So geht Frühjahrsputz : Der Dreck muss weg – oder?

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Der Frühling war früher Anlass für mehrtägigen Großputz, doch viele Menschen wissen heute gar nicht mehr, wie man wischt und wienert

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09. April 2017, 09:00 Uhr

„Es war der Horror.“ An den Frühjahrsputz von früher hat Elke Wieczorek Erinnerungen an Frauen mit Kopftüchern, die auf der Jagd nach Staub und Spinnweben tagelang ganze Häuser auf den Kopf stellten. „Der Frühjahrsputz war der Schrecken der ganzen Familie“, sagt die Geschäftsführerin des Berufsverbands der Haushaltsführenden. Doch eine neue Zeit ist angebrochen. Frühjahrsputz? Macht heute kaum einer mehr, sagen die einen. Andererseits ist in einer aktuellen Untersuchung die Rede von einer „neuen Macht des Putzens“.

Die Philosophin Nicole Karafyllis von der TU Braunschweig ist da skeptisch. Die Autorin des Buches „Putzen als Passion“ bangt vielmehr um diese „Kulturtechnik“, wie sie sagt. „Es fehlt an grundlegender Putz-Erziehung“, betont sie. Vor allem unter Akademikern, Büro-Arbeitern und Digital Natives, die mit Computern statt Bauklötzen aufwuchsen, nähmen die Fähigkeiten zur manuellen Problemlösung ab. „Zwei linke Hände haben, hat man früher gesagt.“

Auch Elke Wieczorek glaubt nicht an eine Putz-Renaissance: „Putzen hat heute nicht mehr den Stellenwert, der angebracht ist.“ Sie beobachtet auch heute noch mangelnde Anerkennung für Hausfrauen und -männer sowie Reinigungskräfte, wie sie sagt. Es werde angenommen, dass jeder putzen könne. „Aber richtig putzen, das kann noch lange nicht jeder“, betont Wieczorek.

Tausende in Deutschland überlassen die Aufgabe Haushaltshilfen – weil sie nicht gern putzen oder aus Zeitmangel. Kinder lernen so längst nicht mehr zwangsläufig, mit welchen Tricks gegen den Dreck anzukommen ist.

Wieczorek beobachtet grundlegende Defizite: „Die Leute gehen durch den Drogeriemarkt und kaufen sich planlos irgendwelche Reinigungsmittel.“ An Wissen über korrekte Dosierungen, geeignete Produkte für Fettschmutz in der Küche oder Kalk im Bad sowie die Eignung von Reinigern für Materialien fehle es aber. Zudem mangele es Haushalten an der richtigen Ausstattung: „Die kaufen sich Autos für 100 000 Euro, sparen aber an einem Wischmopp für 30 Euro.“ Aus Sicht von Philosophin Karafyllis haben darüber hinaus gesellschaftliche und technische Entwicklungen das Putzen verändert. Seit es zum Beispiel Staubsauger gibt, sind einmal jährlich fällige Großaktionen wie das Ausklopfen aller Teppiche überflüssig. Dann macht sich noch die ständige Zeitnot bemerkbar: „Es wird schnell drübergehuscht, irgendwas eingesprüht, eine Wisch-und-Weg-Mentalitität“, sagt sie.

Auch das Konsumverhalten hat sich gewandelt. Ging es früher beim Putzen auch um Werterhalt, so heißt es in vielen Haushalten heute eher: wegschmeißen und neuanschaffen. „Viele Sachen gehen kaputt, weil man sie nicht reinigt. Pflegeanleitungen liest keiner“, so Karafyllis. Und weil mehr Menschen alleine oder nur zu zweit leben, stören sie sich weniger an Dreck. „Heute kann man viel leichter sagen: Da kommt jetzt drei Wochen keiner, putze ich mal nicht.“ Wenn der Dreck schließlich doch bekämpft werde, dann mit Chemo-Keule aus Behältern mit Pistolenaufsatz. „Das hat eine militaristische Komponente bekommen“, findet Karafyllis.

Und die „neue Macht des Putzens“? In einer Untersuchung des Industrieverbands Körperpflege und Waschmittel zu psychologischen Motiven für das Putzen, die jetzt in Berlin vorgestellt wurde, heißt es, Menschen versuchten dadurch, in chaotischen Zeiten zumindest an ihrem Rückzugsort Kontrolle zu haben. Putzen unterstütze Wünsche wie den Rückzug ins Private, nach Verlässlichkeit und Struktur.

Gisela Gross

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