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Digital

18. Dezember 2017 | 04:25 Uhr

Streitbar : Gefangen im Endlos-Tourette

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Kommentarfunktion im Internet sollte Diskurse demokratisieren. Weit gefehlt, findet Jan-Philipp Hein, den die allgemeinen Hasstiraden beunruhigen.

von
erstellt am 27.Sep.2014 | 16:00 Uhr

Meine lieben Kollegen haben ein neues Forschungsobjekt gefunden. Unter dem Mikroskop wenden wir uns derzeit dem „Troll“* zu, eine Spezies Internetnutzer, die dadurch auffällt, dass sie in einer Art Endlos-Tourette auf Redakteure und Autoren losgeht. In Mails, Diskussionsforen, auf Facebook und Twitter wird gepöbelt, was irre Hirne sich in Windeseile ausdenken können. Der zusammengefasste Sprechdurchfall liest sich dann in etwa so: Meine Kollegen und ich sind (wahlweise von den USA, Israel, der Nato, den Zionisten, der jüdischen Lobby, der Industrie) ferngesteuerte Lohnschreiber, die sich verpflichtet haben, durch ihr Schaffen eines der folgenden Ziele zu erreichen: Dritter Weltkrieg, vollständige Unterwerfung Deutschlands (worunter eigentlich?), Abschaffung der Bürgerrechte, und ewig so weiter. Fast jeder, der in unserer Branche zu tun hat, begegnet diesen Wahngebilden immer öfter. Ich zum Beispiel muss mir regelmäßig anhören, von den Israelis und der Atomindustrie gesponsert zu werden.

Was sind das für Leute, die ihren Unwillen, die Welt auch nur verstehen zu wollen, in Shitstorms kanalisieren? Die „Frankfurter Allgemeine“ brachte vor ein paar Tagen ein Stück unter dem Titel „Ich bin der Troll“. Gezeigt wurde ein bemitleidenswerter Frührentner, der hunderte Kommentare am Tag in die Online-Foren der Verlage stellt und glaubt, dass im Gegensatz zu ihm fast alle Menschen nicht denken würden. Eine arme Gestalt wurde da stellvertretend für diese vielen neuen Irren porträtiert.

Doch was erleben wir gerade wirklich? Sitzen immer mehr frustrierte Rentner, erfolglose Kreative, gescheiterte Existenzen und chronische Masturbanten zwischen Pizzakartons und Billigbier an ihren Internetleitungen? Gab es solche Menschen nicht auch vor Jahrzehnten schon?

Oder haben wir es einfach nur mit einer weiteren Ernüchterung über das Medium Internet zu tun, von dem wir uns einst eine Demokratisierung der Kommunikation und den Zugang aller zur Öffentlichkeit erträumten? In der guten alten Medienwelt war es so, dass ein paar wenige in den Redaktionen von oben herab Themen und Diskurse setzten und die Konsumenten sich daran kaum beteiligen konnten. Aus dieser vertikalen sollte eine horizontale Debattenkultur werden. Jeder, der etwas zu sagen hat, sollte zur gemeinsamen Erkenntnis beitragen können. Welch schöne Vision.

Das ist gründlich in die Hose gegangen. Wie alle Utopien, scheitert auch diese an uns Menschen – daran, dass wir eben nicht vollkommen sind. Eine Analogie hilft: Als alle Mitbesitzer „Volkseigener Betriebe“ waren, führte das nicht etwa dazu, dass diese Fabriken und Produktionsstätten zu enorm leistungsfähigen Betrieben wurden. Das Gegenteil trat ein. Wo alle mitverantwortlich sind, ist es in Wahrheit keiner. So erleben wir es auch in der schönen neuen Online-Welt, wo jeder Zugang zu Debatten erhält. Wo sich jeder am Diskurs beteiligt, wird dieser nicht etwa besser, sondern oberflächlicher, hasserfüllter, weniger an der Sache und viel mehr an den persönlichen psychischen Erkrankungen seiner Teilnehmer orientiert.

Die schöne neue Medienwelt hat nicht nur die Debattenkultur negativ verändert. Das Internet macht es erheblich schwieriger, wertvolle, gehaltvolle und belastbare Informationen von Spekulationen, Fehlinformationen, Propaganda und Lügen zu unterscheiden. Ein Beispiel unter vielen sind die „Deutschen Wirtschaftsnachrichten“ – ein Titel der zunächst seriös klingt und Hoffnungen weckt, es könnte sich dahinter echter Journalismus verbergen. Schlagzeilen auf dem Online-Portal lauten: „Sturm-Warnung in Fukushima: Größte Krise der Menschheit droht“, „Deutsche Sparer müssen griechische Regierung retten“ oder „China zu Ukraine: Militärs fordern Vorbereitung auf Dritten Weltkrieg“. Die Seite hat auf Facebook über 40 000 Likes und dürfte häufiger geklickt werden als manch seriöse deutsche Tageszeitung. In der jüngeren Vergangenheit sind eine Vielzahl solcher Pseudo-Nachrichtenseiten entstanden.

Diese Journalismus-Simulationen bestimmen den Krawalldiskurs entscheidend mit. Wenn irgendeine Quelle behauptet, die ukrainische Armee würde gezielt Jagd auf Russen im Osten des Landes machen, ist der Umstand, dass seriöse Medien mit eigenen Korrespondenten vor Ort das nicht vermelden, dem Troll ein Beleg dafür, dass die „Systempresse“ lüge.

So forderten im Zuge der Ukraine-Krise Zehntausende Deutsche, dass RT (ehemals „Russia Today“), ein staatlicher russischer Auslandssender, sein Programm auch in deutscher Sprache verbreite. Um also einem halluzinierten Block „gleichgeschalteter Nato-Medien“ echten Journalismus entgegenzusetzen, verlangt der deutsche Troll nach den gesteuerten Informationen der einen Kriegspartei, die er als Propaganda nicht erkennen will. Putins Verlautbarungssender wird dieser „Bitte“ aus Deutschland demnächst nachkommen. Derzeit baut Russland auf persönliche Weisung des Kreml-Herrschers seinen Berliner Propaganda-Standort massiv aus. Aus zwei als Journalisten getarnten Propagandisten sollen bald rund 30 werden.

Ist das alles gefährlich? Aber ja. Die erhoffte Demokratisierung des Diskurses ist in Teilen seine Abschaffung geworden. Die schöne neue Medienwelt droht zu einem Ghetto zu werden, in dem frei von recherchierten und belegbaren Informationen Verschwörungstheorien und Wahngebilde gedeihen – Parallelwelten, in denen sich ein Denkprekariat radikalisiert, das nicht nur die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, sondern sämtliche „etablierten Medien“ ablehnt. Erste Online-Redaktionen machen als Reaktion darauf jetzt ihre Foren dicht und lassen das Kommentieren ihrer Meldungen nur noch unter strengen Auflagen zu, während gleichzeitig ein gelenktes Medium eines Staates Propaganda auf deutsch macht. Wo führt so etwas hin? Ich weiß es nicht, aber es kann einem bange werden.

Rückblende: Ende der 90er hatte ich als rangniedrigster Mitarbeiter der Lokalredaktion einer Tageszeitung den anstrengenden und undankbaren Job, Anrufe auf dem Lesertelefon zu beantworten. Die Technologie E-Mail war damals zwar schon länger erfunden aber noch weit davon entfernt, ein Massenmedium zu sein. Faxgeräte standen in allen Firmen aber selten in Privathaushalten, Briefe und Postkarten wurden in Kisten angeliefert. Es waren die letzten Tage einer Zeit, in der es einen gewissen Aufwand bedeutete, einem Redakteur die Meinung zu sagen: Briefmarke finden, Stift zur Hand nehmen, Empfängeradresse raussuchen, abschreiben und die Sendung zum gelben Postbriefkasten tragen.

Oder allen Mut zusammennehmen und in der Redaktion anrufen. Mut brauchte es dafür deshalb, weil dem Beschwerdeführer im Echtzeit-Gespräch Gegenargumente um die Ohren fliegen könnten. In virtuellen und zeitversetzten Diskussionen muss der Troll das heute nicht mehr fürchten. Heute braucht es keinen Mut mehr. Ein Internetanschluss und ein Computer reichen aus, um sich wie ein ganz Großer zu fühlen.

* Als Trolle werden in Online-Diskussionen Leute bezeichnet, die offenkundig nur provozieren wollen und Streit suchen. Sie tragen viel Ressentiment und nie Fakten zu Diskussionen bei.

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