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Machtverteilung im Netz : Der Preis der Gratiskultur

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Internetwissenschaftler Jaron Lanier kritisiert die digitale Ausbeutung der Massen und fordert eine andere Machtverteilung im Netz

svz.de von
erstellt am 18.Apr.2014 | 18:29 Uhr

Technologie-Genie, Informatikfreak, Philosoph, Humanist – der kalifornische Internetexperte Jaron Lanier ist ein schillernder Grenzgänger. Der 53-jährige Computerwissenschaftler, Unternehmer und Musiker hat den Begriff „virtuelle Realität“ geprägt und wird zu den 300 wichtigsten Erfindern der Geschichte gezählt. Und doch geht derzeit kaum jemand so kritisch mit der digitalen Ökonomie ins Gericht wie der Internetpionier selbst. In seinem aktuellen Buch „Wem gehört die Zukunft?“ fordert er eine andere Verteilung der Macht im Netz.

Seine Kernthesen: Die vielgepriesene Offenheit im Internet ist zu einer Einbahnstraße mutiert. Offenherzig sind allenfalls die Nutzer, die ihre Daten haufenweise und kostenlos ins Netz stellen. Informationen, mit denen Netzgiganten wie Google oder Facebook höchst intransparent Milliarden verdienen, indem sie die Nutzer ihrer eigenen Gratisangebote für Werbezwecke ausspionieren und entrechten. „Du bist nicht der Kunde der Internetkonzerne. Du bist ihr Produkt“, so Lanier. Oder: Wer die größten Server hat, hat die Macht. Die vermeintliche Wahlfreiheit verkommt zur digitalen Zwangswirtschaft, die sich in Richtung Totalüberwachung und Ausbeutung der Massen bewegt.

Entsprechend düster ist Laniers Blick in die Zukunft. Wenn wir nicht umsteuern, werde die Gratismentalität im Netz die Mittelschicht zerstören und Massenarbeitslosigkeit produzieren, so seine Prognose. Denn unsere Schnäppchenjagd koste letztlich unsere eigenen Jobs. Die Musikindustrie sei in dieser Abwärtsspirale erst der Anfang gewesen.

Was dem Dozenten an der University of California in Berkeley statt dessen vorschwebt, ist eine „humanistische Informationsökonomie“. Sein Vorschlag: der Aufbau eines weltweiten Mikrobezahlsystems. Jeder, der Daten ins Internet einspeist, erhält per Zweiwege-Verlinkung ein Mikrohonorar, sobald seine Informationen von Dritten verwendet werden. Eine Idee, die der Wissenschaftler in einigen Details bereits konsequent durchdacht hat, die aber auch noch etliche Schwachstellen aufweist, wie er selbst betont. Er biete keine fertige Lösung an, so Lanier, wohl aber einen Ansatz für ein breiteres Wirtschaftswachstum. Dadurch sollen möglichst viele Menschen die Möglichkeit erhalten, in einer zunehmend technologie-bestimmten Welt ihre wirtschaftliche Würde zu wahren. Eine Idee, die zum Nachdenken und Weiterforschen anregen soll.

Zur Diskussion hat das Buch ohnehin schon angeregt. Laniers messerscharfe Analyse des Ist-Zustands öffnet die Augen für die diversen Schattenseiten der digitalen Entwicklung. Durch seine anschauliche Erzählweise gewährt der Insider Einblicke in die Silicon-Valley-Welt von heute und morgen, wie sie Otto-Normal-Nutzer sonst kaum begreifen könnte.

Sein Lösungsvorschlag ist dagegen höchst umstritten. „Utopisch“, sagen seine Kritiker, oder „hoffnungslos romantisch“. Allerdings: Laniers Idee einer humanistischen Informationsökonomie wirkt nur halb so schräg wie diverse Heilsverkündungen aus dem Silicon Valley, die dort aktuell mit großer Ernsthaftigkeit diskutiert werden – etwa der endgültige Sieg der Technologie über den Menschen oder die nahende Unsterblichkeit mithilfe von Medientechnologie oder Biologie.

Wie man auch immer zu Laniers Vorschlag steht: Wer wissen will, wie die Netzwelt von heute tickt und was hinter den Kulissen passiert, sollte dieses Buch lesen. Vielleicht gelangt man ja zur gleichen Überzeugung wie der Autor selbst: Es lohnt sich, das Internet zu retten.

 

 

Buch-Tipp:

Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft? Sachbuch, Hoffmann & Campe 2014, ISBN: 978-3-455-50318-0, 24,99 Euro

 

 

 

 

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