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Facebook Debatte : Gute Nippel, böse Nippel und viel Hetze

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Aktion #NippelstattHetze sorgt im sozialen Netzwerk Facebook für Furore – doch hat die Aktion ihr Ziel verfehlt?

svz.de von
erstellt am 03.Dez.2015 | 20:55 Uhr

Facebook und Co. sind mächtige Plattformen für jegliche Botschaft – und werden zunehmend als Kanal für Hass und Fremdenfeindlichkeit missbraucht. Wenn es um die Kontrolle der Beiträge geht, hängen die Betreiber der Sozialen Netzwerke noch in der Steinzeit fest, so scheint es. Zwar hat Facebook sich schon bereiterklärt, rassistische Kommentare schärfer zu kontrollieren, passiert ist bisher aber wenig. Nun will sich auch die EU einschalten und die Betreiber in die Pflicht rufen.

Ganz nebenbei sorgt ein Bild von Fotograf Olli Waldhauer mit dem griffigen Hashtag #NippelstattHetze online für Furore. Auch er kritisiert, dass Facebook im Kampf gegen Rassismus im Internet nicht genug tut, gegen weibliche Brustwarzen dagegen umso mehr. Sein Foto wurde bereits millionenfach in dem sozialen Netzwerk geteilt. Es zeigt Erotik-Model Leila Lowfire barbusig und den Schauspieler Matthias Weidenhöfer mit einem Schild in der Hand. Die Aufschrift: „KAUFFT NICHT BEI KANAKEN“.

Wer einmal über die offensichtlichen Rechtschreibfehler und Andeutung eines eher unvollständigen Bildungsstandes hinwegsieht, erkennt in dem Spruch die Anlehnung an einen Slogan des Nationalsozialismus – „Kauft nicht bei Juden“. Waldhauers Foto ist somit zugleich rassistisch und sexuell anstößig – mit Absicht. Nach gut 21 Minuten wurde es dem entsprechend von Facebook gelöscht. Nicht jedoch wegen der fremdenfeindlichen Äußerung, sondern aufgrund des nackten Busens.

In einem Gegen-Test zensierte Waldhauer die Nippel der jungen Frau mit Sternchen – stylisch! – und stellte das Bild erneut ins Netz. Dieses Mal blieb es online. Auf einmal war es regelkonform. „Der rassistische Spruch störte erwartungsgemäß niemanden“, resümiert Waldhauer. Mit seiner Aktion möchte er daher aufrütteln. Vor allem die Verantwortlichen des amerikanischen Unternehmens Facebook, die bei dem kleinsten Anzeichen nackter Haut hysterisch den Lösch-Button betätigen. „Wir beschränken Bilder mit weiblichen Brüsten, wenn darauf Brustwarzen zu sehen sind“, heißt es in den Richtlinien. Der Anblick könnte einige Nutzer stören. Nicht aber der von Tierquälerei, Folter oder den vielen rechten Parolen und Bannern, die beinahe täglich durch das soziale Netzwerk wabern?

Und mal abgesehen davon, dass die Nippel-Beschränkung nur für weibliche, nicht aber männliche Mamillen, wie sie in Fachkreisen heißen, gilt, warum traut man uns nicht zu, hier und da eine Brust verarbeiten zu können?

Klar, würde man das Verbot dauerhaft lösen, könnte Facebook über Nacht zum Porno-Netzwerk werden. Die 27 Millionen User allein in Deutschland würden – neben den Meldungen entfernter Bekannter, die sie sowieso nicht interessieren, und „lustigen“ Katzenvideos – mit Brüsten nahezu überschwemmt werden. Wie nervig das sein kann weiß jeder, der im Netz schon einmal „falsch abgebogen“ ist.

Doch so rigoros die amerikanischen Sittenhüter bezüglich der Frauen-Nippel auch sein mögen: Bei rassistischen und fremdenfeindlichen Kommentaren passiert oft nichts. Daher landete das Foto – und die Botschaft – von Olli Waldhauer wieder und wieder im Netz, auch wenn zwischenzeitlich die gesamte Pinnwand des Fotografen gesperrt wurde. Grund genug für Waldhauer, das Bild auch für andere User frei zugänglich zu machen. Denn alle Nippel kann Facebook bei der Fülle an täglichen Beiträgen nicht ausfindig machen.

Von offizieller Seite dementiert das Unternehmen bisher, in Sachen Brustwarzen und Hetze eine Doppelmoral zu haben. Bei Bildern sei die Entscheidung schlicht und ergreifend eindeutig: Sieht man einen Nippel oder nicht? Bei Kommentaren dagegen sei es schwer zu entscheiden, ob die Aussage noch durch die Meinungsfreiheit gedeckt sei oder gegen die Netiquette verstößt.

Die Frage, die sich aufdrängt, ist aber eher die, ob die Sachverhalte miteinander vergleichbar sind. Denn wer zu blanken Busen im Netz nein sagt, muss ja nicht automatisch auch Hass verbieten, oder? Sonst könnte man auch Gras als Suchtmittel erlauben, wenn Bier in Ordnung ist.

Gelohnt hat sich die Aktion trotzdem. Inzwischen gibt es auf Facebook deutlich mehr Gegenwehr gegen Hetze – und einige exotische Bilder nackter Frauen mit Männer-Nippeln.

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