Interview zu Schönheitswahn und Fremdenhass : Youtuberin Natasha Kimberly: "Deutschland hat ein Rassismus-Problem"

Natasha Kimberly ist Journalistin und Youtuberin. Durch ihren Migrationshintergrund wird sich nicht selten mit Fremdenhass konfrontiert. Foto: Instagram/nobeautychannel
Natasha Kimberly ist Journalistin und Youtuberin. Durch ihren Migrationshintergrund wird sich nicht selten mit Fremdenhass konfrontiert. Foto: Instagram/nobeautychannel

Natasha Kimberly will ein Gegengewicht zum Schönheitswahn sowie zum wachsenden Fremdenhass in Deutschland sein.

svz.de von
12. August 2018, 16:25 Uhr

Hamburg | Opfer von Fremdenhass gibt es viele in Deutschland. Im Internet umso mehr. Doch anstatt offen damit umzugehen und dem Hass entgegenzutreten, zerbrechen nicht wenige daran. Nicht so Natasha Kimberly. Sie ist 25 Jahre, kommt aus Mönchengladbach und hat während ihres Journalismus-Studiums in Köln, im Rahmen einer Projektarbeit einen Youtube-Channel gegründet, der daraufhin, ähnlich wie ihre darauf folgenden Kanäle auf Facebook und Instagram, durch die Decke ging. Der Name ihres Kanals: "Nobeautychannel", mehrere Hunderttausend Fans folgen ihr in den Sozialen Medien.

Insgesamt hat sie mehr als eine Millionen Follower. Was sie diesen vermitteln möchte und wie sie mit rassistischen Anfeindungen im Internet umgeht, erklärt Natasha uns im Interview.

Frau Kimberly, wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen "Nobeautychannel" auf Youtube zu starten?

Gestartet habe ich den Kanal tatsächlich mit dem Namen "Express Herself" – keine Ahnung warum, war einfach der Name, den ich mir damals ausgesucht habe, als wir dieses Projekt im Studium begonnen haben. Nachdem ich mich ein wenig in der Youtube-Landschaft umgesehen hatte, fiel mir auf, dass deutsche Youtuber ziemlich schwach und nicht authentisch sind. In den USA ist das ein ganz anderes Level.

Außerdem hat mir jemand gefehlt, der anders ist und gegen den Strom schwimmt. Denn 90 Prozent der Frauen auf Youtube machen irgendwelchen Beauty- und Schmink-Kram, sagen dir, was du kaufen sollte und überhaupt ist alles einfach nur perfekt inszeniert.


Und das fanden Sie nicht cool?

Ne, ganz und gar nicht. Ich habe auch eine kleine Schwester, die ist 15 Jahre jung und ist komplett am Ende wegen diesen ganzen Instagram-Weibern, die sich so perfekt inszenieren. Diesen jungen Mädchen wird dadurch vermittelt, dass sie auch so sein müssten.

Und da habe ich mir gedacht: Wir brauchen diese ganze Beauty-Scheiße überhaupt nicht. Es sollte sich nicht alles darum drehen, schön zu sein, sondern um ganz andere Dinge.

Damit möchten Sie also erreichen, dass die jungen Frauen in den sozialen Medien sich nicht diesem gesellschaftlichen Zwang zur Perfektion hingeben, sondern mehr Liebe zum eigenen Körper und ein natürliches Selbstbewusstsein entwickeln?

Genau. Insbesondere die Teenies sollen merken, dass es auch in Ordnung ist, anders zu sein. Das kann heißen andere Interessen zu haben oder anders auszusehen, was eine sehr große Rolle in dieser oberflächlichen Medien-Welt spielt. Ich zeige in meinen Videos auch ganz offen meine eigenen Makel wie Fettpölsterchen und versuche damit zu vermitteln, dass das völlig normal und auch okay ist.

Ich mache Instagram-Stories, da sehe ich aus wie der letzte Arsch, aber darauf bekomme ich richtig tolle Resonanz. Die Leute finden es einfach erfrischend, weil sie sonst nur Leute sehen, die immer perfekt aussehen. Ich poste auch mal inszenierte Fotos von mir, aber daneben poste ich auch immer ein Outtake-Foto auf dem ich mega bescheuert aussehe. Ich bin einfach für mehr Realität.


Die 25-Jährige verwendet nicht nur inszenierte Fotos, sondern auch Outtake-Fotos. Foto: privat
Die 25-Jährige verwendet nicht nur inszenierte Fotos, sondern auch Outtake-Fotos. Foto: privat


Weshalb ziehen Sie dieses ernsthafte Thema so humoristisch auf?

Es ist halt einfacher Leute zu catchen und von der Message zu überzeugen, wenn sie lachen müssen. Es gibt ja auch diese pseudo tiefgründigen Videos auf Youtube, die super ernst rüberkommen. Ist auch okay, fühlen sich bestimmt auch viele angesprochen, aber du fängst die Leute eher ein, wenn sie lachen, glücklich sind und dann auch noch merken: Hey, was sie da erzählt, macht ja wirklich Sinn.

Ich mache auch viel selbstironischen Kram und finde das einfach den charmanteren weg, als mit erhobenem Zeigefinger dazustehen. Jeder hat Schwächen, niemand ist perfekt und wenn man zusammen darüber lacht, dann ist doch gut.

Waren Sie früher schon der Klassen-Clown?

Richtig dolle, ja. Ich wurde auch immer vorgeschoben, wenn ein Referat gehalten werden musste, weil ich auch immer schon die größte Klappe hatte. Das ist das tolle an meinen Social-Media-Kanälen: Dort bin ich vollkommen frei und kann machen was ich will, während ich in meinem Beruf als Journalistin an gewisse Vorgaben gebunden bin.


Natasha Kimberly macht sich in ihren Video-Blogs regelmäßig zum 'Horst', um ihre Follower zum Lachen zu bringen. Foto: privat
privat
Natasha Kimberly macht sich in ihren Video-Blogs regelmäßig zum "Horst", um ihre Follower zum Lachen zu bringen. Foto: privat


Fruchtet Ihr Ansatz denn bei Ihren Followern beziehungsweise bekommen Sie positives Feedback?

Fast täglich. So unfassbar viele Mädchen schreiben mir, dass sie viel selbstbewusster sind, seitdem sie mich kennen. Bei Events liegen mir die Mädchen weinend in den Armen, weil sie so dankbar und glücklich sind für meine Videos. Das ist einfach ein großartiges Gefühl, so etwas Positives bei anderen Menschen hervorzurufen und zeigt mir, dass es richtig ist, was ich tue.

Nun bekommen Sie aber nicht nur positive Rückmeldungen, sondern auch viele Hasskommentare. Nicht wenige davon beziehen sich auf Ihren Migrationshintergrund. Teilweise lesen Sie diese sogar in Ihren Videos vor und machen sich über die Verfasser lustig, aber trifft Sie das trotzdem?

Es trifft mich inzwischen nicht mehr so sehr. Klar, am Anfang meiner Youtuber-Zeit sitzt du dann schon etwas bedröppelt da, wenn du Kommentare bekommst, wie: "Du blöder Neger, verpiss dich!" Das macht einem schon zu schaffen und einfach sprachlos. Ich kann voll nachvollziehen, wenn jemand meine Videos oder meinen Humor nicht mag, aber sobald es darum geht, dass es um meine Hautfarbe oder Herkunft geht, dann verstehe ich das nicht.

Das ist auch der Grund, weshalb ich mein letztes Video gemacht habe und einen speziellen Hasskommentar plakativ herausgestellt habe, um ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass es so etwas gibt.



Hat Deutschland ein Rassismus-Problem?

Definitiv. Deutschland hat ein Rassismus-Problem, das wurde während der Diskussion um Flüchtlinge offensichtlich. Es wird zwar immer versucht das totzuschweigen und so getan, als gäbe es keinen Rassismus in Deutschland. Aber wenn wir mal ehrlich sind, dann gibt es auch in Deutschland Rassismus. Die ganze Debatte um Mesut Özil hat das noch einmal verdeutlicht.

Besonders schlimm ist es im Internet. Dort sieht man, wie die Menschen wirklich denken. Es ist unfassbar ekelhaft, wie manche Menschen sich in Kommentare oder Foren äußern.

Wurden Sie persönlich denn schon einmal direkt mit Rassismus konfrontiert?

Eher indirekt. Ich werde beispielsweise oft gefragt, was ich bin. Daraufhin frage ich immer: Wie, was ich bin? ich bin deutsch. Das glauben mir die Leute nicht mal, was einen dann auch wirklich trifft und macht mich unterschwellig etwas böse. Ich weiß, dass die meisten das nicht böse meinen, aber es kommt halt oft auf die Formulierung an. Besonders bei solch sensiblen Themen.

Hatten Sie in Ihrem Job als Journalistin das Gefühl aufgrund deiner Hautfarbe diskriminiert worden zu sein?

Nein. Wo es jedoch häufig zu Diskriminierungen kommt, ist bei der Wohnungssuche. Viele Vermieter oder Verwaltungen wollen schlicht keine Ausländer als Mieter und geben das auch ganz offen zu. Das habe ich selbst schon bei meiner Wohnungssuche in Köln erlebt und auch Freunde haben mir häufig davon berichtet.

Hatten Sie denn einen Lösungsansatz, wie man dieser wachsenden Fremdenfeindlichkeit Einhalt gebieten kann, um die Gesellschaft wieder zu einen?

Das ist wirklich schwer! ich wünsche mir einfach mehr Offenheit und weniger Voreingenommenheit, wenn man auf fremde Leute trifft. Und wenn man ein Sprachrohr hat, sollte man dieses als Person des öffentlichen Lebens auch nutzen, um die Menschen, die einem folgen, für dieses Thema zu sensibilisieren. Die Politik wird daran nichts ändern, die quatschen eh nur den ganzen Tag. Das müssen wir alle in die Hand nehmen, um Rassismus, Ausgrenzung und Vorurteilen keine Chance zur Ausbreitung zu geben.

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