Modellprojekte : Psychotherapie im Netz

<p>Psychologische Beratung kann auch auf digitalem Weg funktionieren.</p>

Psychologische Beratung kann auch auf digitalem Weg funktionieren.

Keine Wartelisten, keine fixen Termine: Das versprechen Online-Psychotherapien. Bisher in Deutschland nur Modellprojekte.

svz.de von
02. September 2015, 18:58 Uhr

In der Not zu Hause am Computer sitzen. Aufgaben bewältigen, um durch den Tag zu kommen. Aufschreiben, ob man es geschafft hat. Absenden an den Therapeuten. „Das ist nicht leicht, wenn man in einer depressiven Phase ist“, sagt Hannes Bruehl. Seine Depressionen kehren immer wieder, er hat Familie und Beruf, aber keinen Therapieplatz. Bis er einen  Platz in einem Modellprojekt ergattert - für Internet-Therapie. Ein Angebot, von dem nicht alle Therapeuten überzeugt sind.

Das Angebot „net-step“ richtet sich an Patienten mit Depression, sozialer Phobie oder Panikstörung. Es ist ein Experiment am Krankenhaus in Neuss, das von einer wissenschaftlichen Studie begleitet wurde. Gerade erst ist sie abgeschlossen.

„Meine Frau sagt, ich falle nicht mehr in so tiefe Löcher wie früher“, sagt Bruehl. Die Therapie im Netz habe ihm geholfen, früh gegenzusteuern. „Sogar schwer depressive Patienten haben sich durch unsere Behandlung deutlich verbessert“, sagt Therapeut Ulrich Sprick.  Die Studie zeigte: Die Heilungschancen seien so gut wie bei einer herkömmlichen Verhaltenstherapie.

Mehr als 100 Patienten haben an dem Projekt teilgenommen. Dabei geht es darum, unangemessene Wahrnehmungen, Bewertungen und Gedanken, die zu Angst, Ärger und Depression führen, umzugestalten - ohne zu persönlichen Sitzungen zu gehen. Dennoch ist die Behandlung von einem Therapeuten geleitet. Der Patient lernt seinen Betreuer zu Beginn persönlich kennen, danach stehen sie über Nachrichten in Kontakt.  Das Angebot war der Krankenkasse AOK zufolge bundesweit das erste seiner Art.

Die Vorteile der Internet-Psychotherapie liegen für die Befürworter auf der Hand: Der Patient entscheidet, wann er mit dem Therapeuten in Kontakt ist und wie oft. Auf vorher festgelegte Termine braucht er nicht zu warten, in die Praxis muss er auch nicht. „Eine Patientengruppe, die man nicht vergessen darf, sind Menschen, die über Mails oder SMS Kontakt zu Therapeuten aufnehmen - und sofort klarstellen: Ich komme nicht in die Praxis - aus Scham oder Angst“, sagt der Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtk), Ernst Dietrich Munz. Für sie kann Online-Kommunikation ein Einstieg sein.

Und: Im Netz muss der Therapeut nicht sofort antworten, sondern kann überlegen oder mit Kollegen beraten. Eben das ist einer der Gründe, warum der Psychoanalytiker Jürgen Hardt skeptisch ist: Die Hilfe, die der Patient online erhalte, sei nur vermeintlich optimal. „Die Patienten fühlen sich zwar besser verstanden. Die Hilfe kommt wie vom Himmel“. Therapeuten könnten ihre eigene Überforderung verstecken. Fällt der ideale Therapeut weg, so befürchtet Hardt, kann der Patient nicht selbst eine Lösung finden.

„Wir wollen doch gerade Dinge herausfinden, die sich die Person selbst nicht eingesteht“, sagt Hardt. Bewusst Geschriebenes reiche nicht für eine Therapie.

Auch aus der Sicht von Online-Befürworter Spricks kann die Psychotherapie im Netz das persönliche Gespräch nicht komplett ersetzen. Mimik und Gestik nimmt der Therapeut im reinen Mail-Verkehr nicht wahr, auch nicht den Tonfall.  Ist ein Patient nahe dran, sich das Leben zu nehmen - der Therapeut kann es nur schwer erkennen.

Persönlicher Kontakt zum Patienten ist eine Bedingung dafür, dass gesetzliche Krankenkassen die Kosten für eine Psychotherapie übernehmen. Online-Therapie müssen sie nicht bezahlen, können es im Einzelfall aber. Bevor sich die Therapeuten gemeinsam dafür einsetzen, dass Therapien im Netz eine Regelleistung der Kassen werden, sind auch technologische Probleme zu lösen. Sie haben mit der Berufsethik zu tun.

 Martin Stellpflug, BPtK-Justiziar und Medizinrechtler gibt zu bedenken: „Bei Online-Therapien ist nicht gesichert, dass da wirklich die Hausfrau, 40 Jahre, sitzt. Und nicht ein 12-Jähriger.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen