zur Navigation springen

Soziale Netzwerke : Filterblase: „Angst ist übertrieben“

vom
Aus der Onlineredaktion

Vertrauen zu klassischen Medien deutlich größer als zu Facebook & Co. - Hamburger Forscher: Risiko in sozialen Netzwerken überschätzt

Nachrichten lassen sich nicht nur über klassische Medien wie Zeitungen und Fernsehen verfolgen, auch soziale Netzwerke werden als Informationsquelle immer wichtiger. Sascha Hölig vom Hans-Bredow-Institut für Medienforschung in Hamburg erläutert im Interview mit Andreas Heimann seine Einschätzung der Angst, viele Menschen könnten bald in einer Filterblase stecken und über soziale Medien nur noch sehr einseitig informiert werden.

Welche Rolle spielen Facebook & Co. für die Nachrichtennutzung in Deutschland?

Hölig: Sie werden wichtiger. Etwa ein Drittel der Befragten hat 2016 Nachrichten über soziale Medien wahrgenommen, und das ist vor allem Facebook. Man muss das allerdings relativieren: Wenn man soziale Medien nutzt, bekommt man auch etwas von Nachrichten mit.

Aber man nutzt soziale Medien nicht, um sich über Nachrichten zu informieren. Man nutzt soziale Medien, um sich mit seinen Kontakten auszutauschen, um Urlaubsbilder anzuschauen. Wir sehen, dass viele Befragte, soziale Medien als Nachrichtenquelle mitangeben, aber nur wenige nennen soziale Medien als wichtigste oder sogar als einzige Nachrichtenquelle.

Wird das Risiko überschätzt, viele Menschen könnten in einer Filterblase nur noch Nachrichten über soziale Medien konsumieren?

Die Zahl derjenigen, die soziale Medien für Nachrichten nutzen, nimmt zu. Das hat auch mit den Strategien der Anbieter zu tun, man versucht ja schon, etwa auf Facebook vertreten zu sein. Und auch der Anteil derjenigen, die sagen, es sei für sie die wichtigste Nachrichtenquelle, ist gestiegen. Aber wir bewegen uns hier noch im einstelligen Prozentbereich. Man sollte das nicht überschätzen, das sind nicht unbedingt die Menschen, die an Nachrichten oder politischen Themen interessiert sind. Die Angst vor der Filterbubble halte ich deshalb für übertrieben.

Auch wenn die Algorithmen in Facebook nur ein bestimmtes Spektrum abdecken, bekommt man in der Regel durch andere Quellen noch andere Nachrichten mit. Ich halte es für einen Vorwand, dass man Wahlergebnisse auf Fake News oder die Filterbubble schiebt. Es gibt auch keinen empirischen Nachweis dafür.

Wie schätzen die Nutzer die Glaubwürdigkeit von sozialen Medien im Vergleich zu Zeitungen, Fernsehen und Radio ein?

Da zeigen alle Studien ähnliche Ergebnisse: Dass das Vertrauen in Zeitungen und in Fernsehnachrichten immer noch am höchsten ist im Vergleich zu sozialen Medien. Man sollte die Bevölkerung in dieser Hinsicht auch nicht unterschätzen. Es ist mit den sozialen Medien wie mit dem Stammtisch, an dem man sich über Gerüchte und Neuigkeiten austauscht. Wie weit dem Glauben geschenkt wird, ist eine andere Frage.

In den vergangenen Monaten ist oft kritisch über Medien diskutiert worden, Stichwort „Lügenpresse“. Das, was Sie beschreiben, klingt insgesamt viel positiver.

Ich bin da tatsächlich positiver gestimmt. Ich denke, dass die Berichterstattung über „Lügenpresse“, über Zweifel an den Medien, ein zu großes Gewicht bekommt. Alle Befragungen dazu zeigen kein so düsteres Bild. Das Problem ist, dass einige Leute, die ihre Meinung im Internet kundtun, dabei sehr, sehr laut sind und dann auch wieder Aufmerksamkeit durch die traditionellen Massenmedien bekommen, obwohl ihr Anteil insgesamt sehr gering ist.

Der Anteil derjenigen, die im Internet auf Seiten wie von „Spiegel Online“ oder in sozialen Medien Nachrichten weiterleitet, liked oder kommentiert, ist gering. Das sind nur ein, zwei Prozent der Bevölkerung, die sich zum Beispiel auf Twitter äußern. Wenn man deren Stimme verkauft als „So reagiert das Netz auf...“, ist das in meinen Augen eine sehr gefährliche Entwicklung. Weil es immer vor allem die extremen Stimmen sind, die im Internet zu hören sind.

Es heißt, Donald Trump habe soziale Medien wie Twitter im Wahlkampf virtuos genutzt. Wie sehen Sie deren Bedeutung für die Kommunikation politischer Nachrichten in Deutschland?

In dieser Hinsicht kann man die USA und Deutschland überhaupt nicht vergleichen, weil die USA ein völlig anderes Mediensystem haben und auch nicht so starke öffentlich-rechtliche Angebote. Schon deshalb spielen das Internet und soziale Netzwerke dort eine viel größere Rolle. Man sollte soziale Medien in Deutschland nicht überschätzen, auch nicht aus Sicht der Nachrichtenanbieter. Wenn man sieht, welche Artikel besonders oft geliked und geteilt werden, sind das fast immer Berichte, die emotionalisieren oder skandalisieren. Und oft haben die Schlagzeilen auch wenig mit dem Inhalt des Artikels zu tun. Das fällt dann wieder zurück auf das Image und die Glaubwürdigkeit der Medien.

 

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen