Drogen- und Suchtbericht : Die neue Gefahr aus dem Netz

Marlene Mortler stellt den neuen Drogenbericht vor.
Marlene Mortler stellt den neuen Drogenbericht vor.

Der Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung zeigt neue Trends: Mehr als eine halbe Million Menschen sind onlinesüchtig

svz.de von
09. Juni 2016, 21:00 Uhr

Der letzte Griff vor dem Einschlafen gehört dem Smartphone: Schnell noch mal die sozialen Netze checken. Und auch der erste Griff nach dem Aufwachen gilt dem Gerät, das die Verbindung zur „Außenwelt“ bedeutet. Ein Tag ohne soziale Netzwerke ist Entzug. Probanden etlicher Studien berichteten von innerer Unruhe und Nervosität, sobald sie längere Zeit von ihren Medien „abgeschaltet“ waren. Hier könnte eine neue Suchtwelle auf die Gesellschaft zukommen.

Wie kann man Online-Sucht bei seinen Kindern feststellen?

Die Bundesdrogenbeauftragte Marlene Mortler (CSU) nannte als typische Anzeichen einer Online-Sucht, wenn Kindern sich unleidlich verhalten, nicht pünktlich aufstehen, sich nicht waschen und nicht pünktlich zur Schule gehen. Entsprechend kommt es zu häufigem Schwänzen und schlechten Schulnoten. Doch auch Schlafprobleme bis hin zur Depression können Folge sein. Internetsucht ist noch nicht offiziell als Krankheit anerkannt.

Wie kommt man da raus?

Mortler meint: „Der Zeigefinger bringt nichts.“ Man müsse sich mit den Kindern und ihren Problemen im positiven Sinne auseinandersetzen. Wenn das keinen Erfolg bringe, müsse man eine Beratung aufsuchen. Die Suchtberatung vor Ort in den Kommunen müsse noch deutlich verbessert werden. Für viele Eltern ist es schwierig, Regeln für die Nutzung von Computerspielen und Internet aufzustellen. Anders als ihre Kinder sind sie in der Regel nicht in die Internetwelt hineingeboren.

Gibt es Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen?

Ja, sagt Mortler. Die Mädchen verlieren sich eher in den sozialen Netzwerken. Die Jungen stehen mehr auf Computerspiele. Gespielt wird nicht nur am PC und der Spielkonsole, sondern zunehmend auch auf mobilen Spielgeräten, etwa auf dem Smartphone. Nutzer von Onlinerollenspielen, Onlineshootern – sogenannten Ballerspielen – oder Strategiespielen sind besonders gefährdet.

Gibt es soziale Unterschiede bei der Gefährdung?

Im Grunde kann es Kinder und Jugendliche in jeder sozialen Schicht treffen, die sich vernachlässigt fühlen. Doch Personen mit geringer sozialer Kompetenz seien besonders gefährdet, ebenso Jugendliche von Alleinerziehenden. Allerdings sei hier weitere Forschung nötig.

Wie sieht die aktuelle Datenlage für Online-Sucht aus?

Die Drogenbeauftragte geht auf der Basis verfügbarer Studien davon aus, dass unter den 14- bis 64-Jährigen schätzungsweise 560 000 Menschen internetabhängig sind. Das entspricht einem Prozent. Eine weitere halbe Million sei zumindest stark gefährdet. Bei den 14- bis 24-Jährigen zeigen 2,4 Prozent Anzeichen einer Abhängigkeit, bei den 14- bis 16-Jährigen sind es vier Prozent.

Was bringt der Drogen- und Suchtbericht 2016 noch?

Er fasst zudem die bereits im April vorgestellten Berichte zur Drogenkriminalität und zum Drogenkonsum von Jugendlichen zusammen. Danach nahm nach Jahren des Rückgangs die Rauschgiftkriminalität in Deutschland wieder zu.

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