Video über Gehörlose : Eintritt in die Welt der Hörenden

Zwei Implantate ermöglichen dem Flensburger Nils-Odin Wirsching einen Alltag ohne Einschränkungen.
Zwei Implantate ermöglichen dem Flensburger Nils-Odin Wirsching einen Alltag ohne Einschränkungen.

Aufklärung über technische Hilfsmittel: Der Flensburger Nils-Odin Wirsching macht im Internet gehörlosen Menschen Hoffnung.

svz.de von
29. März 2014, 00:00 Uhr

„Wenn du das erste Mal Vögel zwitschern hörst und deine Umwelt wieder mitbekommst, willst du das nicht mehr missen.“ Was für die meisten selbstverständlich ist, war für Nils-Odin Wirsching lange nicht möglich. Denn dank eines kleinen Hilfsmittels kann der 22-Jährige, der seit seinem dritten Lebensjahr auf Hörgeräte angewiesen ist, ein ganz normales Leben führen. In einem selbst gedrehten Video will er Aufklären und gegen die Ängste, Verunsicherungen und Vorurteile ankämpfen, die Schwerhörigen und Gehörlosen das Leben schwer machen.

Ein Gendefekt in seiner Familie macht den Auszubildenden zum Erzieher an der Hannah-Ahrendt-Schule in Flensburg fast taub. Seine Eltern bemerken im Alter von drei Jahren, dass mit Nils-Odin etwas nicht stimmt. Er bekommt Hörgeräte. Diagnose: vererbte Schwerhörigkeit. Mit acht Jahren bezahlt ihm die Krankenkasse sein erstes Cochlea-Implantat (CI). Auch sein Bruder trägt so ein Gerät.

Das CI ist eine Hörprothese. Sie besteht aus zwei Teilen. Das eigentliche Implantat ist eine Empfangseinheit, die halb so groß wie eine EC-Karte ist. Diese wird zwischen Schädeldecke und Kopfhaut eingesetzt. Eine Elektrode wird in die Cochlea (Hörschnecke) eingeführt, um die Funktion der Haarzellen zu ersetzen. Der äußere Teil ist eine abnehmbare Empfangseinheit aus Mikrofon, Sprachprozessor und einer Sendespule mit Magnet.

„Ich bin glücklich mit den Hörgeräten, denn sie ermöglichen mir alles, was ich machen möchte“, sagt Nils-Odin Wirsching. Doch hartnäckig halten sich negative Erfahrungsberichte zu den Implantaten. „Da kommen Argumente wie: Die Ärzte wollen sich doch nur bereichern und das CI-System bringe gar nichts bis hin zu der Angst, dass gerade bei gehörlosen Kindern das Implantat nicht mitwachse“, erklärt der 22-Jährige. Probleme, die für ihn nicht nachvollziehbar sind.

Es gebe wie bei jedem Eingriff Risiken. Die eigentliche Ablehnung kommt aber von Gehörlosen selbst. Diese fürchten um die Existenz der Hörlosenkultur. Viele sind der Meinung, dass bei dem an die Operation anschließenden Hörtraining, wo die neuen Signale den bekannten Hörmustern zugeordnet und wie eine Fremdsprache trainiert werden müssen, das Erlernen der Gebärdensprache in den Hintergrund rückt.

Das siebeneinhalb-minütige Video zeigt von Nils-Odin zeigt Szenen aus dem Alltag eines CI-Trägers. Freunde aus seiner Klasse halfen ihm bei seinem Videodreh. Am vergangenen Dienstag stellte Nils-Odin sein Video bei Facebook ein. Am Morgen danach wurde das Video bereits über tausend Mal aufgerufen, aktuell sind es knapp 2000 Aufrufe. Mittlerweile hat Nils-Odin Wirsching auch eine Facebook-Gruppe gegründet, in der er über seine Erfahrungen mit den Implantaten berichten möchte, um anderen Menschen die Angst zu nehmen.

„Viele der Leute haben mir geschrieben und mir gedankt. Sie standen vor der Entscheidung, ob sie ein CI haben möchten oder nicht und haben in meinem Beitrag Mut gefunden“, erklärt der 22-Jährige, der als Gehörloser in einer Welt der Hörenden lebt. Was ihn lediglich von anderen unterscheidet, ist ein Stück Technik. „Ohne diese Implantate wäre ich nicht der, der ich heute bin. Ich bin dankbar, dass es sie gibt.“

Das Video von Nils-Odin Wirsching gibt es unter: http://www.youtube.com/watch?v=kb2WiCyXC_w

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