Terrorpropaganda bei Facebook und Co : So ködern Islamisten Jugendliche mit Mesut Özil

Islamisten versuchen Jugendliche in den sozialen Netzwerken mit subtilen Kampagnen zu rekrutieren.
Islamisten versuchen Jugendliche in den sozialen Netzwerken mit subtilen Kampagnen zu rekrutieren.

Hinrichtungsvideos werden weniger – dafür ziehen Islamisten Jugendliche im Internet mit subtileren Methoden an.

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03. April 2019, 15:07 Uhr

Berlin | Provokante Videos, Anleihen aus Comics und Computerspielen, subtile Hassbotschaften: Islamistische Gruppen ködern Kinder und Jugendliche im Internet. Durch ihr perfides Vorgehen knüpfen sie direkt an die Lebenswelt der jungen Menschen an. Das zeigt ein aktueller Bericht "Islamismus im Netz 2018" des Bund-Länder-Kompetenzzentrum jugendschutz.net.

Demnach greifen Islamisten gezielt Debatten zur Jugendkultur auf und docken ihre Propaganda daran an. Sie versuchen auch, ein Gerechtigkeitsgefühl junger Menschen oder Erfahrungen mit Rassismus und Diskriminierung für ihre Zwecke auszunutzen. Hinrichtungsvideos und andere drastische Gewaltdarstellungen waren auf ihren Kanälen dagegen zuletzt etwas seltener zu sehen,

Brutale Fotos und Videos

Bekannt wurden jugendschutz.net im Bereich der islamistischen Propaganda im Netz im vergangenen Jahr 649 Fälle (2017: 786) mit insgesamt 872 Verstößen (2017: 1.547). Meist wurden Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen etwa vom "Islamischen Staat" verbreitet. Die großen Plattformbetreiber wie Facebook und Youtube reagierten in den allermeisten Fällen mit Löschungen, wobei die Quote bei Facebook mit 82 Prozent noch Luft nach oben lässt. Der Messenger-Dienst Telegram als "sehr relevante Plattform für islamistische Propaganda" hat dagegen lediglich 58 Prozent der gemeldeten Verstöße gelöscht.

Die Mitarbeiter des in Mainz angesiedelten Kompetenzzentrums von Bund und Ländern registrierten im vergangenen Jahr bei ihrer Suche auf einschlägigen Plattformen 48 "drastische Gewaltdarstellungen". 2017 waren sie noch auf 195 brutale Fotos und Videos gestoßen.

Der Leiter von Jugendschutz.net, Stefan Glaser, nannte drei Gründe für diese Entwicklung: Erstens habe die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) – vielleicht auch als Konsequenz aus ihren militärischen Misserfolgen – 2018 weniger Material neu publiziert. Zweitens hätten Social-Media-Dienste zuletzt "etwas konsequenter" brutale Bilder gelöscht. Drittens setzten radikale Gruppierungen inzwischen stärker auf "subtile" Methoden, um Jugendliche in ihren Bann zu ziehen.

Rücktritt von Özil als Propaganda

Experten aus den Bereichen Islamismus-Prävention und Deradikalisierung berichteten, Islamisten hätten zuletzt erfolgreich Themen wie die Debatte über ein vermeintliches Kopftuch-Verbot im öffentlichen Raum und den Rückzug des türkischstämmigen Mesut Özil aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft missbraucht, um online neue Kontakte zu knüpfen.

Beim Özil-Thema wollten Islamisten laut des Berichts gezielt an Diskriminierungserfahrungen muslimischer Jugendlicher „andocken". So etwa bei einem Meme der Instagram-Seite „Generation Islam“, das das Zitat Özils in den Vordergrund stellt: „Ich bin deutsch, wenn wir gewinnen, aber ich bin Immigrant, wenn wir verlieren.“

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Propagiert wurde dabei der Zusammenschluss „aller Muslime“ und gleichzeitig die Abgrenzung gegenüber der Mehrheitsgesellschaft.

Sichere Voreinstellungen in Online-Chats

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) will noch in diesem Jahr eine Novelle des Jugendschutzgesetzes auf den Weg bringen. Angesichts der Herausforderungen und Risiken durch neue Online-Kommunikationskanäle müssten die rechtlichen Rahmenbedingungen dringend geändert werden, sagte Giffey am Dienstag in Berlin. Dazu zählten sichere Voreinstellungen in Online-Chats, leicht zugängliche Melde- und Hilfesysteme oder klare Alterskennzeichnungen.

Giffey sagte, Lehrer und Sozialarbeiter sollten die Symbolik des radikalen Islamismus kennen, um Probleme frühzeitig zu erkennen. "Ich habe oft all diese Symbole gesehen, über die wir hier sprechen", berichtete Giffey aus ihrer Zeit als Bezirksbürgermeister im Berliner Bezirk Neukölln.

Vom IS gibt es sogar eine arabische Buchstaben- und Zahlen-App, die schon kleine Kinder an die extremistische Ideologie der Terroristen heranführen soll. Die Zahl Sechs erlernen die Kleinen dort nicht etwa mit sechs Küken oder sechs Häusern. Nein: Abgebildet sind sechs Sturmgewehre. Auf einer Illustration zur richtigen Schreibweise des Buchstaben "Ba" weht im Hintergrund die schwarz-weiße IS-Fahne. In einem animierten Kinderzimmer sollen die Mini-User eine Bombe finden, bevor sie explodiert.

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