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Netflix-Chef im Interview : 20.15 Uhr war gestern

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Online-Video-Dienst Netflix sagt dem klassischen Fernsehen den Kampf an. Gründer und Chef Reed Hastings über das Geschäftsmodell und die Risiken.

Der Video-Dienst Netflix investiert drei Milliarden Dollar in eigene Filme und TV-Serien. Gründer und Chef Reed Hastings sprach mit Andrej Sokolow über das Geschäftsmodell und seine Risiken.

Was haben Sie in sechs Monaten über deutsche Kunden gelernt?

Hastings: Sie schirmen ihre Kinder gern vor Werbung ab, das ist für sie ein wichtigeres Argument für einen Dienst wie Netflix als für Nutzer in anderen Ländern. Inhalte für Kinder werden demnach stark nachgefragt.

Sie sagten vor Kurzen, klassisches lineares Fernsehen werde in 15 bis 20 Jahren aussterben. Bleiben Sie bei dieser Prognose?

Ja, lineares Fernsehen wird im Niedergang sein wie die Festnetz-Telefonie nach der Ausbreitung von Handys. Die heutigen Sender werden sich zu Internet-Netzwerken wandeln. Sport wird ein wichtiger Treiber sein: Die nächste Fußball-WM etwa wird nur über das Internet mit schärferen Ultra-HD-Bildern zu übertragen sein.

Wird Netflix auch für Sportrechte mitbieten?

Nein. Wir werden uns auf Serien und Filme konzentrieren.

Sport ist sehr teuer. Aber wir wollen schnell international wachsen. Als wir in Deutschland vor sechs Monaten starteten, hatten wir etwa 15 Millionen Nutzer außerhalb der USA, jetzt haben wir 20 Millionen. Wir sind jetzt in 50 Ländern und wollen in den nächsten 18 Monaten auch in den restlichen 150 verfügbar sein.

Sie geben dieses Jahr drei Milliarden Dollar für Serien und Filme aus eigener Produktion aus. Werden es kommendes Jahr noch mehr sein?

Ja, ganz richtig.

Sind Sie mit ihrem Modell gezwungen, immer mehr Geld in neue Inhalte zu stecken, um die Kunden zu halten? Eine Serie, von der alle Folgen auf einen Schlag verfügbar sind, ist schließlich in wenigen Tagen durchgesehen.

Wir behalten unsere Ausgaben im Griff. Und wir fügen regelmäßig neue Inhalte hinzu, so dass das Geschäftsmodell greift. Manchen geht es vielleicht nicht schnell genug - aber in ein paar Jahren werden sich genug Inhalte für alle angesammelt haben.

Wie messen Sie, ob sich die Investition rechnet?

Wir schauen darauf, wie viele Leute eine Sendung sahen und ob sie auf Interesse in den Medien stieß. Und wir machen viele Nutzer-Umfragen.

Sie pumpen also Milliarden zu einem Großteil geliehenes Geld in Eigenproduktionen. Wie gut schlafen Sie?

Wir haben schon viele Serien gestartet und sie gingen bisher alle in die zweite oder dritte Staffel. Wenn wir alles auf eine Karte setzen würden – etwa 500 Millionen Dollar in einen „Titanic“-Film stecken – das könnte eng werden. Aber wir gehen viele kleinere Wetten ein. Wenn überhaupt, sollten wir mehr Risiken wagen und auch mal groß scheitern, weil das bedeuten würde, dass wir die Grenzen austesten.

Die EU-Kommission will dafür sorgen, dass Medieninhalte über Ländergrenzen hinweg ohne sogenanntes Geoblocking verfügbar sind. Sind Sie bereit dafür?

Wir hätten gern europaweite Lizenzen. Wir werden in eineinhalb Jahren überall in Europa verfügbar sein, das wird uns nicht schaden. Und bei Sendungen, die wir selbst produzieren, halten wir es jetzt schon so.

Die EU will auch gleiche Rahmenbedingungen für Telekom-Anbieter und Internet-Firmen durchsetzen. Die Netzbetreiber beschweren sich, dass Online-Unternehmen in ihrer Infrastruktur Geld verdienen, ohne sich am Aufbau zu beteiligen. Netflix gilt als eine der größten Daten-Schleudern.

Deren Kunden wollen Netflix nutzen, deswegen holen sie sich auch teurere Verträge mit höherer Internet-Geschwindigkeit. Die Telekom-Firmen wollen als gute Kapitalisten diese Erlöse behalten und uns gleichzeitig zur Kasse bitten. Das ergibt keinen Sinn. Richtig ist aus unserer Sicht: Die Telekom-Betreiber zahlen für das Netz, wir zahlen für die Inhalte - und der Kunde entscheidet, zu welchem Dienst er geht.

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