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Internetbetrug : Einfach zu schön, um wahr zu sein

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Traummann oder Betrüger? Im Netz gibt es immer wieder perfekt inszenierte Täuschungen. Einige wollen kein Geld, sondern Zuneigung

svz.de von
erstellt am 18.Okt.2015 | 21:00 Uhr

Am Anfang war Kai der perfekte Mann. Er war klug, aufmerksam, sah gut aus und schickte ohne Anlass Geschenke. Die Internet-Liebe von Victoria Schwartz schien zu schön, um wahr zu sein. So war es auch: Denn hinter Kai steckte eine Frau. Schwartz war auf eine perfekt inszenierte Täuschung im Netz reingefallen.

Die Hamburgerin verwendet dafür den Begriff Realfake. Sie machte den Fall öffentlich. In ihrem Buch „Wie meine Internet-Liebe zum Albtraum wurde“ wird deutlich: Solche digitalen Fantasiefiguren sind oft so geschickt gemacht, dass sogar Internetprofis lange keinen Verdacht schöpfen.

Und: Bei diesem Typ Fälschung geht es nicht um Geld. „Ein Realfake will Gefühle wecken, echte Emotionen hervorrufen und genießt die positive Zuwendung und Aufmerksamkeit“, erklärt Schwartz. Geld verlangte die Person hinter Kai nie – stattdessen bekam Schwartz teure Geschenke. Nur per Post.

Einen Verdacht, dass mit ihrer Internetliebe etwas nicht stimmt, hatte die Hamburgerin, als sie Kai in seiner angeblichen Heimatstadt besuchen wollte – und den Namen nicht auf der Klingel fand. Einen Beweis, dass ihr Geliebter sich nicht wie behauptet in Deutschland aufhielt, lieferte schließlich ein Foto, das er ihr schickte: Darauf waren amerikanische Steckdosen zu erkennen.

Das ganze Ausmaß des Betruges erfuhr Schwartz erst später: Die Fotos des attraktiven Surfers waren tatsächlich die eines Amerikaners – die Bilder hatte allerdings jemand von dessen Profil geklaut. Auch der angeblich beste Freund von Kai oder seine Geschwister – hinter all den Profilen steckte eine einzige Person: eine Psychologin aus den USA. Sie fühlte sich, so erzählte sie es zumindest, zu Frauen hingezogen. Die homophoben Südstaaten zwangen sie, ihre Neigung auf diese Art auszuleben.

„Ich würde nicht sagen, dass das aus purer Boshaftigkeit passiert“, sagt Andreas Schmitz von der Uni Bonn zu dem Phänomen. Der Soziologe hat das Ausmaß von Täuschungen auf Singlebörsen im Internet analysiert.

Unter Umständen lebten Internet-Betrüger über falsche Identitäten verschiedene Facetten ihrer Persönlichkeit aus. Eine Rolle könne aber auch die Macht spielen, die sie über ihre Opfer hätten. In einigen Fällen, so erzählt Schwartz, hätten Opfer den Betrug trotz Hinweisen darauf jahrelang mitgemacht. Soziologe Schmitz erklärt das so: „Wenn Sie an einem Auto zehn Jahre rumgeschraubt haben, wollen Sie es auch nicht weggeben.“ Opfer hätten das Gefühl, zu viel Zeit investiert zu haben, um den Kontakt abzubrechen.

Ähnlich beschreibt das die 21-jährige Jenny Bachmann (Name geändert) aus Thüringen. Sie hatte jahrelang Kontakt mit einem Fake. „Ich hatte mich ihm mehr geöffnet als anderen Menschen in der Realität“, sagt sie. Bachmann verglich irgendwann IP-Adressen, reiste an den angeblichen Wohnort und forschte nach. Inzwischen ist sie sicher: Hinter dem Männer-Profil steckte eine junge Frau aus Mecklenburg-Vorpommern.

„Zwar ist die vorgetäuschte Existenz einer Person ein uraltes Phänomen“, schreibt Internet-Visionär Sascha Lobo in einem Vorwort zu Schwartz’ Buch. „Aber das Netz und speziell die sozialen Medien haben es einfach gemacht, Fantasiefiguren zu erschaffen.“ Zugleich sei es Normalität geworden, sich online zu verlieben.

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