Schlittenhunde in MV : Der Husky-Mann

Die Alaskan Huskys haben ein besonders freundliches Wesen.  Fotos: Lisa Kleinpeter
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Die Alaskan Huskys haben ein besonders freundliches Wesen. Fotos: Lisa Kleinpeter

Steffen Zilling hat eine große Leidenschaft: Mit seinen zwölf Schlittenhunden durch Schnee und Eis fahren

svz.de von
26. November 2015, 12:00 Uhr

Große, wolfsähnliche Hunde mit langem zotteligem Fell und muskulösen Flanken. Das hatte ich erwartet, als Steffen Zilling mir von seinen Rennschlittenhunden erzählte. Aber nicht das: Die Alaskan Huskys bei ihm auf dem Hof in Kogel bei Boizenburg sind viel kleiner. Einige reichen mir nur knapp übers Knie. Ihr Fell ist kurz und ein paar der zwölf Hunde haben sogar Schlappohren. Nur die eisblauen Augen erinnern an die Huskys, die man aus Filmen kennt. Doch wenn Zilling die Leinen rausholt, gibt es keinen Zweifel mehr – das sind wahre Schlittenhunde.

Binnen Sekunden ist die kühle Morgenluft erfüllt mit Wolfsgeheul. In unglaublicher Lautstärke machen die Hunde ihrer Vorfreude Luft. Vorfreude aufs Rennen, auf die Natur und aufs Ziehen. „Jetzt muss alles ganz schnell gehen“, meint Zilling. Er schnappt sich Gina und Bronco und spannt sie vor den Wagen. Dahinter Willow, Baja, Lotta, Doro, Dio, Willow und Alaska. Je mehr Hunde angespannt werden, desto mehr wackelt der 330 Kilogramm schwere Quadt. Die Handbremse ist angezogen. Doch ruckartig stößt der Wagen nach vorne, wenn sich die Hunde kläffend in die Leinen schmeißen – beängstigen. Doch Zilling hat alles unter Kontrolle. Jeden zweiten Tag trainiert er mit seinen Hunden, sobald die Temperatur unter 15 Grad ist.

Big Ben, Mika und Thor’s Hammer sind die Letzten. Buddy muss zu Hause bleiben. Mit 13 Jahren ist er zu alt zum Wagenrennen. Als auch die letzten Hunde eingespannt sind, löst Zilling die Handbremse. Dann ist alles auf einmal ganz still.

Schwerelos gleiten wir über den Asphalt
Scheinbar schwerelos gleiten wir auf dem Quadt über den Asphalt. Ich schließe die Augen und stelle mir vor, durch den Schnee zu fahren. „Ich mag es, mit den Hunden stundenlang unterwegs zu sein und in Regionen vorzudringen, wo du mit dem Auto nicht hinkommst. Da erwacht die Abenteuerlust“, erzählt Zilling. Nur noch das gleichmäßige Hecheln der Hunde ist zu hören. Ihre ganze Energie entlädt sich in dem Lauf. „Ich muss sie einbremsen. Die Hunde wollen sofort losstürmen, wie die Kinder einer ersten Klasse“, erklärt Zilling. „Sie müssen aber lernen, dass eine Strecke bis zu 30 Kilometer lang ist.“

Während die Landschaft an uns vorbeirauscht, rechne ich: 330 Kilo der Quadt. Dazu die 75 Kilo von Steffen und mein Gewicht. Wie viel kann so ein Hund eigentlich ziehen? „Etwa das Dreifache seines Körpergewichts“, erklärt Steffen. 30 Stundenkilometer könnten seine Hunde über eine kurze Strecke rennen, doch das will er nicht. Die Hunde sollen Ausdauer bekommen.

Die brauchen sie auch. Im März will Zilling mit seinen Hunden am Vindelälvsdraget-Rennen teilnehmen. Es zählt zu den anspruchsvollsten Schlittenhunde-Wettkämpfen. 400 Kilometer führt die Strecke am gleichnamigen Fluss durch die Eislandschaft Schwedens. Ungefähr vier Tage sind die Mushers – so nennen sich die Schlitten-Führer – mit ihren Rudeln unterwegs. „Ich sag mal so, ich gehe nicht an den Start, um Letzter zu werden. Aber das Wichtigste ist, dass wir ankommen“, meint Zilling.

Die Konkurrenz aus Schweden ist groß

Die Konkurrenz in Schweden ist hart. Während es in Deutschland noch keine Anzeichen auf einen Winter gibt, üben die Teams dort bereits auf dem Schnee. „Das ist so, als ob man auf dem Sand läuft. Es ist viel anstrengender. Dafür bekommt man eine bessere Kondition und stärkere Muskeln“, erklärt Zilling. Einmal im Winter fährt er mit seinen Hunden nach Schweden, um dort unter besten Bedingungen zu laufen und die Tiere optimal vorzubereiten.

Intervalltraining, Ausdauerläufe, Sprints, dazu eine ausgewogene Ernährung. Ähnlich wie um Spitzensportler kümmert sich Zillingl um die Vierbeiner. Dass seine Trainingsmethoden Erfolg bringen, bewies er 2001 das erste Mal. Damals wurde der Musher mit seinen Tieren Norddeutscher Meister, in Niedersachsen wurde er Vizemeister. Das waren damals noch Sprintrennen, jetzt fährt er nur noch Longdistance-Rennen über lange Strecken in Skandinavien.

Doch nicht immer lief alles in der Vergangenheit glatt. Bei seiner ersten Teilnahme am Femundlöpet 2007 musste er das Rennen abbrechen. Seine Frau war damals schwanger und Zilling mit seinen Hunden auf sich allein gestellt. „Die Bedingungen waren schlecht. Wir hatten viel Schneefall und milde Temperaturen. Die Spuren waren weich und die Hunde mussten hart arbeiten“, erzählt er. „Ich hatte das Gefühl, der Schnee kam immer von vorne – egal in welche Richtung ich fuhr.“ Mit knirschenden Zähnen gab Zilling damals auf, seiner Frau zuliebe. Immerhin hatte er 500 Euro Startgebühr in den Schnee gesetzt. Heute ist er froh darüber. „In den Nachrichten hörten wir später nur, dass auf dem Weg zur zweiten Etappe zehn bis 15 Gespanne eingeschneit waren“, erinnert sich Zilling.

Das kann uns heute nicht passieren. Wir haben knapp sechs Grad. Die Sonne wärmt meine Wangen. „Das Leben in der Natur und das Zusammenspiel zwischen Mensch und Tier stehen im Vordergrund.“ „Qui“ ruft Zilling. Die Hunde biegen nach rechts. In der Ferne sieht man sein Haus. „Na los. Ab nach Hause“, ruft er mehr zu sich selbst als zu seinen Hunden.

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