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Zu Besuch bei Facebook : Facebook-Löschzentrum: „Nach der ersten Enthauptung geheult“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Erstmals öffnet Facebook sein Berliner Löschzentrum für Journalisten. Trennung zwischen Arbeit und Privatleben unabdinglich.

svz.de von
erstellt am 12.Jul.2017 | 06:00 Uhr

Die Arbeit in einem Facebook-Löschzentrum ist nichts für sensible Gemüter. „Ich weiß noch, das erste Enthauptungsvideo - da hab' ich dann ausgemacht, bin raus und habe erstmal ein wenig geheult“, erinnert sich eine Mitarbeiterin. Das sei dann aber auch ihr einziger emotionaler Ausbruch gewesen - weil man beim ersten Mal unvorbereitet dafür sei. „Jetzt hat man sich daran gewöhnt“, sagt die 28-Jährige.

Es ist das erste Mal, dass Journalisten mit drei Mitarbeitern des Löschzentrums sprechen können. Namen dürfen nicht genannt werden, um sie zu schützen. Insgesamt arbeiten hier 650 Menschen im Mehrschicht-Betrieb. Zu ihren Aufgaben gehört es, Einträge zu sichten und zu löschen, die strafbar sind oder gegen Facebook-Regeln verstoßen. Sie alarmieren Facebook, wenn aus einem Beitrag hervorgeht, dass jemand sich selbst oder anderen Schaden zufügen will. Zu den weniger belastenden Aufträgen gehört die Überprüfung der Echtheit von Facebook-Profilen.

Die Politik fordert von den sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter ein konsequentes Vorgehen gegen Hasskommentare und Gesetzesverstöße. Ende Juni beschloß der Bundestag ein Gesetz gegen Hetze und Terror-Propaganda. Die Kritik insbesondere an Facebook: Das Unternehmen mache zu wenig.

In den vergangenen Monaten hatte es kritische Medienberichte über das Zentrum gegeben. Darin beklagten frühere Mitarbeiter unter anderem darüber, dass sie mit den seelischen Strapazen des Jobs vom Arbeitgeber alleingelassen würden. „Ich als Teamleiter weiß ja nicht, ob jemand Betreuung braucht oder nicht“, sagt jetzt einer der Mitarbeiter. Man sei angewiesen darauf, dass die Leute sich selbst melden. An jedem Arbeitsplatz sind jetzt Aufkleber mit Kontaktdaten von Experten für psychologische Betreuung angebracht.

Die Mitarbeiter, die jetzt unter den Augen der Sprecher von Facebook und Arvato mit Journalisten sprechen, zeigen sich verletzt von den Berichten. „Ich war richtig sauer“, sagt eine von ihnen. Weil damit ein Schatten auf die Arbeit der Teams geworfen werde. „Wir retten Leben, wir versuchen, Leuten zu helfen.“ Ihre Kollegin pflichtet ihr bei: „Wenn ich jemandem ersparen kann durch meine Arbeit, dass er das sehen muss, dann finde ich das sehr gut.“ Wenn sie Kinder hätte, würde sie auch nicht wollen, dass diese darüber stolpern.

Ihr Arbeitsplatz sieht aus wie viele andere Großraumbüros. Lange Tischreihen, an denen sich zehn bis zwölf Menschen gegenübersitzen. Pro Raum finden rund 60 Menschen Platz. Die weiße Wand zieren ein großer Facebook-Schriftzug sowie zwei „Gefällt mir“-Daumen und ein App-Icon von Instagram.

Das Enthauptungsvideo, das die Mitarbeiterin so schockierte, bekam sie noch in der Orientierungsphase zu sehen. Später habe sie auch mit sogenanntem „High-Priority-Content“ gearbeitet - zum Beispiel Selbstverletzungen und Suizidgefahr, also Situationen, in denen schnelles Eingreifen nötig ist. Wie lange man diesen Job machen könne? „Jahrelang auf jeden Fall nicht, man möchte sich ja auch weiterentwickeln.“ Ihr Kollege, ein Mittzwanziger, ist härter im Nehmen. „Mich persönlich hat der Inhalt nie gestört“, sagt er. „Nicht dass ich das schön finde, aber ich konnte immer gut trennen zwischen Arbeit und Persönlichem.“ Das sei hier auch gefragt.

Was er in seinem Job gesehen habe, will einer der Journalisten wissen. Kinderpornos? „Ja.“ Tierquälerei? „Ja.“. Mord, Totschlag? „Ja eigentlich alles.“ Einmal sei er beim Psychologen gewesen, um präventiv zu sprechen.

Man kann es nicht anders sagen: Die Leute, die hier arbeiten, nehmen es auf sich, menschliche Filter für den Unrat im Internet zu sein.

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