zur Navigation springen

Indie-Games : „Angriff auf herrschende Klasse“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Ohne großen Publisher konnte kein Spiel zum Welterfolg werden / Jetzt bringen immer mehr unabhängige Entwickler ihre Games selbst heraus

Zwischen den auf Hochglanz polierten Ständen der großen Publisher fällt die aus Sperrholz gezimmerte Indie Arena auf der Spielemesse Gamescom (noch bis 17. August) kaum auf. Keine Hostessen, keine Showeinlagen. Doch die dort präsentierten Spiele sind mindestens genauso spannend. Der Unterschied: Was hier ausgestellt wird, kommt von kleinen Studios, manchmal sogar nur von einem einzelnen Programmierer - für Werbung fehlt das Geld. Die Hälfte der zwölf Aussteller aus Deutschland entwickelt ihre Spiele im Nebenerwerb. Für Oliver Eberlei macht das den Reiz der Indie-Szene aus. „Es gibt einen guten Kontrast zu den Großen“, sagt der Spieleentwickler und Organisator des Standes. „Die kleinen Teams probieren mehr aus.“ Und die Ideen unterscheiden sich von den Blockbustertiteln der Großen. Am Stand sieht man etwa das 3D-Geschicklichkeitsspiel „Mercury Shift“, den Zombie-Shooter „Splatter“ oder den Weltraumflugsimulator „Darkfield VR“.

Und auch ohne Publisher schaffen es die Entwickler, ihre Spiele weltweit verfügbar zu machen. Früher führte der Weg zwangsläufig über Händler-Regale und den Publisher. Der übernahm im Idealfall Finanzierung, Produktion und Marketing, hatte dafür aber auch großen Einfluss auf das Spiel. Heute ist die Zusammenarbeit mit Publishern nur einer von vielen Wegen, sein Game an den Mann zu bringen. Dadurch, dass Spiele auch per Crowdfunding von vielen Interessenten finanziert werden können und über Spiele-Plattformen im Internet verfügbar sind, haben sich neue Möglichkeiten ergeben. „Das ist die große Revolution“, sagt André Bernhardt. Er hat selber lange für Publisher gearbeitet und berät nun Indie-Studios. Die neuen Wege bieten nicht nur den Entwicklern Vorteile. „Als Spieler habe ich viel mehr Vielfalt“, sagt Bernhardt. Ein Eindruck, den Hendrik Lesser vom Game-Bundesverband teilt: „Die meisten Indie-Spiele hätten es früher nie durch das Raster geschafft.“

Weil immer mehr Spiele als Early-Access-Games oder in offenen Beta-Testphasen erscheinen, steigt für die Spieler der Einfluss auf den Entwicklungsprozess. Eine „Demokratisierung der Dinge“ nennt Maximilian Schenk vom Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware die Entwicklung. Schenk sieht die Indie-Produktionen als Erweiterung des Marktes. An den Großen der Branche ist die Entwicklung nicht vorbeigegangen. Sowohl Microsoft als auch Sony haben für ihre Spielkonsolen mehr Titel auch aus kleineren Studios im Angebot. „Das ist im Moment der wichtigste Bereich in der Spiele-Industrie“, sagt Guido Alt von Sony Computer Entertainment. Nicht umsonst werden in Köln dieses Jahr besonders viele Titel kleiner Entwickler gezeigt.Dahinter steckt auch Geschäftsinteresse. „Die Branche öffnet sich für neue Spieler“, sagt André Bernhardt. Durch die neuen Spiele-Ideen abseits etablierter Formate finden auch immer mehr Leute zum Spielen. Einen Nachteil habe die große Anzahl der Veröffentlichungen aber: „Es wird schwieriger, die Spiele zu identifizieren, die mich interessieren. Im Laden war das Angebot von der Regalfläche begrenzt.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen