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Ratgeber

19. November 2017 | 20:31 Uhr

Den Tod nicht ausklammern

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erstellt am 15.Nov.2011 | 11:15 Uhr

Wenn jemand stirbt, sind es in der Regel die nächsten Angehörigen, die sich um die Beisetzung des Toten kümmern. Im Idealfall haben sie von ihm zu Lebzeiten erfahren, wie er bestattet werden möchte. Doch den meisten Menschen fällt es schwer, sich mit dem eigenen Tod zu befassen. "Weil es sehr viel mit der eigenen Endlichkeit zu tun hat", sagt die Diplompsychologin Inga Bucolo-Trappen aus Neuss. Sie versuchten, das Thema zu verdrängen, weil sie keine Übung im Umgang damit haben. "Mit den Themen Tod und Sterben werden wir in unserer Gesellschaft wenig konfrontiert."

Die Folge: "Wir reden oft nicht darüber, was uns am Lebensende existenziell wichtig ist", sagt Oliver Wirthmann vom Kuratorium Deutsche Bestattungskultur. Grundsätzlich sei zwar zu beobachten, dass das Thema Tod in den vergangenen Jahren immer mehr enttabuisiert und mit einer neuen Nüchternheit behandelt werde. Aber das geschehe immer auf eine virtuelle, künstliche Weise: "Es ist immer der Tod der anderen." Im Durchschnitt habe ein Bundesbürger gerade mal alle zehn bis 20 Jahre mit einem Todesfall im engeren Familienkreis zu tun.

Doch es sei wichtig, über das eigene Ableben nachzudenken und zu Lebzeiten darüber zu sprechen, ist Alexander Helbach von der Verbraucherinitiative Bestattungskultur Aeternitas in Königswinter überzeugt. Sonst sei im Trauerfall die Ratlosigkeit manchmal groß, sagt er: Wollte der Tote eingeäschert werden oder nicht? Wenn es ein Familiengrab gibt, soll er dort beigesetzt werden? Oder vielleicht doch lieber in einem Ruheforst unter einem Baum?

Grundsätzlich gibt es zwei Formen der Bestattung: die Erd- oder die Feuerbestattung. Ihr Anteil ist in etwa gleich groß, doch die Tendenz zur Einäscherung steigt. Helbach sieht mehrere Gründe dafür: "Zum einen ist es meist billiger, weil die Hinterbliebenen keinen Aufwand mit der Grabpflege haben." Zum anderen würden Traditionen unwichtiger. So spielen religiöse Bedenken gegen das Verbrennen immer weniger eine Rolle. Und schließlich fehlten vielen Menschen auch die familiären Bindungen.

Der Wunsch nach anonymer Bestattung "resultiert aus der Angst, dass sich später keiner mehr kümmert, so nach dem Motto: ,Es besucht mich doch eh keiner’", analysiert Oliver Wirthmann. Es handele sich um eine Art Entsorgungsmentalität, kritisiert er. Inga Bucolo-Trappen erkennt in dem Wunsch nach Anonymität die Furcht, selbst nach dem Tod anderen noch zur Last zu fallen - und das Bedürfnis, darunter einen Schlussstrich zu ziehen. "Darin spiegelt sich unsere Gesellschaft wider", sagt sie.

Je klarer sich ein Mensch vor seinem Ableben geäußert hat, desto einfacher kann es für die Angehörigen sein, im Trauerfall wichtige Entscheidungen zu treffen - auch wenn im Zweifel gilt: "Wer bezahlt, entscheidet", wie Helbach es formuliert. Daher dürften sich Angehörige, die gern ein Grab zum Pflegen hätten, über den Wunsch nach anonymer Bestattung hinwegsetzen. "Der letzte Wille kommt da an Grenzen, wo die Nachfahren damit leben müssen", sagt auch Wirthmann. Denn häufig sei der Wunsch nach anonymer Bestattung eher ein indirekter Appell an die Verwandten, sich eben doch zu kümmern.

Wer sich aber zum Beispiel unbedingt wünscht, dass seine Asche verstreut oder die Urne auf See und nicht in einem Urnengrab oder einer Urnenwand beigesetzt wird, bereitet seinen Angehörigen damit oft ein Problem: "Trauer braucht einen Ort", sagt Wirthmann. In der Regel sei das der Friedhof.

Doch das Grab ist nach Ansicht von Bucolo-Trappen dafür kein Muss: Wenn die Vorstellungen so weit auseinandergehen und die Angehörigen einen Kompromiss finden wollen, könnten sie sich vielleicht daheim einen Altar herrichten, regt sie an. Platz finden könne dort neben einem Bild etwa eine Locke, damit nach der Einäscherung "noch etwas Körperliches" da ist und die Asche dennoch anonym bestattet werden kann.

Einer Umfrage im Auftrag des Bundesverband Deutscher Bestatter zufolge kann sich inzwischen nahezu die Hälfte der Bevölkerung vorstellen, nach dem Tod eingeäschert zu werden. Die Zahl der Erdbestattungen geht dagegen immer weiter zurück: Lag sie 1994 noch bei 68 Prozent und 2004 bei 58 Prozent, wird laut Aeternitas heute nur noch knapp die Hälfte der Verstorbenen als Leichnam im Sarg bestattet. Grundsätzlich muss in Deutschland jeder Tote - egal ob eingeäschert oder nicht - beigesetzt werden, und zwar im Regelfall auf einem Friedhof. Doch es gibt sehr unterschiedliche Arten der Beisetzung:

Wahlgräber
Hier kann die Grablage auf dem Friedhof in einem bestimmten Bereich beliebig ausgesucht und das Nutzungsrecht über die Ruhefrist hinaus verlängert werden. Wahlweise kann das Grab als Einzel- oder Doppelruhestätte erworben werden, so dass zum Beispiel Ehepartner gemeinsam - auch mit zeitlichem Abstand - dort beigesetzt werden können. Handelt es sich um ein Tiefgrab, werden Särge oder Urnen übereinander und nicht wie bei einem Doppelgrab nebeneinander beigesetzt. Wahlgräber werden in der Regel namentlich mit einem Grabmal gekennzeichnet und individuell gestaltet. In ein Erdwahlgrab dürfen zusätzlich eine, manchmal sogar bis zu vier Urnen beigesetzt werden.

Reihengräber
Sie werden von der Friedhofsverwaltung der Reihe nach vergeben. Jeweils ein Sarg oder eine Urne findet pro Grabstelle Platz. Je nach Friedhofssatzung sind die Ruhefristen unterschiedlich lang. Sie können nicht verlängert werden. In der Regel wird das Grab namentlich gekennzeichnet und individuell gestaltet. Ähnlich verhält es sich bei Rasen- oder Wiesengräbern, die ebenfalls als Reihengräber vergeben werden. Die Grabgestaltung und -pflege entfällt hier allerdings, weil die Rasenfläche vom Friedhofspersonal gemäht wird.

Gemeinschaftsgräber
Meistens handelt es sich um Urnen-, seltener um Sarggräber. Mehrere Verstorbene, die nicht miteinander verwandt sein müssen, werden einzeln auf einer einheitlich gestalteten Fläche bestattet. Gewöhnlich kümmert sich die Friedhofsverwaltung um Bepflanzung und Pflege. Ein zentrales Grabmal oder einzelne Tafeln vermerken, wer dort bestattet ist.

Urnenwand
Sie wird von Bestattern auch als Kolumbarium, lateinisch für Taubenschlag, bezeichnet. Hier werden in einer Wand bis zu zwei Urnen in einzelnen Kammern beigesetzt. Eine Platte mit einer Inschrift schließt diese nach vorne ab.

Baum- oder Waldbestattung
Eine biologisch abbaubare Urne wird im Wurzelbereich eines Baumes - meist in sogenannten Ruhewäldern - beigesetzt. Eine wie auch immer geartete Grabgestaltung ist in der Regel nicht erlaubt. Wie bei Rasen- oder Wiesengräbern ist hier eine anonyme Bestattung möglich.

Seebestattung
Die Asche wird in einer Urne aus leicht löslichem Material von einem Schiff aus im Meer versenkt. Der Verstorbene muss diese Art der Bestattung ausdrücklich gewünscht haben und möglichst schriftlich festgehalten haben. Der Ort wird in einer Seekarte vermerkt. Allerdings kann auch eine Seebestattung anonym erfolgen.

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