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Smartphone-trend : Selfie auf dem S-Bahn-Gleis

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Mutproben, Aufrufe zur Selbstverletzung – riskante Internettrends sind unter Jugendlichen auf dem Vormarsch

Magersucht als Lifestyle, Komasaufen als Internetspiel oder ein Selfie aus dem S-Bahn-Gleis: In sozialen Netzwerken können solche riskanten Verhaltensweisen schnell zu Selbstläufern werden. Tatsächlich stoßen Experten im Internet immer häufiger auf Fälle, wo sich junge Nutzer zur gefährlichen Nachahmung animieren. Oft gehe es um Themen wie Selbstverletzung, Magersucht oder Suizid, sagte der Vorsitzende der Kommission für Jugendmedienschutz (KIM), Siegfried Schneider, gestern in Berlin. Anlass war die Vorstellung des Jahresberichts 2013 der länderübergreifenden Stelle für Jugendschutz im Internet, jugendschutz.net.

Allein im vergangenem Jahr seien rund 1400 solcher Fälle registriert worden und damit doppelt so viele wie im Jahr zuvor. Neu sei zudem, dass gefährliche Jugendtrends nicht nur auf kleinen Insiderforen, sondern in großen Plattformen wie Facebook, Twitter und Co propagiert würden.

Der Handlungsspielraum, dagegen vorzugehen, ist begrenzt. Bei gravierenden Fällen von Selbstgefährdung sprechen die Mitarbeiter von jugendschutz.net die Internetanbieter an, auf deren Plattform Jugendliche ihre Nachrichten publizieren. In den meisten Fällen reagierten die großen Internetfirmen wie Google und Facebook positiv und entfernten die jugendgefährdenden Einträge. „Allerdings werden die Anbieter zu wenig von sich aus proaktiv tätig“, kritisierte Schneider.

Insgesamt stellte jugendschutz.net im Jahr 2013 in Deutschland unter rund 31 000 untersuchten Fällen etwa 8000 Verstöße gegen den Jugendmedienschutz fest. Vier Fünftel der Fälle fanden sich auf Plattformen ausländischer Anbieter, auf die deutsche Jugendschützer keinen Zugriff haben. Pornografie mit 34 Prozent, sexueller Missbrauch von Kindern mit 28 Prozent und extremistische Inhalte mit 22 Prozent zählten zu den häufigsten Kategorien. Insgesamt bewege sich die Zahl der Verstöße allerdings seit mehreren Jahren auf etwa dem gleichen Niveau, hieß es weiter.

Die rheinland-pfälzische Familien-Staatssekretärin Margit Gottstein (Grüne) wies darauf hin, dass fast 75 Prozent der Jugendlichen in Deutschland mittlerweile Besitzer eines Smartphones seien. Die Zwölf- bis 19-Jährigen seien im Durchschnitt täglich drei Stunden online. Schon von den Sechs- und Siebenjährigen hätten 20 Prozent Erfahrungen mit dem Internet. Vor allem durch Smartphones und Apps seien immer mehr junge Internetnutzer außerhalb der Einflussmöglichkeiten ihrer Eltern. „Damit wächst zum einen die Verantwortung von Plattformbetreibern für den Schutz ihrer minderjährigen Nutzer“, betonte Gottstein. Zum anderen müsse hier auch der erzieherische Jugendschutz ansetzen.

Nötig sei, die Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen zu stärken, damit diese lernten, Gefahren selbst zu erkennen und sich selbst zu schützen, erklärte die Staatssekretärin. Das Ministerium für Integration, Familie, Kinder, Jugend und Frauen des Landes Rheinland-Pfalz ist unter den Ländern federführend für Jugendschutz zuständig.

Der KJM-Vorsitzende Schneider wies zudem darauf hin, dass es auch im technischen Jugendschutz großen Handlungsbedarf gebe. „Im Zeitalter des Web 2.0 brauchen wir Jugendschutzprogramme, die auf interaktiven Plattformen für Jugendliche riskante Inhalte wirksam herausfiltern.“ Zwar gebe es diese technischen Möglichkeiten bereits teilweise, sie seien jedoch wenig bekannt und würden zu selten genutzt. Entsprechende Software-Programme müssten zudem auch international publik gemacht werden und zum Einsatz kommen.

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