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Innovative Idee : Die digitalen Bestatter

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Berliner Start-Up-Unternehmen Columba kümmert sich um den Nachlass Verstorbener im Internet

svz.de von
erstellt am 16.Jul.2015 | 21:00 Uhr

Nach dem Tod eines Angehörigen müssen sich Hinterbliebene zunehmend auch um Hinterlassenschaften im Netz kümmern. Die Berliner Firma Comlumba recherchiert den digitalen Nachlass und löscht Online-Verträge.

Hinter der Idee steckt eine sehr persönliche Geschichte. Unternehmensgründer Oliver Eiler, Werbefachmann aus München, war nach dem Tod seiner Mutter mit ihrem digitalen Nachlass überfordert. Wo hatte sie Verträge im Netz geschlossen? Welchen Online-Bezahldienst nutzte sie? In welchen sozialen Netzwerken war sie unterwegs? Wo hatte sie überall einen E-Mail-Account eingerichtet? Und wie lauteten die dazugehörigen Passwörter? „Es war für ihn geradezu unmöglich, einen Überblick zu bekommen“, erzählt Anne Mahncke, Presse-Verantwortliche von Columba. Sie selbst stellt gerne den Vergleich zu einem großen Tresor an. „Die Angehörigen stehen davor, aber haben keinen Code.“

Eiler hatte viel Mühe, die Spuren seiner Mutter im Netz zu verfolgen. Er hätte sich damals weniger Bürokratie, dafür mehr Zeit für seine Trauer gewünscht. Und so entwickelte er gemeinsam mit seinem Bruder und einem IT-Spezialisten ein sogenanntes Onlineschutzpaket, das den Angehörigen die Recherche und die Wartezeiten in Unternehmens-Hotlines abnimmt. Es kann für 49 Euro über den Bestatter gebucht werden. Dieser schickt die Sterbeurkunde an Columba. Der Vorteil ist, dass dabei keine Computer oder Smartphones eingeschickt, keine Codes gehackt werden müssen.

Stattdessen werden die Datenbanken von rund 200 Onlinefirmen in einem automatisierten Prozess abgeglichen, mit denen Columba inzwischen zusammenarbeitet. Wem das nicht genug ist, der könne auch das teurere „Rund-Um-Sorglos-Paket“ (249 Euro) für drei Jahre buchen, erklärt Mahncke. Denn nach dieser Frist enden die Online-Verträge automatisch. So lange laufen sie weiter. „So lange den Unternehmen der Tod des Nutzers nicht angezeigt wird, besteht die Zahlungspflicht der Erben“, betont Anne Mahncke. Viele Angehörige bekämen davon gar nichts mit, Mahngebühren häufen sich an, bis das Inkasso-Unternehmen schreibt. Aber bei dem Angebot geht es auch darum, abzuschließen. So wie die Witwe, deren Mann, ein Arzt, die Praxis zu Lebzeiten im gemeinsamen Haus führte. Noch lange nach seinem Tod riefen Patienten bei der Frau an, weil die Daten im Online-Telefonbuch nicht gelöscht waren. Einen ähnlich pietätlosen Beigeschmack habe es, wenn Freundschafts- oder Karriere-Portale über den Tod hinaus Geburtstags-Erinnerungen an Freunde und Geschäftspartner versenden und dazu gleich Präsente offerieren, berichtet Mahncke. „Da kann es dann schon passieren, dass Angehörige plötzlich eine Grußkarte oder eine Flasche Wein für den Toten entgegennehmen müssen.“

Dabei wird der digitale Nachlass, den Familie und Freunde erben, immer größer. Mahncke nutzt gerne den Begriff „Silver-Surver“ für die über 65-Jährigen. Ihr Anteil im Netz sei in den vergangenen zwei Jahren von 35 auf 48 Prozent gestiegen. Vor allem Online-Shopping wird bei den Senioren immer beliebter. Manche hätten auch im Netz Guthaben geparkt, von denen Angehörige nichts wüssten. So habe man auch schon einen 500-Euro-Coupon an die Erben auszahlen können.

Das junge Kreuzberger Unternehmen selbst ist noch in den roten Zahlen. 3000 Schutzpakete wurden bisher verkauft. Eiler und seine Mitstreiter mussten über ein Jahr bei den Bestattern Klinken putzen. „Um Himmels Willen, was ist denn das?“, sagte mancher, der seine Eichensärge den Kunden noch in Klarsichthüllen statt auf dem iPad präsentiert. „Doch auch diese Branche wird moderner“, glaubt Mahncke.

Maria Neuendorff

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