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Retro-Trend bei Computerspielen : Die Liebe in Zeiten der 16-Bit

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Sehnsucht nach Pixel-Look und alten Konsolen verändert Spieleszene

svz.de von
erstellt am 08.Sep.2016 | 21:00 Uhr

Christoph Noll spricht jetzt von einer großen Liebe. Eigentlich wollte er nur erzählen, wie das damals war, Anfang der 90er Jahre. Aber die Offenbarung, die er damals erlebte, klingt bis heute in seiner Stimme nach. „Ich war hin und weg“, sagt er. Diese Grafik. Die Musik. Umwerfend.

Noll, Jahrgang 1979, spricht von dem Moment, als er erstmals ein „Mega Drive“ in Aktion sah. Auf der Spielkonsole von Sega wirbelte damals Firmen-Maskottchen Sonic durch quietschbunte Welten – ein kleiner blauer Igel mit roten Rennschuhen. Das Alt-Gerät hat heute einen Ehrenplatz bei Noll. In seinem Laden „Retrospiel“ in Köln steht es herausgeputzt in einem Regal mit anderen Sega-Erfindungen, vom „Master System“ bis zur „Dreamcast“ - eine Art ehrfurchtsvolle Ahnengalerie. Die Konkurrenzmodelle von Nintendo werden auf der anderen Ladenseite mit ähnlicher Ehre bedacht.

Wer sich die grafische Kraftmeierei vieler Spiele auf der diesjährigen Gamescom anschaut, kann ein Spiel wie „Sonic the Hedgehog“ (1991) schnell mal für eine Erscheinung aus der Steinzeit halten. Die technischen Möglichkeiten der Branche haben sich seitdem raketenhaft entwickelt. Von der anderen Seite schwappt aber eine Retrowelle über die Szene, die nicht nur Läden wie „Retrospiel“ hervorbringt. Auch auf der Gamescom gibt es einen wachsenden Bereich mit Geräten aus den 80ern und 90ern.

Das mag verwundern. Kaum jemand käme heute wohl auf die Idee, sich eines der grobschlächtigen Handys älterer Bauart mit Genuss an das Ohr zu halten. In der Gamerszene liegen die Dinge aber anders. Ausgemusterte Konsolen sind kein Elektroschrott, sondern Kulturgut.

Börsen für alte Spiele florieren, online werden zum Teil wahnwitzige Preise aufgerufen. Ein seltenes, noch originalverpacktes Spiel wird mitunter in den Rang des Heiligen Grals erhoben. „Es gibt viele Menschen, die mit Videospielen aufgewachsen sind, dann in die Rush Hour des Lebens gerieten und sich heute wieder an die alte Optik und die alten Spiele erinnern“, sagt Maximilian Schenk, Geschäftsführer des Bundesverbandes Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU). Den Retro-Trend gebe es ohne jeden Zweifel.

Die ersten Generationen, die ganz selbstverständlich mit Videospielen aufgewachsen sind, sind heute längst berufstätig – und damit zu Geld gekommen. Früher schätzte man sich noch glücklich, wenn der Freund des Freundes einen „Super Nintendo“ hatte, auf dem man endlos erscheinende Sommerferien-Nachmittage verdaddeln konnte. Heute lässt sich mit etwas Geld ein Teil dieser Kindheit zurückzuholen.

„Jede Generation identifiziert sich mit den Geräten, mit denen sie aufgewachsen ist“, sagt Enno Coners, Herausgeber von „Retro Magazin“. Seine Liebe gilt bis heute dem C64, einem Computer in Form eines Brotkastens mit integrierter Tastatur, für den es massig Spiele gab. Er wurde 1982 vorgestellt. Coners bezweifelt jedoch, dass sich der Retro-Trend fortsetzen lässt. In 20 oder 30 Jahren werde wohl kaum jemand die Systeme aus dem Jahr 2016 verklären. „Das Retro-Gefühl endet für mich irgendwo Mitte der 90er“, sagt er. Danach sei der Markt riesig und unübersichtlich geworden. Der überragende Stellenwert, den einzelne Geräte im Leben ihrer Besitzer einnahmen, schrumpfte.

Christoph Noll will den Zauber von damals ein wenig konservieren. Einer der Schwerpunkte seines Ladens sind Spiele, die von kleinen Entwicklerteams neu programmiert werden – aber auf den alten Konsolen laufen.

Ein gutes Jahr, nachdem er damals das „Mega Drive“ bei Freunden der Eltern gesehen hatte, bekam Noll übrigens endlich auch ein Gerät. Die Eltern musste er erstmal überzeugen. Heute kommen gelegentlich Eltern mit ihren Kindern in seinen Laden und versuchen, ihrem Nachwuchs den Zauber von „Mega Drive“ oder „Super Nintendo“ zu erklären.

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