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Digital

26. September 2017 | 00:31 Uhr

Urteil zu Google : Ein bisschen vergessen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Europäische Gerichtshof gibt Verbrauchern mehr Möglichkeiten, Internet-Links zu Seiten mit persönlichen Daten löschen zu lassen

Seit Jahren wird erbittert um die Frage gestritten: Gibt es ein „Recht auf Vergessenwerden“ im Internet? Der Europäische Gerichtshof sagt Ja – wenn es um unliebsame Daten aus der Vergangenheit eines Menschen geht, die Dritte über ihn eingestellt haben. Suchmaschinenbetreiber wie Google müssen die Links dazu löschen. Experten sprechen von einem „Paukenschlag“ und „Sensationsurteil“. Marion Trimborn hat die wichtigesten Fakten zusammengestellt.

Was hat das Gericht entschieden?

Die Richter erklärten, Suchmaschinen wie Google seien für die Einhaltung des Datenschutzes verantwortlich. Sie müssen Links zu Webseiten mit persönlichen Daten aus ihren Ergebnislisten entfernen, wenn diese die Rechte eines Betroffenen verletzen, weil sie etwa überholt sind. Das können Zeitungsartikel, Gerichtsurteile oder andere Dokumente sein. Im konkreten Fall darf Google nach Ansicht der Richter bei der Suche nach dem Namen einer Person keinen Verweis auf eine Zwangsversteigerung anzeigen, die 15 Jahre her ist. Das gilt auch dann, wenn die Information korrekt ist und die Original-Webseite nicht gelöscht wird. Die Richter machen zudem klar, dass europäisches Recht auch dann gilt, wenn sich ein US-Anbieter auf dem europäischen Markt bewegt.

Was haben die Bürger von dem Urteil?

Er erhält mehr die Kontrolle über personenbezogene Informationen – selbst wenn die Daten aus öffentlichen Quellen stammen. Bisher hatte er es sehr schwer, Links löschen zu lassen, weil Google & Co bestritten haben, für die Verarbeitung von Daten zuständig zu sein.

Wie muss ein Verbraucher konkret vorgehen?

Als Erstes muss er versuchen, sein Recht auf das „Vergessen“ und Löschen direkt bei Google oder anderen Betreibern durchzusetzen.

Kommt Google der Bitte auf Entfernen aus der Ergebnisliste nicht nach, muss der Verbraucher sich laut Urteil bei den „zuständigen Stellen“ beschweren. Das sind die nationalen Datenschutzbehörden. Bringt das keinen Erfolg, kann der Betroffene vor Gericht klagen.

Welche Erfolgsaussichten haben die Menschen nun?

Das ist schwer zu sagen. Rechtsexperten und Datenschützer erwarten wegen des Löschanspruchs eine Klagewelle. Experten sind skeptisch. John Phelan vom Europäischen Verbraucherschutzverband BEUC warnt: „So wie die Dinge stehen, wird es schwer umzusetzen sein, weil es wenig Vorkehrungen gibt, die Nutzern in Europa erlauben, solche Daten von Suchmaschinen entfernen zu lassen.“

Gibt es auch Kritik an dem Urteil?

Ja. Die britische Organisation „Index on Censorship“, die sich weltweit für die Meinungsfreiheit einsetzt, fürchtet Manipulation: „Das Urteil öffnet die Tür für jeden, der seine eigene Geschichte schönfärben will.“

Was bedeutet die Entscheidung für Google & Co?

Sie fürchten um ihr Geschäftsmodell. Der Experte für Internetrecht, Thomas Stadler, sagt: „Das Urteil hat das Potenzial, die Funktionsfähigkeit von Suchwerkzeugen erheblich einzuschränken.“ Google selbst gab sich erst einmal wortkarg: „Wir benötigen Zeit, um die Auswirkungen zu analysieren.“

Hat der EuGH auch das klassische „Recht auf Vergessen“ gestärkt?

Die Richter haben nur über Suchmaschinen und Links zu Seiten, die Dritte ins Web gestellt haben, geurteilt. Dagegen versteht man unter dem „Recht auf Vergessen“ üblicherweise vor allem das Recht eines Nutzers, persönliche Daten, die er selbst ins Internet gestellt hat, entfernen zu lassen – etwa Fotos oder Adressen. Die aktuelle Datenschutzrichtlinie von 1995 sieht solch ein Recht nicht vor.

 

 

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