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Eine Woche Monsterjagd in Deutschland : Kurioses und Rechtliches rund um „Pokémon Go“

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Pärchen beim Sex erwischt, Festnahme, Verkehrsunfall: Das Online-Spiel „Pokémon Go“ hält Deutschland in Atem. Auch rechtlich gibt es Einiges zu beachten.

svz.de von
erstellt am 20.Jul.2016 | 12:05 Uhr

In den 1990er Jahren war „Pokémon“ ein Hype - dann verschwanden die kleinen Monster in der Versenkung. Jetzt sind sie zurück - als Online-Spiel fürs Smartphone. In Deutschland ist „Pokémon Go“ seit einer Woche zu haben - und hat einigen Wirbel verursacht.

Entdecker

„Pokémon“ bringt die Menschen vor die Tür - und manchmal auch an ungewöhnliche Orte. In Frankfurt stiegen Jugendliche auf das zehn Meter hohe Dach eines Einkaufszentrums, um dort nach den virtuellen Viechern zu suchen. Und ebenfalls in Frankfurt haben sich die virtuellen Monster in den dunklen Gängen eines gesperrten S-Bahn-Tunnels verirrt. Für den Rhein-Main-Verkehrsverbund war das ein bisschen zu viel Abenteuer: „Auch wenn es euch schwerfällt, doch für die Jagd ist und bleibt der #tunnelzu ;)“, twitterte das Unternehmen zur Sicherheit.

Gefahr

Auf der Suche nach kleinen „Pokémon“ haben sich einige Spieler in Gefahr gebracht. In Niedersachsen wurden drei „Pokémon“-Fänger auf einem Truppenübungsplatz erwischt, auf dem gerade mit scharfer Munition geschossen wurde. Der Wachdienst hat das Trio auf dem Gelände der Bundeswehr in der Lüneburger Heide entdeckt.

Eine 16-Jährige aus Schleswig-Holstein wurde sogar Opfer eines Verbrechens. Auf der Suche nach einem „Pokémon“ riss ihr ein Radfahrer das Handy aus der Hand.

In Dänemark stieß ein 49-jähriger Spieler auf der Suche nach den kleinen, virtuellen Monstern auf eine Leiche in einem Entwässerungskanal.

Kriminalität

Dem ein oder anderem hat „Pokémon“ Ärger mit dem Gesetz eingehandelt. Eigentlich wollte ein Marihuana-Konsument in München kleine „Pokémon“ fangen, dabei ging er allerdings selbst der Polizei ins Netz. Der 30-Jährige war in München mit einen Joint unterwegs - und dabei so in das Spiel auf seinem Handy vertieft, dass er die Streife nicht bemerkte. Und in Trier wurde ein per Haftbefehl gesuchter Mann beim „Pokémon“-Spiel von der Polizei aufgegriffen - und muss nun für ein halbes Jahr ins Gefängnis.

Liebe

Mancher findet beim Spielen nicht nur kleine Monster, sondern auch die wahre Liebe. Nun ja, nur leider nicht die eigene. Ein junger Mann in Schwaben stieß in einer Grünanlage auf ein alkoholisiertes Pärchen, dass gerade Sex in freier Natur hatte. Das ließ sich auch von dem „Pokémon“-Spieler nicht in seiner Lust bremsen.

Nacht

Als Kind wanderten viele auf der Suche nach Geistern mit Klassenkameraden durch die Nacht. Heute stehen die virtuellen Monster im Mittelpunkt. Knapp 1000 Teilnehmer haben sich in Hannover zur „Pokémon Go Nachtwanderung“ getroffen. „Man lernt extrem viele Leute kennen, und es ist ein Kindheitstraum von mir, draußen “Pokémon „ zu fangen“, sagte ein 23-jähriger Teilnehmer. Auch etwa in Berlin gab es eine „Pokémon“-Jagd.

Geschichte

Nicht überall ist die Monsterjagd angebracht. Die bayerischen KZ-Gedenkstätten etwa wollen keine „Pokémon“. Die ehemaligen Konzentrationslager Dachau und Flossenbürg sollten nach Wunsch der verantwortlichen Stiftung als mögliche Spielorte aus der Smartphone-App herausgenommen werden. Auch die Gedenkstätte Auschwitz hatte die Macher der App aufgefordert, das Gelände des ehemaligen deutschen Konzentrationslagers in Polen aus dem Spiel zu entfernen.

Verkehr

Mit einem Fahrzeug jagt es sich besser als zu Fuß? Auf diese Idee kam ein 24-Jähriger in Bochum. Der Mann war einem Fahrradpolizisten aufgefallen, als er während der Fahrt sein Handy in der Hand hielt und bediente. Auch in Berlin war ein Spieler auf Monstersuche - mit dem Fahrrad. Der Mann suchte mit Schrittgeschwindigkeit und einer Hand am Lenker die Umgebung nach den „Pokémon“ ab. Die Handynutzung ist im Straßenverkehr allerdings verboten - das gilt nicht nur fürs Telefonieren.

Keine gute Idee: „Pokémon-Go“ während der Autofahrt spielen

Keine gute Idee: „Pokémon-Go“ während der Autofahrt spielen

Foto: Sophia Kembowski
 

Fünf Tipps für eine Monsterjagd ohne juristische Zwischenfälle

1. Arbeitsplatz
Das Spielen am Arbeitsplatz kann heikel werden. Bilder vom Monster auf der Tastatur verstoßen möglicherweise gegen die Geheimhaltungspflicht gegenüber dem Arbeitgeber, gibt Anja Mareen Decker von der Rechtsschutzversicherung Advocard zu bedenken. Zudem sollten Arbeitnehmer lieber nur das private, nicht das Firmenhandy nutzen. „Die Datenschutzbestimmungen der App sind sicher nicht im Sinne vieler Unternehmen", so die Expertin.

2. Hausfriedensbruch
Die Jagd auf Monster ist spannend. Da kann der Spieler schon mal übermütig werden und auch Orte betreten, wo er eigentlich nicht einfach hin darf. Dann begeht er möglicherweise sogar Hausfriedensbruch. Decker: „Egal wie anziehend ein Monster auf dem Fensterbrett des Nachbarn also wirkt – Gärten, Auffahrten und Wege zur Haustür sollten nicht unbefugt betreten werden, sonst kann es Ärger geben.“

 

3. Störungen im Unterricht
Der Hype der Monstersuche hat vor allem Jüngere erfasst. Sie wollen möglichst immer und überall auf virtuelle Entdeckungstour gehen. Auch in der Schule, im Unterricht. Doch Lehrer können aufatmen, bestätigt Decker. Denn laut der Rechtsexpertin sei es ihnen erlaubt, Handys im Unterricht einzusammeln. Sie setzen damit lediglich die Hausordnung der Schule durch, in der heutzutage die Handynutzung während des Unterrichts meist untersagt wird. Nach Stundenende gibt es die Geräte zurück.

4. Eltern haften für ihre Kinder
Die „Pokémon“-Jagd kann schnell ein teurer Spaß werden. Die App ist zwar kostenlos, zusätzliche Hilfsmittel wie neue Fallen oder Lockmodule kosten jedoch extra. Spieler können bei In-App-Käufen Beträge zwischen 1 und 100 Euro für virtuelles Spielzubehör ausgeben. Das wird direkt über die im App-Store hinterlegte Zahlungsmethode, etwa Kreditkarte oder Handyprovider, abgerechnet. So können in kürzester Zeit hohe Summen zusammenkommen, warnt die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz. Wer für Zubehör ohnehin kein Geld ausgeben möchte, sollte vorbeugend in den Einstellungen des Smartphones In-App-Käufe sperren oder ein Passwort zur Kauffreigabe einrichten, insbesondere wenn ein Kind mit dem Gerät spielt. Eltern sollten dennoch die Käufe ihrer Kinder im Blick behalten. Denn auch wenn minderjährige Kinder die Einkäufe ohne Zustimmung ihrer Eltern getätigt haben, könne es schwierig werden, das Geld zurück zu bekommen, mahnt Advocard-Rechtsexpertin Anja Mareen Decker.

5. Handynutzung im Straßenverkehr
Fußgängern und Radfahrern, die gedankenverloren „Pokémon-Go“ spielen, drohen Bußgelder. Das teilt der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) mit. Denn die Straßenverkehrsordnung (StVO) gilt auch für sie. Betreten sie die Fahrbahn, obwohl Seitenstreifen oder Gehwege vorhanden sind, werden mindestens fünf Euro fällig. Das gilt auch, wenn sie bei Rot über die Ampel gehen oder über Absperrungen klettern. Werden dadurch Unfälle verursacht, wird es noch teurer. Radler müssen sich auf 25 Euro bei Handynutzung einstellen.

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