Nach Datenskandal : Facebook-Nutzer sind ins Netz gegangen

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Nutzer halten Facebook trotz Datenskandals die Treue – aber warum eigentlich?

svz.de von
12. April 2018, 20:45 Uhr

Ein Aufruf machte jüngst die Runde: „Delete Facebook!“ (Lösche Facebook). Die Formulierung war natürlich irreführend, weil kein Mensch der Welt – ausgenommen vielleicht Mark Zuckerberg – beim weltweit größten sozialen Netzwerk einfach den Stöpsel ziehen kann. Licht aus, gute Nacht, Facebook.

Nein, gemeint war lediglich das eigene Nutzerkonto. Protest per Klick: Wer seinen Account löscht, zeigt dem Netzwerk-Riesen aus dem Silicon Valley, dass eine rote Linie überschritten wurde. Dass der jüngste Skandal einer zu viel war. Dass es schlicht nicht sein darf, dass die umstrittenen Datenanalysten von Cambridge Analytica Zugriff auf zig Millionen Nutzerprofile erhielten und so mithilfe von Facebook möglicherweise die US-Wahl beeinflussen konnten.

Das Problem bei „Delete Facebook!“: Kaum einer machte mit. Offenbar wollten sich nur die wenigsten endgültig von diesem Netzwerk lossagen, das es „dir ermöglicht, mit den Menschen in deinem Leben in Verbindung zu treten und Inhalte mit diesen zu teilen“, wie es so harmlos-verklärend im Firmenmotto heißt.

Gericht verbietet Löschung: Nutzer erwirkt einstweilige Verfügung gegen Facebook

Ein deutsches Gericht hat die Löschung eines Facebook-Kommentars vorerst verboten. Ein Berliner Facebook-Nutzer erwirkte laut Mitteilung seines Anwalts vor dem Landgericht Berlin eine einstweilige Verfügung, die es dem Netzwerk untersagt, einen seiner Kommentare zu löschen und ihn deshalb zu sperren.

„Dies ist ein richtungsweisender Beschluss und die erste derartige Gerichtsentscheidung in Deutschland“, erklärte Anwalt Joachim Steinhöfel. Der Anwalt schildert den Fall wie folgt: Anfang Januar verlinkte die „Basler Zeitung“ auf Facebook einen Artikel über Kritik des ungarischen Premierministers Viktor Orbán an der deutschen Asylpolitik. Gabor B. kommentierte darunter: „Die Deutschen verblöden immer mehr. Kein Wunder, werden sie doch von linken Systemmedien mit Fake-News über ‚Facharbeiter‘, sinkende Arbeitslosenzahlen oder Trump täglich zugemüllt.“

Dieser Kommentar war laut Anwalt derjenige mit den meisten „Likes“ gewesen – bis Facebook ihn wegen eines Verstoßes gegen Richtlinien des Netzwerks löschte und Gabor B. für 30 Tage sperrte. Die Äußerung sei aber „von der Meinungsfreiheit gedeckt“ gewesen, argumentiert Anwalt Steinhöfel.

Er mahnte Facebook ab, worauf das Unternehmen die Sperrung des Nutzers aufhob. Den Kommentar stellte Facebook demnach aber nicht wieder her.

Die einstweilige Verfügung zwingt Facebook laut Steinhöfel nun nicht dazu, den Kommentar wiederherzustellen – allerdings dürfe das Unternehmen ihn nicht löschen, sollte der Nutzer ihn erneut veröffentlichen.

Eine Sprecherin des Landgerichts konnte am Donnerstag keine weiteren Angaben zu dem Fall machen. Das Unternehmen kann Rechtsmittel einlegen.

 

Ist Facebook so wichtig? Könnte es ähnlich wie bei Banken sein, die Politiker nicht pleitegehen lassen wollen, weil sie systemrelevant sind („too big to fail“)? Ist die Community sozial zu bedeutsam, um ihr für immer den Rücken zu kehren?

Ohnehin wäre der Abschied Einzelner nicht mehr als eine Kapitulationserklärung, merken Kritiker wie der österreichische Datenschutzaktivist Max Schrems an. Zwar hat er mehrfach mit Klagen gegen Facebook für Aufsehen gesorgt. Aber gegen die Übermacht der Datenkraken Facebook, Google und Co. hätten Einzelkämpfer schlicht keine Chance, ist Schrems trotz seiner bemerkenswerten persönlichen Erfolge überzeugt. Stattdessen sei die Politik gefragt, dem Datenmissbrauch mit sinnvoller Regulierung entgegenzuwirken.

Dass es bis dahin noch ein weiter Weg sein wird, zeigte die erste Kongressanhörung von Mark Zuckerberg in Washington. Sie kam einem Offenbarungseid gleich – und das in doppelter Hinsicht. Die US-Senatoren ließen in ihren Fragen teils ein grundsätzliches Verständnis über die Funktionsweise von Facebook vermissen. Dabei sollten sie diejenigen sein, die diesen und andere Netzgiganten in ihre Schranken weisen. „Wie die Oma, die fragt, wie man das Internet richtig einrichtet“, urteilte Aktivist Schrems etwas flapsig in einem Fernsehinterview am am Donnerstag.

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Lustige Videozusammenschnitte absurder Formulierungen und naiver Fragen tauchten nur Stunden später auf, nachdem die US-Politiker den zu Beginn durchaus nervösen Facebook-Chef auf dem Zeugenstand „gegrillt“ hatten. Die Clips wurden hunderttausendfach geteilt. Wo? Natürlich auf Facebook.
Aber auch Zuckerberg erschien in einem schlechten Licht. Ein paar Mal zu oft musste er auf sein Team verweisen, das Details zu klären habe. Etwa bei der Frage, wie intensiv Facebook die Onlinebewegungen seiner Nutzer „trackt“ (verfolgt und aufzeichnet). Als habe Zuckerberg wie Goethes Zauberlehrling die Kontrolle über seine Schöpfung verloren. Nur ist Zuckerberg eben kein Azubi im ersten Lehrjahr, sondern Erfinder, Gründer und CEO des Netzwerks, das fast die halbe Weltbevölkerung vereint, über zielgerichtete Werbung Milliarde um Milliarde einnimmt und
wegen laxen Datenschutzes und Duldung von Fake News fraglos in der Lage ist, demokratische Wahlen mindestens zu beeinflussen, wenn nicht zu gefährden.

Stichwort „Tracking“: Wie soll ein Nutzer verstehen, welche Daten Facebook wann sammelt und an wen es sie weitergeben darf, wenn selbst der Schöpfer nicht mehr durchsteigt? Was zurück zu „Delete Facebook!“ führt. Die versprengten Nutzer, die die Nase voll hatten und ihr Facebook-Konto löschten, sollten nicht glauben, damit hätten sie ihre Daten ein für alle Mal in Sicherheit gebracht. Nein, die lagern weiterhin auf den Servern des blauen Riesen. Für wie lange und wer sie da noch einsehen kann? Detailfragen fürs Zuckerberg-Team.

Die überwältigende Mehrheit der Nutzer bleibt Facebook ohnehin treu – auch in Deutschland. Aktuell erklärt nur eine kleine Minderheit, in dem Netzwerk künftig weniger aktiv sein zu wollen. Lassen die Datenskandale den Rest einfach kalt? Nein, sagt Bernadette Kneidinger-Müller. „Es gibt bei den Menschen durchaus ein Bewusstsein dafür, dass ihre Daten bei Facebook nicht gut genug geschützt werden“, glaubt die Soziologin mit dem Forschungsschwerpunkt Internet von der Universität Bamberg. Aber: Es finde eine Kosten-Nutzung-Abwägung statt. Die Nutzer bewerten die Vorteile von Facebook – die Kontaktpflege, die Möglichkeit zur Selbstdarstellung und das Auf-dem-Laufenden-Bleiben – höher als die Gefahren von Datenklau und -missbrauch.

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„Privatsphäre-Paradox“, nennt das die Forschung. Menschen geben online Persönlichstes über sich preis, obwohl sie den Schutz des Privaten generell wichtig finden. „Was sollen die schon groß mit meinen Informationen anfangen?“, sei eine bei vielen Nutzern weitverbreitete Unterschätzung der eigenen Wichtigkeit für das Unternehmen, sagt die Professorin Kneidinger-Müller.

Was gibt Facebook den Nutzern, was andere Chatprogramme und Kurznachrichtendienste nicht könnten? Es ist ein Netzwerk, das soziale Teilhabe und Vergleiche ermöglicht. Auch wenn sie im realen Leben nicht dabei sind, erfahren User, welche ihrer „Freunde“ gerade im Urlaub sind, wer heiratet, wer Geburtstag feiert oder Nachwuchs erwartet – und wie alles aussieht.

Glücklicher mache einen das allerdings nicht, sagt Phillip Ozimek. Im Gegenteil. Der Sozialpsychologe von der Ruhr-Universität Bochum beschäftigt sich wissenschaftlich mit der Frage, was die Menschen bei Facebook suchen. Besonders jene User mit einem geringen Selbstwertgefühl, die über das Netzwerk Bestätigung erfahren wollen, fühlten sich nach einem Log-in oft unzufriedener und einsamer als vorher. Selbst die Menschen, die am meisten Zeit auf Facebook verbringen, mögen es nicht sehr, zeigen Studien. Dennoch will kaum einer ohne sein. Wer sein Konto löscht, schneidet sich von einem Teil der Welt ab. Er verliert den Zugang zu einem Netzwerk, das zwar kein Geld kostet, aber trotzdem bezahlt werden will: mit Daten, Zeit und Aufmerksamkeit – und zunehmend mit der Angst, dass das alles vielleicht ein ziemlich großer Fehler ist.

Kommentar von Manuel Glasfort: NetzDG abschaffen

Da ist er nun, der erste Gerichtsbeschluss zum Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG), das die Regierung 2017 trotz heftiger Kritik durchgepeitscht hat. Der Fall zeigt, dass die Warnungen berechtigt waren. Das Regelwerk gegen „Hassrede“ und „Fake News“ im Netz gehört vom Bundesverfassungsgericht geprüft. Oder besser gleich abgeschafft.

Das Gesetz zwingt Netzwerke wie Facebook dazu, „rechtswidrige Inhalte“ binnen kurzer Frist zu löschen. Die Kritiker haben zu Recht moniert, dass hier die Rechtsdurchsetzung privatisiert wird. Eine weitere Befürchtung: Um den drakonischen Bußgeldern zu entgehen, würden die Netzwerke Inhalte im Zweifel löschen. Genau das ist in dem aktuellen Fall geschehen. Ein Nutzer hatte im Zusammenhang mit der Asyldebatte kritisiert, die Deutschen verblödeten wegen „linker Systemmedien“. Das kann man für falsch, paranoid oder geschmacklos halten. Es ist aber nicht mal annähernd strafbar. Meinungsfreiheit bedeutet nicht, dass die Debatte frei von missliebigen Meinungen ist. Das NetzDG aus dem Haus des damaligen Justizministers Heiko Maas nimmt solchen „Beifang“ aber in Kauf.

Wo die Grenzen der Meinungsfreiheit verlaufen, müssen Richter bestimmen – in jedem einzelnen Fall.

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