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Apps für Krisensituationen : Alarm in der Hosentasche

vom
Aus der Onlineredaktion

Smartphone-Apps warnen bei Katastrophen, Terror und Unwettern – doch kann man darauf vertrauen?

svz.de von
erstellt am 29.Okt.2017 | 09:00 Uhr

Kürzlich meldete sich Nina zu Wort – mit einer Warnung an die Menschen im Süden Baden-Württembergs: Ein Erpresser habe vergiftete Babynahrung in verschiedenen Supermärkten und Drogerien platziert. Verdächtig seien beschädigte Verpackungen und fehlender Unterdruck. Inzwischen ist der Verdächtige verhaftet. Die Warnung von Nina ist aufgehoben.

Nina ist eine Smartphone-App, die das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) kostenlos bereitstellt. Die Abkürzung steht für Notfall-, Informations- und Nachrichten-App: Warnmeldungen werden darüber per Push-Nachricht auf das Smartphone geschickt. Das passiert zum Beispiel, wenn sich nach einem Chemieunfall Gefahrstoffe ausbreiten, bei Großbränden und Terroranschlägen oder wenn wie im aktuellen Fall Lebensmittel möglicherweise vergiftet wurden. Wetterwarnungen und Hochwasserinformationen sind ebenfalls in die Warn-App integriert.

Laut den Wissenschaftlern des Fraunhofer Instituts für Offene Kommunikationssysteme (Fokus) nutzen knapp fünf Millionen Menschen in Deutschland Warn-Apps, um im Katastrophenfall schnell informiert zu werden. Vor allem die Angst vor Terroranschlägen hat den elektronischen Helfern einen Boom beschert: „Jeden Monat kommen Zehntausende hinzu“, sagt BBK-Präsident Christoph Unger. Die vom Bund betriebene App Nina ist dabei mit gut 1,5 Millionen Nutzern nur die Nummer zwei. Die Spitzenposition belegt der Handyalarm Katwarn, der seit 2012 allen deutschen Landkreisen und Städten zur Verfügung steht, mit rund drei Millionen Nutzern.

Die Sirene hat ausgeheult

Bund und Länder haben 1992 beschlossen, nicht mehr mit Sirenen, sondern per Rundfunk zu warnen. Bis dahin wurden die Menschen in Deutschland regelmäßig von den Heultönen aus fast 100 000 Warnanlagen auf die Straße gelockt. Heute sind die meisten von ihnen abgebaut – und die öffentlichen Warnkanäle lückenhaft. Die klassischen Informationskanäle wie Radio und Fernsehen erreichen die Bevölkerung im Katastrophenfall nur noch unzureichend, die Fraunhofer-Ingenieure sehen daher die Sicherheit der Menschen beeinträchtigt. Sie hoffen, dass private Netzwerke die Mängel der behördlich gesteuerten Krisenkommunikation überdecken: „Wer gewarnt ist, benachrichtigt auch seine Mitmenschen.“ Warn-Apps wie Katwarn versorgen die Menschen zusätzlich mit kommunal abgestimmten Warnungen. Und Katwarn gibt neben den offiziellen Meldungen der Bundesländer, Städte und Landkreise auch Warnungen des Deutschen Wetterdienstes weiter und bietet Informationen zu Großereignissen wie etwa Messen oder Festivals.Um rechtzeitig zu warnen, müssen die Apps ständig mit aktuellen Daten gefüttert werden. Die BBK-App Nina nutzt dafür das satellitengestützte System, das auch Radiosender auf dem Laufenden hält. Der Bund selbst warnt nur bei großen, nationalen Gefahrenlagen – etwa einem Raketenangriff oder einem schweren Terroranschlag. Er stellt die App jedoch auch anderen Sicherheitsbehörden zur Verfügung, die dann eigene Mitteilungen darüber verschicken können.

Als weitere Warnweste fürs Handy gibt es noch die App Biwapp, ein privates Angebot der Marktplatz GmbH aus Lüneburg mit gut 100 000 Nutzern. Biwapp steht für Bürger-Info- und Warn-App, das Programm warnt nicht nur vor Katastrophen, sondern informiert auch über Schulausfälle, Verkehrsunfälle oder Fahndungen der Polizei. Das allerdings natürlich nur, wenn die Schulen, Ämter oder Polizeibehörden die App auch mit Informationen füttern. Das passiert laut Angaben des Anbieters derzeit in rund zwei Dutzend Landkreisen. Wer lediglich über Unwettergefahren wie Sturm oder Glatteis informiert werden möchte, für den reicht auch die App Warnwetter des Deutschen Wetterdienstes aus.

Technisch funktionieren die Apps prinzipiell alle gleich: Via GPS wird der aktuelle Standort des Nutzers ermittelt. Im Fall einer Katastrophe legen die Behörden fest, für welche Postleitzahlgebiete eine Warnung gelten soll. Wer sich im Gefahrengebiet aufhält, bekommt automatisch eine Meldung und andere aktuelle Informationen geschickt. Die Nutzer bekommen auch Hinweise dazu, wie sie sich verhalten sollen. Bei einem Großbrand werden sie beispielsweise dazu aufgerufen, Fenster und Türen geschlossen zu halten. Meldungen aus der Warn-App können außerdem über soziale Netzwerke wie Twitter geteilt werden – auf diese Weise wird ein noch breiterer Kreis an Adressaten erreicht.

Damit im Katastrophenfall so viele Bürger wie möglich über ihre Smartphones gewarnt werden, strebt BBK-Präsident Unger Kooperationen unter den verschiedenen Anbietern an: „Wir wollen, dass nationale Warnungen auf allen Warn-Apps automatisch ausgespielt werden – ganz gleich, wie die Warn-App heißt“, so Unger. Ein erster Schritt soll ein Austausch der Warninformationen zwischen Biwapp und Nina sein. Einen Fehler sollten Nutzer allerdings nicht machen: sich alleine auf ihre Warn-App verlassen. „Generell sind Meldungen per App nur ein Puzzlestück bei Warnungen“, sagt Silvia Darmstädter vom Deutschen Feuerwehrverband. Sie seien niemals das alleinige Warnmittel, sondern nur eine Ergänzung zu Sirenen, Fernsehen und Radio.

Deutlich zeigt das ein Fall aus dem letzten Jahr: Am
22. Juli wurden vor dem Olympia-Einkaufszentrum in München neun Menschen getötet. An jenem Freitagabend war über mehrere Stunden unklar, ob Terroristen in der Stadt unterwegs sind und weitere Anschläge planen. In der Bevölkerung herrschte Panik. Katwarn schlug an und rief Menschen in ganz Bayern dazu auf, die Autobahnen in Richtung München sofort zu verlassen. Sie sollten den Tausenden Polizisten Platz machen, die sich aus ganz Deutschland auf den Weg nach München gemacht hatten.

Zeitgleich kam es im Norden und Westen Deutschlands zu heftigen Unwettern, vor denen Katwarn die betroffenen Nutzer ebenfalls warnte. Gleichzeitig mussten also Hunderttausende Menschen mit Informationen versorgt werden. Die Server der App gingen in die Knie – ausgerechnet in dem Moment, als der Bedarf am größten war. Mittlerweile seien die Serverkapazitäten so weit aufgerüstet, dass Derartiges nicht noch einmal geschehen könne, versprechen die Katwarn-Macher. Ein Test des Katastrophenwarnsystems in Rheinland-Pfalz Anfang August scheint das zu bestätigen. 16 Landkreise, neun Städte und das Land verschickten zeitgleich Warnungen vor imaginären Katastrophen. Das Ergebnis: Innerhalb einer Minute wurden alle registrierten Nutzer auf diesem Weg erreicht.

Dass man für den Versand von Warnmeldungen aufs Handy überhaupt eine App benötigt, hat mit den strengen deutschen Datenschutzvorschriften zu tun. Handynutzer müssen ausdrücklich zustimmen, wenn sie Informationen erhalten möchten. Das tun sie, indem sie sich die jeweilige App herunterladen. In den USA ist das anders. Dort ist vor fünf Jahren der „Wireless Security Act“ in Kraft getreten – ein nationales Handywarnsystem. Daran beteiligt sind das amerikanische Heimatschutzministerium Homeland Security sowie sämtliche Mobilfunkanbieter.

Warnung an alle Handys in der Funkzelle

Die Behörden können nun gezielt Menschen in einer bestimmten Region per SMS warnen – und das ohne dabei etwa auf GPS-Daten der Smartphones zugreifen zu müssen. Es werden einfach alle Mobiltelefone in den Funkzellen der betroffenen Region angeschrieben und mit Warnmeldungen versorgt. Das System wird bei Terrorgefahr, aber auch bei Naturkatastrophen wie etwa Hurrikanen oder Blizzards genutzt. Mitunter werden auch Fahndungsaufrufe darüber versendet.

Ein so technisch vergleichsweise simples System, das ohne die ausdrückliche Zustimmung der Handynutzer auskommt, hat allerdings auch Schattenseiten. Das zeigt das Beispiel Türkei, wo ein ähnliches SMS-Warnsystem etabliert wurde. Staatspräsident Erdogan hat es bereits mehrfach missbraucht, um Propagandameldungen zu verbreiten und – etwa im Zuge des Putschversuchs vom Juli 2016 – seine Anhänger zu mobilisieren.

 

Hintergrund: Warnen und retten mit „Nina“

Nina, Katwarn, Biwapp, Warnwetter: Alle vier Apps gibt es kostenlos für iPhones und Android-Smartphones in den App-Stores. Eine Rettung auf Knopfdruck verspricht die Smartphone-App „Mobile Lebensretter“. Sie alarmiert nach dem Anklicken des Hilfe-Buttons nicht nur den Rettungsdienst, sondern bringt auch Smartphone-Nutzer zusammen: Nach Auslösen des Alarms stellt die App das Handy auf laut und wählt die Notrufnummer 112. Zeitgleich werden alle Nutzer der App, die sich in der Nähe aufhalten, alarmiert und auf Bestätigung hin per Navi zum Hilfesuchenden geführt.
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