Moderne Kettenbriefe : Die Jagd nach den „digitalen Zombies“

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Sie schüren Angst, lassen staunen und geistern jahrelang durchs Internet: Falschmeldungen sind nicht totzukriegen und bergen viele Gefahren

svz.de von
09. Juli 2014, 08:39 Uhr

Microsoft verschenkt Geld, die Organmafia entführt mitten in Deutschland Kinder und Altkleidersammler fangen Katzen.

Fast jeder kennt solche abenteuerlichen Geschichten, die im Mail-Postfach landen oder durch die sozialen Medien geistern. „Der Mensch ist ein Kommunikationstier und Geschichtenerzähler“, sagt IT-Fachmann Frank Ziemann. Der 49-jährige Berliner sammelt die Falschmeldungen, sogenannte Hoaxes, und veröffentlicht sie auf seiner Webseite, um davor zu warnen.

So seien Grusel-Hoaxes verbreitet, die besonders bei ganz jungen Nutzern kursieren. Die Horrorgeschichten über gehäutete Eltern oder Todesdrohungen werden unter anderem per WhatsApp oder Facebook weitergeleitet, auch aufgepeppt mit Audiodateien oder manipulierten Fotos. „Gerade für Jüngere haben solche Geschichten eine höhere Glaubwürdigkeit“, sagt Ziemann.

Vermeintlich harmlose Falschmeldungen können schnell großen Wirbel verursachen. So wie die erfundene Geschichte über in Deutschland entführte Kinder, die der Organmafia zum Opfer fallen.

Nachdem der Hoax sich verbreitete, schickten Eltern in manchen Gegenden ihre Kinder aus Angst nicht mehr in den Kindergarten und die Polizei hatte mit besorgten Anrufen alle Hände voll zu tun. Oft werden in solchen Hoaxes Ausländer oder Minderheiten wie Roma als Schuldige dargestellt. Das schürt Misstrauen und Vorurteile.

„Teilweise hat die Zahl der rassistischen oder ausländerfeindlichen Kettenbriefe in den letzten Jahren etwas zugenommen“, sagt Ziemann. Richtig gefährlich können Gesundheits-Hoaxes mit medizinischen Ratschlägen werden. Sie erklären beispielsweise, wie man angeblich Schlaganfälle erkennt und verbreiten so ein riskantes Halbwissen.

Der wirtschaftliche Schaden durch Hoaxes sei enorm, warnt das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik – durch vergeudete Zeit, zusätzlichen Datenverkehr, oder wenn zum Beispiel auf den Rat von Hoaxes hin am eigenen Computer herumgepfuscht wird und am Ende nichts mehr geht. Deshalb rät das Bundesamt, was eigentlich selbstverständlich sein sollte: Mails mit gesundem Menschenverstand zu hinterfragen.

Doch warum verbreiten sich Hoaxes wie ein Lauffeuer? Denn im Gegensatz zu Spam-Mails mit Werbung oder Geschichten, mit denen der Absender Geld ergaunern oder zum Klicken auf Webseiten animieren will, profitiert bei Tränendrüsenbriefen, Gruselgeschichten oder Glücksbriefen niemand von der Verbreitung.

Gründe seien die Suche nach Aufmerksamkeit, Unwissenheit oder auch falsche Wahrnehmung, erklärt der Verein Mimikama, der auf seiner Seite verschiedene Hoaxes enttarnt. „Nutzer sehen die ,Altkleidersammler‘ im Dorf, die ihre Wäschekörbe verteilen. Zum selben Zeitpunkt aber läuft ihnen ihre Katze weg.“ Daraus werde gefolgert, dass die Altkleidersammler mit ihren bunten Wäschekörben Katzenfänger seien und bringen diese Meldung in Umlauf.

Die Falschmeldungen sind nicht auszurotten – wie digitale Zombies wandeln sie durch das Netz. Dabei bleiben die Geschichten in Grundzügen gleich, nur die Art der Weitergabe verändert sich – von getippten Briefen über E-Mails zu den sozialen Medien. „Die ganz alten Dinger, die lange tot waren, tauchen jetzt alle wieder bei Facebook auf“, sagt Ziemann.

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