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Digital

11. Dezember 2017 | 18:14 Uhr

„Ich bin ein Chardonnay“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Sprechender Wein, rechnende Einkaufswagen – Supermärkte müssen sich verändern / Die Verzahnung mit der digitalen Welt beginnt

svz.de von
erstellt am 04.Sep.2014 | 10:39 Uhr

„Sie fühlten sich wie Diebe, wenn sie die Ware selbst aus dem Regal nahmen“, erzählt Einkaufsexperte Stephan Becker-Sonnenschein. Man gab es ihnen schriftlich: Zucker, Marmelade, Milch einfach einpacken und zur Kasse schieben. Das war vor 65 Jahren, als am 5. September 1949 in Hamburg Deutschlands erster Selbstbedienungs-Supermarkt öffnete. Das schleichende Ende der Tante-Emma-Läden begann. Jetzt sieht sich der Lebensmittelhandel wieder vor einer Zäsur. „Mit der digitalen Technologie kommt ein Wandel in Servicequalität und Bequemlichkeit“, sagt Becker-Sonnenschein, der Geschäftsführer des Vereins Lebensmittelwirtschaft, voraus. Zwar glauben Experten kaum, dass der Onlineeinkaufs-Boom von Büchern und Mode auf Gemüse und Milch überschwappt. Doch Supermärkte müssen sich verändern. Wenn wahr wird, was sich Gerrit Kahl vom Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz in Saarbrücken vorstellt, wäre eine Bedienungsanleitung auch diesmal keine schlechte Idee: Er hat einen intelligenten Einkaufswagen entwickelt, mit einem online von zu Hause gefüllten Einkaufszettel und Navigationssystem, das den Weg zur Ware kennt. Ein Einkaufswagen, der dem Kunden folgt wie ein Hund. „Wir brauchen mehr Spaß im Supermarkt“, sagt der junge Informatiker - und meint damit auch Weißwein, der sich mit französischem Akzent selbst vorstellt, wenn er aus dem Regal genommen wird: „Ich bin ein Chardonnay.“ Doch es geht nicht nur um Spielerei: Mit Allergie-Informationen gefütterte Handys könnten vor Müsli mit Nüssen warnen, der Einkaufswagen den Warenwert zusammenrechnen. Noch, so gibt Kahl zu, sind das Visionen. Doch Supermärkte reagieren längst auf neue Ansprüche. Franz-Martin Rausch, der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands des Lebensmittelhandels, nennt Kassen zum Selbsteinscannen, Kochkurse und die Sushi-Bar neben der Fischtheke. Doch es dauert noch: „Die Verzahnung mit der digitalen Welt ist erst am Anfang.“ Konsumforscher Joachim Zentes vom Institut für Handel der Universität des Saarlands, sagt bis 2025 einen Marktanteil von sechs Prozent voraus. Wachstumschancen gibt Zentes vor allem Supermärkten, die Nischen besetzen: veganen Ketten, überdachten Wochenmärkten, Markthallen, die ein Gefühl von Regionalität und Frische vermitteln.
Max Thinius vom Online-Supermarkt allyouneed meint: Gerade bei Spezialprodukten sei das Internet mit seinem unendlichen Sortiment unschlagbar. Ein Klick und der Kunde sehe einen glutenfreien Supermarkt auf dem Bildschirm. Oder bio, oder laktosefrei. „Wir werden den Supermarkt nicht überflüssig machen“, zeigt sich Thinius realistisch. Doch gerade ältere Kunden hätten im Internet schon begeisterte Bewertungen hinterlassen. Nach dem Motto „Online einkaufen = Omma glücklich“.


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