Abitur in der Kritik : Zu leicht, zu unterschiedlich, zu ungerecht?

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Das Abitur ist wieder mal ins Gerede gekommen

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12. Juni 2015, 06:30 Uhr

Befreiter Jubel im Mai/Juni/Juli hat an deutschen Gymnasien Tradition. Dann gehen mehrwöchige Abiturprüfungen zu Ende, in den allermeisten Fällen mit dem begehrten Reifezeugnis. In einigen Bundesländern werden aber wohl wieder deutlich bessere Noten bejubelt als in anderen. Das heizt den Streit über Wert und Gerechtigkeit des Abiturs an. Und es wirft die Frage auf, ob die für Schule zuständigen Länder auf teils massive Kritik am Abi-Flickenteppich reagieren.

Handlungsbedarf angesichts einer „Abi-Lotterie“ stellte gerade erst „Der Spiegel“ fest. Das Magazin wertete Daten der Kultusministerien und des Statistischen Bundesamtes zu den Abiturgesamtnoten 2006 bis 2013 aus. Ergebnis: Der Anteil der Einser-Abiturienten, aber auch der Durchfaller weicht in manchen Ländern regelmäßig deutlich vom Bundesdurchschnitt ab. These: Mancherorts sind die Startchancen für Numerus-clausus-Studienplatzbewerber klar besser als anderswo.

So schlossen 2013 in Thüringen 37,8 Prozent aller Kandidaten mit der Eins vor dem Komma ab, in Niedersachsen indes mit 15,6 Prozent nicht mal halb so viele (bundesweit: 23,3 Prozent). Auch der Notenschnitt klaffte auseinander – zwischen 2,17 in Thüringen und 2,61 in Niedersachsen.

Den Verdacht, dass im Abi-Wunderland Thüringen Kuschelnoten verteilt werden, weist Bildungsministerin Birgit Klaubert (Linke) in Erfurt zurück. Auch in bundesweiten Studien ohne Notenvergleich hätten Thüringer Schüler in den Vorjahren mehrfach vorderste Plätze belegt. Klaubert: „Das Thüringer Schulsystem setzt auf Leistung – und belohnt sie auch.“

Der Vorsitzende des Wissenschaftsrats, Manfred Prenzel, spricht angesichts der Noten-Spreizung von „Subkulturen“ in einzelnen Schulen und Ländern. „Die ostdeutschen Bundesländer haben eine ausgeprägte Tradition, Spitzenleistungen zu fördern und zu honorieren. Andere Länder neigen eher dazu, Abiturienten gleichzumachen, vielleicht aus politischen Gründen.“

Aber nicht nur in Thüringen, fast überall in Deutschland verbesserten sich die Abi-Noten innerhalb der acht Auswertungsjahre. So lag der Einser-Anteil in Berlin 2013 fast doppelt so hoch wie 2006. Geht der begehrten Hochschulreife inzwischen nur noch ein quasi hinterhergeworfenes „Schmalspur-Abi“ voraus, wie Skeptiker behaupten?

Die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, Sachsens Bildungsministerin Brunhild Kurth (CDU), kontert Kritik an einer „Einser-Inflation“: „Eine Krise des Abiturs sehe ich nicht – überhaupt nicht.“ Sie erkenne vielmehr den Wunsch von immer mehr Eltern, „dass ihr Kind einen guten Entwicklungsweg nimmt. Dies spiegelt sich in einer leichten Tendenz zur Verbesserung von Prüfungsnoten wider.“ „Noch etwas kommt hinzu: Vielleicht leisten unsere Lehrerinnen und Lehrer ja einen ganz tollen Job?“, so Bildungsministerin Kurth.

Auf dem mühsamen Weg zu einer stärkeren Vereinheitlichung des Abiturs haben die in der KMK zusammengeschlossenen Länderressortchefs gestern in Berlin einen Beschluss gefasst. Es geht um den Aufbau eines Pools „mit orientierendem Charakter für den Abituraufgabenpool ab 2017“. Kurth fordert: „Wir müssen zu Vergleichbarkeit kommen. Das hat auch etwas mit Chancengleichheit und Gerechtigkeit zu tun.“

Sechs Länder (Bayern, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Sachsen und Schleswig-Holstein) sind bereits vorangegangen und haben gemeinsame Abituraufgaben oder Aufgabenteile in Mathematik, Deutsch und Englisch verwendet. Nun kommt Brandenburg bei Deutsch hinzu, 2016 Bremen bei Deutsch und Mathematik. Bis 2017 sammeln die Länder dann in einem Pool Abituraufgaben, geprüft vom renommierten Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen. Zudem gebe es 2017 erstmals in 14 Ländern gleichzeitig ein Mathe-Abi. Kleine Schritte zur Abiturreform im föderalistischen Deutschland.

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