Digitale Anwendungen : Gesund mit Technik und Menschenverstand

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Digitale Anwendungen eröffnen dem Gesundheitswesen neue Möglichkeiten – Über die Entwickler von Gesundheits-Coaches.

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20. August 2016, 16:00 Uhr

„Vor 20 Jahren habe ich eine Dokumentation gesehen: Unser Leben in 2040. Darin konnten die Menschen beim morgendlichen Blick in den Spiegel gleich Daten zu ihrem aktuellen Gesundheitszustand abrufen.“ Für Dr. Nicole Knaack stand fest: „Diese Zukunft will ich mitgestalten.“ Allerdings nicht durch totale Überwachung wie in George Orwells „1984“, an das so mancher bei diesem Szenario denken mag. „Ich will Menschen darin unterstützen, gesünder zu werden – und zu bleiben. Mit Eigenverantwortung statt Kontrolle“, stellt die 58-Jährige klar.

Seit 1991 arbeitet die Pädagogin und promovierte Gesundheitspsychologin bei der Techniker Krankenkasse in Hamburg. Angefangen hat sie im Bereich Gesundheitsprävention. Nach einem beruflichen Ausflug ins Qualitätsmanagement ging sie zurück in ihren alten Bereich. Diesmal jedoch mit ganz neuen Ideen, denn inzwischen hatte sie das Thema eHealth für sich entdeckt. „Grob gesagt, werden unter dem Begriff eHealth digitale Anwendungen im Gesundheitswesen zusammengefasst. Sie dienen der Vorbeugung, der Behandlung und Überwachung von Erkrankungen“, erklärt sie. Das Spektrum reicht vom Robotereinsatz am OP-Tisch über die Online-Terminplanung in Arztpraxen bis hin zu Assistenzsystemen für den Alltag bewegungseingeschränkter Menschen (Ambient Assisting Living) und digitalen Programmen zur Gesundheitsprävention.

Ein Schlüsselerlebnis für ihren weiteren beruflichen Weg hatte Dr. Knaack während eines halbjährigen Auslandsaufenthaltes in Michigan/USA. Sie entdeckte dort an einem Infoterminal im Supermarkt ein Ernährungsprogramm. „Ich konnte einen Ernährungsplan aufrufen und wurde auf Defizite in meiner Ernährung hingewiesen. Das Programm hat mir gesagt, in welchem Regal ich die passenden Lebensmittel für mich finde.“ Zurück in Deutschland, hat sie sich 2005 dafür stark gemacht, den ersten Online-Gesundheits-Coach in einer deutschen Krankenkasse einzuführen. „Der ist inzwischen in die Jahre gekommen.“ Mitte September dieses Jahres kommt daher das Nachfolgeprogramm auf den Markt. „Es ist der erste Online-Gesundheits-Coach, der multifunktional arbeitet“, kündigt sie an.

Die Grundidee des Programms ist einfach: Wer sich auf den Seiten der Techniker Krankenkasse für den Coach anmeldet, entscheidet sich zunächst, was er verändern oder erreichen möchte, zum Beispiel Kopfschmerzen bekämpfen, Nichtraucher werden oder mit Stress am Arbeitsplatz besser umgehen. „Wer diesen Schritt geht, weiß: ,Ich tue das für mich!’“, betont Knaack. Nach der Anmeldung werden Daten abgefragt: Alter, Gewicht, Selbsteinschätzung des Fitnesszustands. Daraus stellt das Programm ein individuelles Training zusammen. Der „Coach“ erinnert dann per E-Mail oder SMS an Trainingsaufgaben, wertet Zwischenergebnisse aus, motiviert, schlägt nächste Schritte vor. Multifunktional wird es, wenn mehrere Bereiche verbunden werden. Möchte ein Nutzer zum Beispiel abnehmen, ist das Programm so konzipiert, dass der Bewegungs- und der Ernährungscoach zusammenspielen.

Erarbeitet wird ein solches Programm immer von einem interdisziplinären Team; den Beruf „Gesundheitscoach-Entwickler“ gibt es nicht. Denn damit die Software am Ende nicht nur einfach zu bedienen ist, sondern die einzelnen Empfehlungen auch medizinisch sinnvoll sind und die Nutzer durch Motivation und individuell angepasste Aufgaben auch dranbleiben, bringen unter anderem Sportärzte, Psychologen, IT-Fachleute, Pädagogen, Marketingfachleute und Techniker ihr Fachwissen ein. Dr. Knaack: „Wer in diesem Bereich arbeiten möchte, muss nicht nur bereit sein, von ihm selbst entwickelte Produkte in die Rente zu schicken, wenn sie technisch überholt sind. Er muss auch neugierig sein auf andere Fachbereiche – und ein echter Teamplayer!“ Und nicht nur in das Programm wird Fachkompetenz und Menschenverstand eingebracht. Für Nachfragen, die während des Coachings auftreten, stehen zusätzlich zu den programmierten Antworten nach wie vor Fachleute zur Verfügung, die sich individuell per Mail einschalten können.

Ein neugieriger Teamplayer ist auch Philipp Blieske. Seit April macht er ein Praktikum im Team von Dr. Nicole Knaack. Der 26-Jährige ist in seinem Abschlusssemester des Master-Studienprogramms „eHealth“ am Institut für EHealth und Gesundheitswesen (IEMG) der Hochschule Flensburg. „Philipp steht für eine ganz neue Generation von Fachleuten auf diesem Gebiet“, freut sich seine Mentorin. Als sie selbst angefangen hat, sich mit dem Thema zu befassen, gab es solche Studiengänge noch nicht. Ihr Ausweg: Ein Pädagogikstudium mit Schwerpunkt auf Gesundheitserziehung. „Das passt für mich nach wie vor gut zusammen“, sagt Dr. Knaack. Auch die Coaches, die sie entwickelt, sind Selbstlernprogramme in Sachen Gesundheit.

Blieske hat seinen Bachelor in BWL gemacht und über ein Austauschprogramm der Hochschule unter anderem einige Monate in einem Marketingprojekt in Namibia gearbeitet. Mit ihm waren auch viele Ärzte dort. Das Thema „Ärztemangel auf dem Land“ sei in Afrika besonders brisant. In einigen Gebieten gebe es dort einfach gar keine Ärzte. Aber die Leute hätten Handys und Internet. „Da spielen online verbreitete, die Gesundheit unterstützende Informationen schnell eine große Rolle.“ Im Anschluss an sein erstes Studium hat Blieske den Master in Flensburg begonnen. Weitere fachliche Inspirationen holte er sich im Ausland, zum Beispiel bei einem Aufenthalt in Norwegen. „Die Vernetzung des staatlich organisierten Gesundheitswesens mit der Telemedizin ist dort zum Beispiel viel fortgeschrittener als hier“, sagt er. Bereit zu sein, auch über den Tellerrand zu gucken – das sei eine weitere wichtige Voraussetzung für alle, die in einem noch recht neuen und sich rasant entwickelnden Arbeitsfeld wie Gesundheitscoaching mitmachen wollen, betont Dr. Knaack, die ebenfalls häufig ins Ausland reist. Neugierig ist sie auch auf die innovativen Ideen, die junge Teammitglieder wie Philipp Blieske einbringen. Schon, weil er ein Vertreter der Generation ist, für die neue Medien selbstverständlich zum Alltag gehören. „Alte“ Kommunikationsformen wie den persönlichen Austausch mit einem Berater und den Besuch beim Arzt solle und könne das Online-Gesundheitscoaching nicht ersetzen, stellt Dr. Knaack klar. Technische Neuerungen nicht zu nutzen, hält sie jedoch für falsch. „Unsere Zeit ist nun einmal digital.“ Die Coaches nutzen diese neuen Möglichkeiten und können eine Ergänzung für Menschen bieten, denen die Zeit für ein Fitnesscenter fehlt oder die an Orten wohnen, an denen die Kursangebote nicht ausreichen. Profitieren könnten aber nicht nur ambitionierte, fitte Menschen. Auch Leute mit Beschwerden und Krankheiten könne das Coaching motivieren und unterstützen. Ein klassischer Einsatzbereich sind sogenannte Zivilisationskrankheiten wie Diabetes und Übergewicht. „Mehr Bewegung im Alltag oder eine gesunde Ernährung können wesentlich dazu beitragen, dass es den Betroffenen auch ohne Medikamente besser geht“, so die Gesundheitspsychologin.

„Die Zukunft des neuen Tätigkeitsfeldes ist groß“, da ist sich Dr. Knaack sicher. Mögliche Arbeitgeber sind zum Beispiel Krankenkassen, Kliniken oder Fitnessstudios. Auch für Selbstständige ist ein Markt da, wie die steigende Anzahl von StartUps im Bereich eHealth zeigt.

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