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Eltern-Kind-Büros : Gemeinsam arbeiten und betreuen

vom
Aus der Onlineredaktion

Eltern-Kind-Büros erobern die Städte.

svz.de von
erstellt am 03.Feb.2017 | 21:00 Uhr

Bei Janine Funke ist gerade Multitasking angesagt: Mit Baby Emilia im Tragetuch wippt sie sachte auf dem Sitzball auf und ab und tippt möglichst geräuschlos auf der Tastatur ihres Laptops. „Ich versuche, mit meiner Arbeit voranzukommen“, erzählt sie. Eigentlich promoviert die 26-jährige Historikerin in Potsdam, doch ihr Mann lebt in Bonn. Deshalb hat auch sie ihren Arbeitsort an den Rhein verlegt, in das Co-Working-Büro „Rockzipfel“ im Bonner Süden.

Co-Working heißt: Für einen Tages- oder Monatspreis kann ein Arbeitsplatz in einem Gemeinschaftsbüro angemietet werden. Viele Freiberufler nutzen diese Möglichkeit, um heraus zu kommen und Kontakte zu knüpfen. Der „Rockzipfel“ in Bonn bietet für 70 Euro monatlich ebenfalls einen Arbeitsplatz an – und zusätzlich die Möglichkeit, das Baby dabei mitzunehmen. Betreut werden die Kinder – wenn sie nicht gerade im Tragetuch schlafen – abwechselnd von Eltern im Büro.

Für Janine Funke hat das einen angenehmen Nebeneffekt: „Ich finde es schön, einen Raum zu haben, wo ich Leute treffe, die in einer ähnlichen Lebenssituation sind – also auch keine klassische Elternzeit haben, sondern stattdessen weitermachen.“ Auch wenn ihre Tochter mit knapp fünf Monaten noch klein ist, geht Funke schon wieder regelmäßig ihren Recherchen nach. Für sie war schon während der Schwangerschaft klar, dass sie bald nach der Geburt ihrer Tochter weiter schreiben möchte – ohne sich stundenlang von ihrem Kind trennen zu müssen. Lange Auszeiten kann sie sich im Wissenschaftsbetrieb nicht leisten. „Man hat nicht wirklich Elternzeit, wenn man promoviert. Ich bin nicht angestellt, ich hab ein Stipendium“, erklärt sie.

Ins Leben gerufen wurde das Eltern-Kind-Büro „Rockzipfel“ von zwei Doktorandinnen, die sich im Stillcafé kennengelernt haben. „Wir haben festgestellt, dass wir beide in einer ähnlichen Situation sind und uns zusammen tun wollen“, erzählt Gründerin Svenja Mordhorst. Bei der Suche nach Vorbildern stießen sie auf das „Rockzipfel“-Büro in Leipzig, das seit 2010 ein Eltern-Kind-Büro anbietet und Namen und Logo auch an andere Büros vergibt.

Auch in Dresden, Hamburg oder München gibt es mittlerweile sogenannte Rockzipfel-Büros, in denen sich Eltern die Betreuung ihrer Kinder aufgeteilt haben. Das Konzept ist in jeder Stadt etwas anders. So will das Rockzipfel-Büro in Leipzig mit seinen täglichen Öffnungszeiten und der Unterstützung durch Freiwillige eine echte Alternative zur herkömmlichen Kita darstellen – zum Beispiel für arbeitende Eltern, die ihre Kleinkinder in ihrer Nähe wissen möchten. In Dresden wiederum hat das Büro an drei Tagen geöffnet; über ein Stundenkonto wird genau festhalten, wer wie oft arbeitet oder eigene und fremde Kinder betreut. Auch wenn sich die Bonner gegen ein Modell wie in Dresden oder Leipzig entschieden haben: „Mit den Erfahrungen und Tipps der anderen haben wir unser Konzept geformt“, sagt Mordhorst. Seit April 2016 wird nun dienstags und mittwochs das Café Apfelkind – ein kinderfreundliches Café im Bonner Süden – für den normalen Betrieb geschlossen und in ein Co-Working-Büro umgebaut: So entstehen ein Arbeitsbereich und ein abgetrenntes Spielzimmer. Das Alter des Kindes sollte ein Jahr nicht überschreiten.

Wie Arbeit und Babybetreuung koordiniert werden, wird nicht geplant, sondern täglich neu ausgehandelt: „Das ist meistens spontan und hängt von den Umständen ab, zum Beispiel welches Kind gerade müde ist. Wenn das eigene Kind schläft, kann man eigentlich immer arbeiten und bei den anderen ist es immer eine spontane Entscheidung und Absprache, wer zu arbeiten anfängt und wer nach den Kindern schaut“, erklärt Doktorandin Janine Funke. Schläft ein Baby, kann es auch im Arbeitsbereich in einem Kinderreisebett hingelegt werden.

Tobit Esch konnte so seine Doktorarbeit im Bereich Chemie fertigstellen. „Es ist im Prinzip eine Krabbelgruppe mit Benefit – das heißt, man sitzt nicht nur rum und unterhält sich – was natürlich auch schön ist – sondern man hat noch die Zeit, etwas zu schaffen“, sagt er. Dass sich in dieser Zeit auch andere Menschen um Sohn Lukas kümmern, war für Esch zunächst gewöhnungsbedürftig. „Das Hauptproblem für mich war die Frage: Kann ich überhaupt arbeiten, wenn mein Kind nebenan ist?“ Es habe eine Weile gedauert, das nötige Vertrauen in die anderen und ihre Betreuung zu bekommen, erzählt er. „Seit ich damit umgehen kann, kann ich hier auch sehr konzentriert arbeiten“ – auch wenn gelegentlich Kindergeschrei herübertönt.

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