Datenschutzverstöße : EU jagt Pokémon

„Pokémon Go“ ist bei Jugendlichen sehr beliebt.
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„Pokémon Go“ ist bei Jugendlichen sehr beliebt.

Schwere Vorwürfe wegen Datenschutzverstößen. EU-Kommission soll gegen Spielehersteller vorgehen

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25. August 2016, 21:00 Uhr

Rattfratz hat das Gebäude der Europäischen Kommission bereits erobert. Kokowei wurde auch schon in den Amtsstuben der obersten EU-Behörde gesichtet. Nur für Poliwags ist das Überleben schwierig: Kommissions-Vizepräsident Andrus Ansip berichtete den Kollegen stolz, er habe ein Wasser-Pokémon höchstselbst vernichtet.

Der Spaß könnte allerdings bald ein Ende haben, denn heute wird der europäische Gesetzgeber offiziell aufgefordert, gegen die fortgesetzten Datenschutzverstöße des Spiele-Hits Pokémon Go vorzugehen. Absender des Antrags ist der belgische Europa-Abgeordnete Marc Tarabella. Unter dem „Deckmantel eines Spiels werden hier persönliche Daten abgesaugt“, sagte der Sozialist, der auf ein Einschreiten der Kommission setzt.

Die Vorstellung, dass die EU-Behörde Pokémon nun nicht mehr mit den Handys erlegt, sondern offiziell gegen Hersteller Niantic (einen Firmenableger des Google-Konzerns, das Spiel selbst gehört Nintendo) vorgeht, passt ins Bild. Bedenken gegen das Spiel, das den Aufenthaltsort des Spielers per Handy-GPS lokalisiert und diese Angaben laut eigener Datenschutzerklärung auch Dritten zur Verfügung stellt, werden immer häufiger. Die französischen Datenschützer haben sich mit Pokémon Go bereits befasst, aus Schleswig-Holstein gab es erste Warnungen wegen Verstößen gegen die Privatsphäre. „Es ist zumindest alarmierend“, wie viele Daten von der App via Handy gesammelt werden“, sagte der Grünen-Europa-Abgeordnete Jan Philipp Albrecht gegenüber unserer Zeitung. „Damit könne man „viel anstellen“. So würden über sogenannte Cookies Standort- und Umgebungs- daten erfasst, die zwar „nicht als personenbezogene Daten zu werten“ seien, aber einen „Eingriff“ in die Persönlichkeitsrechte darstellten – nicht nur des Nutzers, sondern auch unbeteiligter Dritter, die bei der Pokémon-Jagd gefilmt würden. Der CDU-Europa-Politiker Axel Voss sieht „einige Passagen in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen“ ebenfalls als „durchaus kritisch“. Zwar müsse der Nutzer, bevor er auf die Pokémon-Jagd gehen kann, der Weitergabe seiner Daten zustimmen – wie es das europäische Recht verlangt. Allerdings bleibe unklar, wer am Ende wirklich die Informationen bekomme. Voss steht der Aufforderung an die EU-Kommission und einem europäischen Einschreiten dennoch kritisch gegenüber: „Zuständig ist nicht die Brüsseler Kommission, sondern die Datenschutzbeauftragten der Länder“, sagte er.

Für den Hersteller und seine witzigen Figuren wird die Luft dennoch dünner. Das Bundesverteidigungsministerium sieht durch das Eindringen der virtuellen Ziele in Sicherheitsbereiche der Truppe schon den Schutz der Armee gefährdet. Die Erzdiözese Köln reichte Klage ein, nachdem Ratt-fratz und Smettbo im Gotteshaus ausgemacht wurden. Israel und Indonesien haben Verbote erlassen. Dass diese nun auch in Europa drohen könnten, scheint dennoch eher unwahrscheinlich. Vermutlich werde man es bei einem Appell an den Hersteller belassen, sich an die EU-Regeln zu halten und das Spiel anzupassen, mutmaßen Brüsseler Beobachter.
 

Kommentar des Autors: Selbst verantwortlich

Die Jagd auf Pokémons ist nicht Aufgabe der EU-Behörden. Sie müssen einschreiten, wenn unter dem Deckmantel eines Spiels Schindluder mit persönlichen Informationen getrieben wird. Volle Transparenz – so lautet das Versprechen der Datenschutz-Grundverordnung. Auch wenn die erst 2018 in Kraft tritt, so bleibt doch klar, wohin die EU will: Wer sich im Internet tummelt, darf kein Freiwild für Konzerne sein, die Datenspuren ungefragt aufnehmen und daraus Kapital schlagen.

Der Schlüssel liegt in der Einwilligung, die jeder User akzeptieren muss, ehe er ein Angebot nutzen kann. Darin ist längst offen von der Weitergabe persönlicher Daten an Dritte die Rede. Wer das nicht will, kann seine Zustimmung verweigern. Den Datenschutz durchlöchert der Nutzer am Ende selbst.

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