Gefahren im Internet : Der Fremde im digitalen Kinderzimmer

Kinder sollten nicht zu viel im Internet von sich preisgeben.
Kinder sollten nicht zu viel im Internet von sich preisgeben.

Nicht nur bei Whatspp können Kinder im Internet auf Erwachsene treffen: Rechtsanwältin Gesa Stückmann erläutert die Gefahren

svz.de von
22. Mai 2017, 20:45 Uhr

An der Haustür der Familie Vogel klingelt es. Die Mutter öffnet und plötzlich stehen sechs Schlägertypen vor ihr. Die Gestalten fragen nach ihrem Sohn. Lächelnd lässt sie die Männer ins Haus. Danach klingeln einige leicht bekleidete Frauen, die „neue Stellungen ausprobieren“ wollen. Auch sie dürfen durch. Am Ende fragt ein schmieriger älterer Herr nach der kleinen Anna. Die Mutter gibt dem offensichtlich pädophilen Mann das kleine Mädchen an die Hand und lässt beide ziehen. Verstörende Szenen aus einem Video von „klicksafe.de“, einer Jugendschutzinitiative der Europäischen Union.

„Das Video verdeutlicht gut, dass vielen Eltern nicht klar ist, wie einfach es im Internet ist, Kontakt aufzunehmen. Auch mit jenen Fremden, die nichts Gutes im Sinn haben“, sagt Gesa Stückmann. Sie ist Rechtsanwältin und berät seit Jahren für das Netzwerk „law4school“ Eltern und Schulen über die Gefahren des Internets.

Wenn Erwachsene versuchen Minderjährige über das Internet anzusprechen, um sexuelle Kontakte aufzubauen, nennt man dies „Cyber-Grooming“. Wörtlich übersetzt: „Internet-Anbahnung“. Es gibt zwei Wege, über die potenzielle Täter Kinder kontaktieren. Manche geben sich als Gleichaltrige aus. „Unter Altersgenossen ist den Kindern die Gefahr kaum bewusst. Sie geben oft ihre Telefonnummer, Email-Adresse oder Wohnanschrift heraus“, erläutert die Anwältin.

Doch mögliche Täter arbeiten nicht nur mit falschen Altersangaben. Viele Jugendliche fühlen sich geschmeichelt, wenn ältere Personen sich für sie interessieren. Auch diesen Umstand nutzen bestimmte Leute aus. „Selbst wenn sie aufgefordert werden, sich vor der Webcam auszuziehen, erkennen viele das Problem nicht. So etwas kommt leider auch vor“, so Stückmann.

Selbst wenn Eltern die Nachrichten-Apps ihrer Kinder kennen, gäbe es keine Entwarnung. Kommunizieren lässt sich über jedes Programm. „Ich kenne den Fall eines Mädchens aus MV, die einen Jungen über die FotoApp Instagram kennen lernte. Sie tauschten ihre Telefonnummern über die Nachrichtenfunktion der App aus“, sagt Stückmann.

Neben Messengern wie WhatsApp, dem Facebook-Messenger oder Telegram, existieren weitere unscheinbare Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme. Etwa Computerspiele. Über fast jedes Spiel lässt sich direkt kommunizieren, ob nun per Textnachrichten oder Sprachkonferenz, egal ob auf Konsolen, Laptops oder Smartphones.

Auch jugendfreie USK-0-Spiele sind gefährlich, obwohl Eltern gerade diese als unverdächtig einschätzen. „In kindgerechten Spielen können mögliche Täter über die Online-Funktion besonders leicht Kontakt mit Minderjährigen aufnehmen“, so Stückmann.

Die Anwältin rät: „Geben Sie Ihrem Kind nicht Technik in die Hand, von der Sie selbst keine Ahnung haben.“ Dadurch wisse man nicht, wo überall Kontakt entstehen kann. Ein ausgebildeter Medienscout machte in MV den Test. In einem Computerspiel provozierte er einen Jugendlichen und verabredete sich mit ihm zur Prügelei. Dazu gab der Minderjährige seine Adresse heraus. Der Medienscout besuchte das Elternhaus des Spielers. „Die Eltern fielen aus allen Wolken. Auch der Junge hatte nicht damit gerechnet, dass jemand kommt“, erzählt Stückmann. Doch die Anwältin warnt davor, dem Nachwuchs zu drohen oder die Technik wegzunehmen. Wie in der echten Welt sollten Kinder Vertrauen haben und den Eltern erzählen, wo sie unterwegs sind. „Wer sein Kind einschüchtert, wird nie erfahren, mit wem es kommuniziert“, sagt Stückmann.

In dem Videoclip, in dem die Mutter ihre kleine Anna mit dem Mann gehen ließ, erschien am Ende die Mahnung: „Im wirklichen Leben würden Sie Ihre Kinder schützen. Dann machen Sie es doch auch im Internet.“


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