INTERVIEW : Comeback als Neuling

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„Gisbert“ ist tot – Fabian Hinrichs kehrte nun als Kommissar in den „Tatort“ zurück

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17. April 2015, 07:36 Uhr

Vor drei Jahren hatte Fabian Hinrichs einen spektakulären Auftritt als Assistent der Münchner „Tatort“-Kommissare. Am Ende der Folge „Der tiefe Schlaf“ war Gisbert Engelhardt tot – und empörte „Tatort“-Fans forderten seine Wiederauferstehung. Nun kehrt Hinrichs zurück – als Kommissar: An der Seite von Dagmar Manzel ermittelte er in der Rolle des Felix Voss an letzten Sonntag erstmals im neuen „Tatort“ aus Franken: „Der Himmel ist ein Platz auf Erden“. In Berlin unterhalten wir uns über Vorzüge und Schattenseiten der Hauptstadt sowie den Lieblingskrimi der Deutschen.

Sie sind hier in Berlin überwiegend mit dem Fahrrad unterwegs – ist das nicht ziemlich stressig und gefährlich?

Beides. Mit dem Auto zu fahren ist noch schlimmer und vor allem stressiger. Aber ich ziehe demnächst wieder weg aus Berlin, nach Potsdam.

Das hatte ich mir fast gedacht. Es gibt Zitate von Ihnen über Berlin: „Es kommen zwei schöne Straßen und dann wieder absolute Hässlichkeit“ oder „Man läuft durch Müll und Scheiße“.
Das ist ja auch so. Sicher – Berlin hat enorme Vorzüge und ich bin der Stadt einerseits auch dankbar, weil ich mit ihr zusammen wachsen konnte. Aber alles hat seine Zeit. Wenn man viel ausgeht, der Kleinbürgerlichkeit entwachsen, in Ruhe gelassen werden will und die Anonymität sucht, ist Berlin sicher eine ideale Stadt. Wenn sich aber die Lebensumstände ändern und man wie ich Vater wird, sieht man einiges anders. Ich vermisse die Natur, möchte aber nicht in einen Vorort. Ich vermisse auch intensivere persönliche Begegnungen, in Großstädten verstreut sich das alles sehr, auch wenn andere Menschen das sicher anders empfinden. Man könnte denken, das Leben in Berlin sei freier, aber vielleicht bedeutet diese Freiheit ja auch eine Unfreiheit.

Inwiefern?
Die Tatsache, dass Berlin in Deutschland die Stadt mit den meisten Möglichkeiten ist, geht oft mit der Tatsache einher, dass man sich nicht entscheiden kann – weder für einen Menschen noch für einen Beruf. Nicht für etwas, was man abends macht und nicht für etwas, was man morgens macht. Auf diese Unverbindlichkeit habe ich keine Lust mehr.

Aber Sie wenden sich nicht total von Berlin ab, oder?
Ich werde weiterhin in Berlin arbeiten und ziehe ja auch nur ins Umfeld von Berlin. Ich habe alle Vorzüge der Großstadt genossen und kehre ihr jetzt etwas den Rücken. Das finde ich ideal so, denn ich schätze ja das Berliner Publikum sehr – die Volksbühne ist wahrscheinlich der wunderbarste Theaterort in ganz Europa, da mache ich jetzt auch wieder ein neues Stück, das im Juni Uraufführung hat.

Ihr Vater ist Polizist, Ihr Bruder auch – was hat Ihre Familie dazu gesagt, dass Sie nun ausgerechnet „Tatort“-Kommissar werden?
Da muss ich Sie enttäuschen, mit denen habe ich mich darüber noch gar nicht ausgetauscht. Mein Beruf ist bei uns gar nicht so das Thema und nimmt nicht den Raum ein, wie man es vielleicht vermutet. Kann sein, dass die beiden mit ihren Kollegen darüber gesprochen haben – mit mir aber noch nicht. Vielleicht reden wir ja darüber, wenn mein erster „Tatort“ gelaufen ist.
Hatten Sie denn selbst mal den Gedanken, Polizist zu werden? Es scheint ja in der Familie zu liegen.
Niemals. Jetzt als „Tatort“-Kommissar bin ich’s ja ein bisschen, aber das Tolle an meinem Beruf ist, dass ich etwas für einen bestimmten Zeitraum sein kann und es dann aber auch wieder verlasse.

Immerhin haben Sie mal Jura studiert – aus welchem Antrieb?
Mit 20 lebt man ja noch nicht das Leben, das man wirklich leben möchte. Ich habe das einfach studiert und war auch wirklich ein sehr guter Student, ohne viel dafür tun zu müssen. Aber je besser die Noten waren, desto trauriger wurde ich. Vermutlich weil ich mir mehr vom Studium versprochen hatte. Das sogenannte Campusleben fand ich total enttäuschend, jeder wurschtelte da vor sich hin. Ich habe mir dann verschiedene geisteswissenschaftliche Studiengänge angesehen, bin in die Seminare gegangen – und es war überall das gleiche Bild. Ich fand die Leute einfach unglaublich langweilig, grau, leidenschaftslos. Man trieb in die Mensa und in die Hörsäle und ich dachte nur: So kann das doch nicht weitergehen.

Statt Anwalt geworden zu sein, sind Sie nun Schauspieler und jetzt auch „Tatort“-Kommissar. Ein Ritterschlag, der größtmögliche öffentliche Aufmerksamkeit mit sich bringt?
Die größtmögliche Öffentlichkeit ist für mich gar nicht so erstrebenswert. Dass ich Schauspieler geworden bin, geschah eher unreflektiert, es ist mir sozusagen unterlaufen. Wahrscheinlich ist es so, dass der Beruf sich mich ausgesucht hat. Ich habe ja schon vorher Filme gemacht, die teilweise auch mit Preisen bedacht wurden, aber ich merke jetzt schon, dass der „Tatort“ noch mal was ganz anderes ist. So eine Rolle als Kommissar ist ja fast wie ein öffentliches Amt. Man kriegt wahrscheinlich leichter eine Wohnung und würde vielleicht auch eher einen Kredit kriegen.

Würden Sie so weit gehen zu sagen: „Endlich Tatort-Kommissar“?
Nee. Ich habe mich sehr gefreut und verstehe mich vor allem mit Dagmar Manzel unglaublich gut, das müssen wir gar nicht spielen. Aber es wäre auch ohne „Tatort“ weitergegangen und ich hätte es auch nicht unter allen Umständen gemacht. Auf der anderen Seite hatten Stephanie Heckner, die Redakteurin, und ich gleich einen guten Draht zueinander, und ich halte auch den Bayerischen Rundfunk für sehr solide und loyal, da will man klassische anspruchsvolle Dinge machen. Gleichzeitig gibt es in Deutschland ja kein befriedigendes Kino als Arbeitsfeld für einen Schauspieler. Dadurch gibt es keine Alternative zu großen Fernsehreihen und –filmen, die Qualität versprechen. Da ist es viel befriedigender und reizvoller, über eine längere Dauer etwas entwickeln zu können.

Sie haben beim Bayerischen Rundfunk ja schon eine ebenso kurze wie aufsehenerregende „Tatort“-Karriere als Gisbert Engelhardt gehabt. Als er am Ende seines einzigen Auftritts als Assi der Münchner Kommissare starb, gab’s einen Aufschrei beim Publikum und Internetkampagnen wie „Wir wollen Gisbert Engelhardt zurück“.
Ich habe das damals ja gar nicht so mitbekommen, weil ich in Myanmar war und weder Internet noch Handykontakt nach Deutschland hatte. Das war wahrscheinlich auch gut so und später habe ich es gar nicht so ernst genommen. Deshalb bin ich gar nicht darauf gekommen, dass der Bayerische Rundfunk mich auch deswegen fragen würde, das ist mir erst später aufgegangen. Es spielte wohl eine Rolle, aber andererseits war von vornherein klar, dass wir da jetzt nicht anknüpfen und Gisbert Engelhardt wiederbeleben werden. Das hätte ich auch nicht gewollt.


Dagmar Manzel und Sie kommen von Beginn an als Typen rüber, die sich gut verstehen. Im „Tatort“ ist das eher die Ausnahme, da nimmt man eigentlich gern zwei gegensätzliche Pole, die sich aneinander reiben.
Die verstehen sich zwar gut, aber es ist auch immer die Möglichkeit da, dass sich das mal ändert. Gegensätze sind ja durchaus vorhanden. Aber wir wollten nicht diese herkömmlichen Kontraste und Gegensätze bedienen nach dem Motto „Er hört Metal und sie hört Jazz“. Als Zuschauer gefällt mir so etwas auch nicht, meistens finde ich es etwas leblos.

Wenn Sie sich in die Rolle des Kritikers versetzen – was gefällt Ihnen am besten an Ihrem ersten Franken-„Tatort“?
Das ist ja eine perfide Frage, die ich gar nicht beantworten kann. Ich kann gar nicht diese Distanz aufbauen, die ein Kritiker hat. Ich sehe mich selber nicht gerne und habe die meisten meiner Filme außer bei der Nachsynchronisation gar nicht gesehen. Es gibt zwei Arten von Schauspielern: Die einen schauen sich sehr genau an, um nachjustieren zu können – das kann gut, aber auch sehr schlecht sein. Man sieht sich dabei immer durch die Augen der anderen und fragt sich: Wie wirke ich auf andere? Das möchte ich aber gar nicht. Ich möchte es spielen und mir und dem Regisseur vertrauen.

Sind Sie denn nicht gespannt auf das Ergebnis Ihrer Arbeit?
Doch, total. Ich war sehr angespannt, als ich jetzt den „Tatort“ gesehen habe. Aber der Film rauscht dann auch an mir vorbei – ich müsste ihn mit Abstand noch mal sehen, um mich in die Position eines Kritikers versetzen zu können.

Also keine Wertung zum „Tatort“?
Ich halte ihn wirklich für sehr gelungen und ich glaube, dass er von der Bildsprache, der Opulenz, der Art der Regie und der Kameraführung her eigentlich ein Kinofilm ist. Man kann diesen Film nicht einfach nur konsumieren, sondern muss sich auf seine wechselnde Erzählzeit einlassen.

Was unterscheidet den Schauspieler Hinrichs von dem TV-Kommissar Voss?
Die „Tatort“-Figur ist souveräner, als ich es im Leben bin.

Und was ist Ihnen wichtig an Ihrer Art zu spielen?
Wahrhaftigkeit ist mir wichtig. In der Kunst geht es darum, ein Spiegel zu sein, wenn es irgendeinen Wert für die Gesellschaft haben soll. Der Zuschauer sollte etwas zutiefst Menschliches wiedererkennen, das dann zum Symbol wird, auf mich zurückschlägt, mich berührt und etwas verändert. Das kann nur die Kunst.

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