“, einem Kunstwort aus „share“ (teilen) und „parenting“ (Kindererziehung), die Wurzel des Übels. Wenn Eltern keine Bilder von ihren Kindern öffentlich machten, gäbe es auch eine solche Seite nicht. „Bilder von erkennbaren Kindern haben im Netz prinzipiell nichts verloren“, sagt Rüdiger. Die Polizei Hagen machte bereits im Jahr 2015 Schlagzeilen mit dem Aufruf „Hören Sie bitte auf, Fotos Ihrer Kinder für jedermann sichtbar bei Facebook und Co zu posten! - Auch Ihre Kinder haben eine Privatsphäre!“ Diesen Aufruf hat auch die Seite „Little Miss & Mister“ gepostet.

Einer US-Studie zufolge sind inzwischen 90 Prozent der Unter-Zwei-Jährigen schon im Netz präsent. Für Rüdiger ist dies eine Auswirkung des „digitalen Narzissmus“ der Eltern. „Viele zeigen diese Bilder ja nicht, weil sie damit ihren Kindern etwas Gutes tun möchten, sondern weil sie hoffen, mit den Bildern Anerkennung zum Beispiel in Form von Likes und Kommentaren zu bekommen.“ Sein Grundsatz: „Man sollte Bilder nur denen zur Verfügung stellen, denen man auch sein Kind anvertrauen würde. Und das trifft ja in den seltensten Fällen auf 300 Facebook- oder Instagramfreunde zu.“

Fragen und Antworten: Kinderfotos im Netz

Dürfen Eltern Fotos ihrer Kinder öffentlich posten?

Wenn sie das Sorgerecht haben, dann ja. „Eltern sind die Sachverwalter der Rechte ihrer Kinder, entsprechend dürfen sie auch Fotos von ihnen im Internet veröffentlichen“, sagt Karsten Gulden, Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht aus Mainz. Dabei haben auch Kinder ein Recht am eigenen Bild. „Im Grundsatz muss jeder gefragt werden“, sagt Carsten Ulbricht, Rechtsanwalt für Internet- und Social-Media-Recht aus Stuttgart. „Je nach Alter können Kinder aber noch nicht selbst entscheiden, daher übernehmen die Eltern das für sie.“ Beide Erziehungsberechtigten müssen sich einig sein. Hat nur ein Elternteil das Sorgerecht, darf dieser alleine bestimmen.

Ab wann dürfen Kinder mitentscheiden?

In der Regel geht man davon aus, dass Kinder etwa ab dem 14. Lebensjahr die notwendige Einsichtsfähigkeit besitzen, um über die Veröffentlichung von Fotos mitzubestimmen. „Unter 14 Jahren können die Eltern im Grundsatz alleine entscheiden“, sagt Ulbricht. Danach sind bis zum 18. Lebensjahr beide zuständig - die Eltern und das Kind. „Sobald ein Kind 14 ist, muss es ausdrücklich gefragt werden“, sagt Ulbricht. Dann könne es auch das Löschen von bereits im Netz publizierten Bildern verlangen.

Welche rechtlichen Konsequenzen drohen Eltern?

„Spätestens wenn sie volljährig sind, können Kinder gegen ihre Eltern und die Veröffentlichung der Fotos vorgehen“, sagt Gulden. Basis sei das Recht auf informationelle Selbstbestimmung. „Das Kind kann eine Unterlassung verlangen und notfalls gerichtlich erzwingen, die Bilder zu entfernen“, erläutert der Jurist. Schadenersatzansprüche ließen sich aber nur schwer durchsetzen. Wer Konflikte vermeiden will, fragt seine Kinder ab einem gewissen Alter am besten um Erlaubnis. Probleme sehen die Experten bei Scheidungskindern und Patchworkfamilien, wenn Ex-Partner oder neue Lebensgefährten ungefragt Bilder posten: „In diesen Konstellationen sind künftig Klagen denkbar“, sagt Gulden.

Welche Bilder sind problematisch?

Dass Nacktfotos von Pädophilen genutzt werden können, ist vielen Eltern bewusst. Doch auch vermeintlich harmlose Bilder bergen Risiken - zum Beispiel wenn der Name des Kindes darunter steht. „Es gibt bereits Suchmaschinen, bei denen man ein Foto hochladen kann, und dann wird das komplette Netz danach abgescannt“, sagt Gulden. Jedes Foto könne zweckentfremdet werden oder auf einer Pädophilen-Seite landen. Der Jurist rät, nur Fotos zu posten, auf denen das Kind von hinten zu sehen ist oder man das Gesicht nicht erkennt.

Welche negativen Folgen drohen den Kindern noch?

„Ist ein Foto erst einmal veröffentlicht, haben Sie keine Kontrolle mehr darüber“, sagt Ulbricht. Die Bilder ließen sich leicht von Dritten herunterladen und weiterverwenden. „Im Teenageralter sind Jugendlichen viele Kinderfotos unangenehm, vor allem wenn Mitschüler sie sehen.“ So manches Kind werde deswegen gehänselt oder gemobbt.„Und man weiß nie, was irgendwann mal wieder hochkommt“, sagt Ulbricht. Macht das Kind später Karriere, wird es sich kaum über die eigenen Töpfchen-Bilder im Netz freuen.  „Kinder können sich in ihrer Privatsphäre verletzt fühlen, wenn ihre Eltern Fotos von ihnen online teilen“, sagt Philipp Masur vom Lehrstuhl für Medienpsychologie an der Universität Hohenheim. „Das ist eine Art Vertrauensbruch.“ Anderen etwas über seine Kinder mitzuteilen, sei zwar nicht neu: „Hat man früher Details über das Kind ausgeplaudert, hat es sich auch geschämt.“ Online könne das jedoch viel größeren Schaden anrichten.

Helfen restriktive Privatsphäreeinstellungen?

Sie sind besser als nichts. „Wenn jemand unbedingt Kinderfotos veröffentlichen will, dann zumindest zugangsbeschränkt“, empfiehlt Ulbricht. Die Gefahr, dass jemand Kopien macht, besteht aber immer: Wird ein Foto dann neu hochgeladen, bleibt es online, auch wenn das Ursprungsbild gelöscht wird. Dasselbe gilt für Messenger.

Warum posten Eltern überhaupt so viele Kinderfotos?

Laut Masur ist das eine Form von Selbstdarstellung. „Als junge Eltern identifiziert man sich auch über seine Kinder. Man möchte zeigen, was man erreicht hat.“ Nach der Hochzeit, dem schönen Urlaub, sei das Posten von Kinderfotos nur der nächste Schritt, sagt der Wissenschaftler. Komme ein Bild gut an, bestärke das. „Man bekommt etwas zurück, indem die Leute kommentieren und liken.“

 

>> Facebookseite „Opfer der Gruppe Little Miss & Mister“

>> Aufruf der Polizei Hagen

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