Internetsucht bei Jugendlichen : Nur ein Hobby oder Sucht?

2qxn1559
1 von 2

Betroffene vernachlässigen Kontakte, Ausbildung und ihren Körper. Tipps zu Erkennung und Umgang mit Internetsucht bei Jugendlichen

svz.de von
30. November 2015, 18:04 Uhr

Das Bild vom Internet-Junkie, der von Fast Food lebt und sich selbst vernachlässigt, ist nicht nur ein Klischee. Für Eltern ist es schwer zu beurteilen: Ab wann verbringt mein Kind zu viel Zeit vor dem PC? Und ist es nicht mehr nur ein Hobby, sondern schon eine Sucht? Die wichtigsten Tipps im Überblick:

Gibt es körperliche Anzeichen?

Internetabhängige vernachlässigen den eigenen Körper häufig. „Manche verwahrlosen regelrecht, sind übergewichtig, manchmal auch untergewichtig, leiden unter Lichtmangel, haben Augenprobleme oder Sehnenscheidenentzündungen vom vielen Spielen“, sagt der Arzt, Psychotherapeut und Autor Bert te Wildt von der Bochumer Ambulanz für Internetabhängige.

Welche Lebensbereiche leiden unter der Sucht?

Auch der soziale Bereich wird oft vernachlässigt. „Echte Freundschaften gehen zu Bruch und Partnerschaften haben viele Betroffene oft noch gar nicht erlebt“, so der Arzt te Wildt. Zudem mache sich Abhängigkeit auch bei den Leistungen bemerkbar. Viele Betroffene gehen kaum noch zur Schule, zur Ausbildung oder vermasseln das Studium. „Anfangs sind sie insgeheim sogar froh darüber, dass alles andere kaputt geht, dann können sie dem Netz nämlich 24 Stunden zur Verfügung stehen.“

Was sind frühzeitige Anzeichen?

Nur weil der Jugendliche viel Zeit im Netz oder bei Computerspielen verbringt, ist das nicht gleich ein Problem. Aufmerksam werden sollten Eltern, wenn ihr Kind gedanklich stark von dem Computerspiel eingenommen ist, erklärt Dreier.

In den USA hat die American Psychiatric Association neun Abhängigkeits-Merkmale formuliert. Dazu gehören gedankliche Vereinnahmung, Entzugserscheinungen, Kontrollverlust und ein Weitermachen trotz negativer Konsequenzen. Das wäre der Fall, wenn das Lernen für die nächste Klassenarbeit dem Computerspiel zum Opfer fällt, obwohl so die Versetzung in Gefahr gerät. Das Zentrum nennt als Warnsignale auch immer kürzere Abstände zwischen der Internet-Nutzung sowie launische oder aggressive Reaktionen, wenn kein Zugang zum Netz möglich ist.

Wie kann ich der Sucht vorbeugen?

Die goldene Regel lautet: „Breit aufgestellt sein“, sagt Michael Dreier von der Universität Mainz. Das bedeutet: Das Kind sollte nicht nur ein Hobby haben, sondern vielfältige Interessen. So ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass das Internet als einziges Ventil bei Stress oder Langeweile dient.

Wie gehe ich mit einem Verdacht um?

Wichtig ist, sachlich zu kommunizieren, nicht emotionsgeladen. Statt vorwurfsvolle Sätze anzufangen mit „Du machst“ oder „Du bist“, ist es besser, Wünsche und Ideen zu formulieren, rät Dreier. Gut ist auch, Fragen zu stellen - etwa: „Wie kam es dazu?“ Eltern können sich auch zeigen lassen, womit der Jugendliche seine Zeit am PC verbringt, um es besser zu verstehen.

Zu Hause den Stecker zu ziehen, wenn man meine, das Kind habe lang genug vor dem Rechner gesessen, sei keine gute Lösung, warnt der Geschäftsführer des Gesamtverbandes für Suchthilfe, Theo Wessel. „Eltern sollten versuchen, mit den Kindern ins Gespräch zu kommen und Zeiträume für die Internetnutzung vereinbaren.“

Welche Regeln können aufgestellt werden?

Eltern können gemeinsam mit dem Jugendlichen Verhaltensregeln formulieren, an die sich die ganze Familie hält. Etwa, dass gemeinsame Essenszeiten eingehalten werden. Und dass dabei das Smartphone vom Tisch bleibt.

Außerdem können die Zeiten vor dem PC begrenzt werden. Gleichzeitig ist aber wichtig zu überlegen: „Was kann eine lohnenswerte Alternative sein?“ Vielleicht macht es Spaß, wenn die Familie gemeinsam zum Sport geht.

Wo gibt es Hilfe?

Sind sich Eltern unsicher, können sie Unterstützung vom Profi anfragen. Bei der Ambulanz für Spielsucht der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz etwa gibt es kostenlose und anonyme Beratung für Betroffene und Angehörige unter der Telefonnummer 06131/17 60 64.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen