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Internet und Kirche : Luther würde heute twittern

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Online-Potential längst nicht erschöpft: die Internetbeauftragte der Nordkirche wirbt für Wlan, Hotspots und Twitter-Gottesdienste

Die Digitalisierung macht auch vor den Gemeinden keinen Halt. Zum Reformationstag sprach Kay Müller mit der Internetbeauftragten der Nordkirche, Doreen Gliemann, über die Bedeutung sozialer Medien für die Kirche.

Frau Gliemann, 2017 ist Lutherjahr – würde Martin Luther heute leben, würde er seine 95 Thesen dann twittern?

Ich glaube schon. Luther hat damals alle Formen der Kommunikation genutzt – das würde er wohl auch heute tun.

Und deswegen muss die Kirche auch bei Facebook und Twitter aktiv sein?

Die sozialen Medien gehören heute zum gesellschaftlichen Leben dazu – auch für uns. Facebook und Twitter brauchen wir als Kirche, um bei bestimmten Personengruppen stärker wahrgenommen zu werden. Der Hauptteil unserer Nutzer ist zwischen 30 und 48 Jahre alt und Mitglied der Kirche. Es sind aber eben keine Angestellten der Kirche, sondern Mitglieder, die die sozialen Medien vorwiegend als Nachrichtenkanal nutzen.

Bekommen Sie denn auch kritische Kommentare?

Nicht nur kritische, sondern auch regelrechte Hasskommentare – etwa wenn es um Flüchtlingsinitiativen geht. Allerdings gebe ich Radikalen keinen Zentimeter Forum und moderiere sehr streng. Wir wollen einen Ort des friedlichen Dialogs. Und wir setzen ein Zeichen gegen rohe Sprache im Netz und leben vor, dass man sich auch vernünftig auseinandersetzen kann. Dazu gehört auch, dass wir über Facebook Gebete senden – oder jeden Sonntag den Segen.

Sollten denn auch Bischöfe bei Facebook aktiv sein? Der Papst ist ja auch bei Twitter...

...allerdings antwortet der Papst da auch nicht selbst. Aber was die Nordkirche angeht, würde ich es schon gut finden, wenn auch Bischöfe in den sozialen Medien aktiv werden würden. Denn das bringt sie näher an die Menschen und fördert die Kommunikation. Allerdings ist das aus meiner Sicht nur sinnvoll, wenn es authentisch ist und sie es persönlich leisten können.

Wo ist für Sie die Grenze? Welche kirchlichen Dinge gehören nicht ins Netz?

Alles was Seelsorge und große persönliche Sorgen betrifft, sollte man nicht über das Internet besprechen. Da hinterlässt doch jeder eine Datenspur, von der man nicht weiß, ob sie nochmal jemand anderes findet.

Durch Online-Gottesdienste würden die Kirchen sich doch weiter leeren?

Der Gottesdienst ist immer ein Ort der direkten Begegnung, das kann man online nicht erreichen. Aber warum nicht zu Twitter-Gottesdiensten einladen, in denen viele Menschen in der Kirche sitzen und über eine Leinwand Kommentare von denen eingeblendet werden, die nicht da sein können? Das sehe ich als Zusatzangebot. Am Ende muss das jede Gemeinde selbst entscheiden – genauso wie mit etwaigen WLan-Zugängen in den Kirchen.

Sie wollen „Godspots“ in der Nordkirche?

Wenn Sie damit den Pilotversuch der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz meinen, die in vielen Kirchen kostenloses WLan anbieten wollen, kann ich Ihnen sagen, dass wir das sehr genau prüfen. Und ich persönlich finde, dass es da viele interessante Ansatzpunkte für die Nordkirche gibt.

Aber die Kirche ist doch ein Ort der Ruhe. Wird der nicht zerstört, wenn jeder Besucher dort mit dem Smartphone rumfummelt?

Das glaube ich nicht. Über das WLan können Besucher Wichtiges über die Kirche erfahren. Und darüber können sie auch zur Ruhe finden. Und außerdem kann ich mir keine Kirche vorstellen, in der das WLan rund um die Uhr läuft. Jede Gemeinde kann selbst entscheiden, wann sie es abschaltet, beispielsweise während der Gottesdienste.
 

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