Computermesse Cebit : Eine Million Arbeitsplätze in IT-Branche

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Bitkom-Präsident spricht über Veränderungen durch die Digitalisierung, selbstfahrende Autos und China als umstrittenes Partnerland

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16. März 2015, 07:45 Uhr

Heute beginnt die Computermesse Cebit in Hannover. Antje Schröder sprach vorab mit Dieter Kempf, Präsident des IT-Branchenverbands Bitkom.

Herr Kempf, wie ist die Branche ins Jahr gestartet?
Zum Jahreswechsel sind wir noch davon ausgegangen, dass die Informationstechnologie- und Kommunikationsbranche in diesem Jahr nur eine schwarze Null schreibt. Wir können uns vom schwachen Umfeld in Europa nicht ganz abkoppeln. Inzwischen sind wir aber optimistischer. Nach einer aktuellen Stimmungsumfrage rechnen 85 Prozent der Unternehmen mit steigenden Umsätzen, 68 Prozent wollen Mitarbeiter einstellen.

Wie entwickelt sich die Beschäftigung in der Branche?
In den letzten fünf Jahren ist es gelungen, in den Unternehmen der Branche fast 125 000 neue Arbeitsplätze zu schaffen. Allein im vergangenen Jahr sind 26 000 neue Arbeitsplätze entstanden. Wir rechnen damit, dass wir bis Ende 2015 insgesamt 990 000 Beschäftigte haben werden. 40 000 Arbeitsplätze für IT-Spezialisten sind außerdem nicht besetzt.

Schwerpunktthema der Cebit ist die zunehmende Digitalisierung von Beruf und Alltag unter dem Kunstwort „d!conomy“. Was ist daran neu, und wie wird das unser Leben verändern?
Neu ist eine deutlich umfassendere digitale Transformation in ganz verschiedenen Lebensbereichen. Wir bauen die Fabrik und die Energienetze der Zukunft. Das Bezahlen mit dem Handy wird vieles völlig revolutionieren. Im Gesundheitswesen werden wir die Versorgung auf dem Land nur mit Telemedizin hinbekommen. Dem Facharzt für Allgemeinmedizin können wir dadurch wesentlich breitere Diagnosemöglichkeiten bieten, als er aufgrund seiner lokalen Erfahrung hätte.

Wann wird das selbstfahrende Auto marktreif?
Technisch ist das innerhalb von fünf Jahren vorstellbar, aber damit sind bei Weitem noch nicht alle Probleme gelöst. Wenn ein Fußgänger am Zebrastreifen eine Handbewegung macht, dass die Autos vorbeifahren mögen, wird ein autonom gesteuertes Auto keine Chance haben, diese Geste zu erkennen. Es wird bremsen, und der dahinter fahrende Fahrer wird möglicherweise Gas geben. Wir brauchen für eine Einführung selbstfahrender Autos Pilotierungsmöglichkeiten, zum Beispiel den geplanten Versuch auf der A9.

Ist die iWatch der Sprung in ein neues Technikzeitalter?
Smartwatches gibt es ja bereits einige. Sie haben ein paar interessante Funktionen, stellen aber bei allem Respekt keine weltbewegende Neuheit dar. Systeme, die die Schritte und die Herzfrequenz messen, haben wir schon lange. Und ob man mit seiner Uhr wirklich auch telefonieren will, das muss sich letztlich jeder selbst fragen. Das hat auch etwas mit Spieltrieb zu tun.

Warum ist ausgerechnet China mit seinen oftmals schlechten Arbeitsbedingungen bei Zulieferern, der Beschränkung der Internetfreiheit und der problematischen Situation bei den Menschenrechten Partnerland der Cebit?
Man muss das eine vom anderen trennen. Nicht um die Augen davor zu verschließen, sondern weil das Ausgrenzen an der Situation der Betroffenen nichts ändern wird. China ist ein wichtiges Partnerland. Der Umsatz der Informationstechnologie und Telekommunikation ist dort 2014 um mehr als 11 Prozent auf über 350 Milliarden Euro gestiegen. In der EU hatten wir nur ein Wachstum um 0,3 Prozent.

Der Whistleblower Edward Snowden tritt per Videoübertragung live auf der Cebit auf. Die Debatten über die IT-Sicherheit scheinen hierzulande indessen zwei Jahre nach seinen Enthüllungen etwas im Sande zu verlaufen. Wie sicher sind unsere Daten?
Datensicherheit entsteht aus einem Dreiklang. Die Anbieter müssen sichere Produkte und Dienste anbieten, die Politik muss bestimmte Vorgaben machen und nicht zuletzt müssen die Nutzer selbst auf ihre Daten achten. Der beste technische Schutz nützt nichts, wenn das Passwort einfach Passwort lautet. Wir dürfen aber nicht vergessen: Das digitale Leben ist nicht sicherer als das analoge.

Deutschland liegt bei der Digitalisierung international bestenfalls im Mittelfeld. Ist die digitale Agenda der Bundesregierung geeignet, Deutschland für den Aufholprozess fit zu machen?
Es war wichtig, einen Pflock einzuschlagen. Die digitale Agenda ist ein großer Schritt nach vorne. Jetzt geht es um die Umsetzung. Dass wir als Digitalverband uns alles noch ein wenig schneller wünschen würden, ist klar.
 

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