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Zentrale : Googles Spielwiese in Hamburg

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Zu Besuch in der Deutschland-Zentrale: Zwischen buntem Spieleparadies und Milliardengeschäft mit Daten

Schöne hippe Welt: Lena Wagner fläzt sich in ein Schaumstoff-Würfelbad und knautscht sich einen der Quader hinter dem Rücken zurecht. „Hier kann man entspannt arbeiten“, sagt die Google-Sprecherin. Der Raum im Google-Hauptquartier in Hamburg ist gestaltet wie ein Schwimmbad: Eine Sprossenleiter führt über die „Pool-Kante“ in eine Mischung aus eckigem Whirlpool und Bälleparadies. Wer der Büro-Atmosphäre bei Google entfliehen möchte, kann sich hier einkuscheln, in einem riesigen Holzfass verstecken oder in einer mit orangem Frottee bezogenen Zelle – intern Bibo-Höhle genannt – Schach spielen. Der Arbeitsplatz der 500 Mitarbeiter wirkt wie eine Mischung aus Design-Ausstellung, Computerraum und Indoor-Spielplatz.

Hier werden die Verwaltungsdinge für Deutschland geregelt, die Finanzen und die PR des zweitwertvollsten Unternehmens der Welt. Doch auch Übermächte haben Schwierigkeiten. „Es gibt viele, die Probleme haben, wenn es um Datenschutz geht“, sagt Lena Wagner. Nur um einzuräumen: „Aber beschäftigen wollen sich damit die wenigsten.“

Einer schon. Google wird skeptisch beäugt, auch aus den Büros des Unabhängigen Landesdienstes für Datenschutz (ULD) in Kiel. Der sperrige Name klingt nicht nur weniger hip, auch hatte in den Büros der Innenarchitekt weniger Spielraum und flüchtete sich in nüchterne blaue Auslegeware und Holzmöbel. Der Rest wurde den Bürobewohnern zur Verzierung offen gelassen. Fotodrucke von Rafting-Szenen hängen an der Wand beim obersten Datenschützer Thilo Weichert. Auf dem Schreibtisch ein umgekipptes Playmobil-Männchen im Kanu. Der Datenschützer hat mit einem Feldzug gegen Facebook Bekanntheit erlangt. Sein zweiter Hauptgegner – auch wenn er das Wort lieber nicht verwendet – ist Google.

Mal wieder klingelt sein Telefon, eine Medienanfrage. Die schwäbische Sprachfärbung klingt durch, wenn er sich mit „Moin!“ meldet. Dabei beantwortet er nicht nur Fragen aus dem nördlichsten Bundesland. Auch die Süddeutsche Zeitung ließ sich zu einem Porträt hinreißen: „Ein Mann wie eine Firewall“. Die menschliche Firewall wirft Google massive Datenschutzverletzungen vor. Wer surft, wird beobachtet, sagt Weichert. Die Suchmaschine sammle Daten, um sie werbewirksam anwenden zu können. Google schneidet die Anzeigen auf den Nutzer zurecht. Anhand der Suchanfragen und der angesurften Seiten, die Google-Anzeigen ausspielen, rät das Unternehmen, was der Kunde kaufen möchte. Auch was bei Onlineshops schon im Einkaufswagen lag, aber nicht gekauft wurde, wird noch einmal angepriesen. „Remarketing“ heißt das dann.

Lena Wagner findet das gut. „Ich möchte Werbung sehen, die mich interessiert. Lieber Zalando als GTI“, sagt die 33-Jährige. Doch Weichert lässt das nicht durchgehen, schließlich müsse jeder seine Grenze selbst definieren. „Google macht das auch bei allen, die es nicht wollen“, sagt er. „Und sie fragen auch nicht.“ Daten würden in den USA gespeichert und es sei nicht nachvollziehbar, wer sie nutzt.

Auch die NSA soll Google-Cookies gelesen haben, laut Wagner ohne Wissen des Unternehmens: „Das Ausmaß hat uns schockiert.“ An einigen Schrauben hat Google bereits gedreht. Die Mails laufen mittlerwile verschlüsselt. Auch die Personalisierung der Werbung ist ausschaltbar. Doch die Möglichkeit, Cookies zu deaktivieren, findet man erst nach langer Suche. Aber es gibt sie: Eine Seite, auf der Google preisgibt, was es über den Nutzer zu wissen glaubt. Geschlecht und Alter stehen dort. Es folgt eine Liste von Interessen, von denen nicht immer alle zutreffen. Nicht einmal das Geschlecht rät Google immer richtig. Für die Suchmaschine bedeutet jede Info bares Geld. 97 Prozent des Umsatzes macht Google mit Werbung. Irgendwie müsse man für den Service zahlen, entweder mit Geld oder durch Werbung. „Wir wollen die Suche weiterhin kostenlos anbieten“, sagt Wagner.

Für Weichert ist der Preis der Freiheit allerdings zu hoch. Er rät, Google wo es geht zu umgehen, zum Beispiel über die anonyme Metasuche „Ixquick“. Google nutze er selbst nicht mehr. Doch als er erfährt, dass der Internetriese immerhin 30 000 Ergebnisse zu seinem Namen weiß, freut er sich doch ein bisschen.

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erstellt am 11.Apr.2014 | 18:58 Uhr

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