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Unser tägliches Brot gib uns heute

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erstellt am 13.Okt.2010 | 08:32 Uhr

Bützow | Die tätowierten Hände kneten den Teig. Zwei Punkte sind zwischen Daumen und Zeigefinger eingestochen. In der Backstube riecht es nach frischem Brot. Vom Ofen strömt Hitze in den Raum. Die Hände gehören Mike Schwarz (Name von der Redaktion geändert). Er ist Häftling in der Justizvollzugsanstalt Bützow. Einer von 540. Vor zwei Wochen hat der 33-Jährige zum ersten Mal in seinem Leben eine Lehre begonnen.

29 Ausbildungsplätze gibt es in der JVA

"Es ist super", sagt der Mann mit den beiden tätowierten Tränen unter dem linken Auge. Über der Eingangstür hat Ausbilder Hans-Heinrich Callies ein Schild angebracht: "Organisierte Backwarenkriminalität verboten". Hin und wieder versucht ein Häftling, etwas Essbares mit auf die Zelle zu schmuggeln. Das ist verboten.

Seit 2008 sitzt Schwarz ein, noch bis 2013 dauert seine Haftstrafe. Genug Zeit, um sich weiterzubilden. Seinen Hauptschulabschluss hat er im Knast gemacht, danach seine Mittlere Reife, nun die Bäcker-Lehre. Eine "Traumkarriere" nennt sein Lehrer Andreas Jolitz das. "Oberlehrer", steht auf dem Schild auf seiner Brust. Er leitet in der JVA den Fachbereich Bildung und Freizeit. 29 Vollausbildungsplätze gibt es aktuell. Neben der Bäckerlehre auch Plätze für Köche, Tischler, Gebäudereiniger und Trockenbauer. Die Ausbildung im Gefängnis ist mehr als bloßer Zeitvertreib. Bei einigen Straftätern hängt die kriminelle Vergangenheit unmittelbar mit der fehlenden Bildung zusammen. "Wer Arbeit hat, der kommt weniger schnell auf die Idee, zu klauen", sagt Andreas Jolitz. Wenn er eine Klasse mit 14 Schülern beginnt, machen zehn bis zwölf von ihnen einen Abschluss. "Das ist eine gute Quote, denn fast alle haben ja schon eine gescheiterte Schullaufbahn hinter sich." Die meiten Häftlinge seien sehr motiviert.

Das ist auch Mike Schwarz. "Wenn ich wieder draußen bin, will ich als Bäcker arbeiten", sagt er und streicht über seine schwarz-weiß karierte Hose. Doch bis dahin ist es noch ein langer Weg. "Wir schenken den Häftlingen nichts", sagt Jolitz. Zwischen der Ausbildung "draußen" und der Ausbildung "drinnen" gibt es keinen Unterschied. Sie ist zwar auf zwei Jahre verkürzt - die Anforderungen jedoch sind dieselben. Die Prüfungen werden von der Handwerkskammer abgenommen.

400 Brote backen die Häftlinge am Tag

Für viele Häftlinge ist die Ausbildung mehr als das Vermitteln von Theorie und Praxis. "Automatisch wird auch soziale Kompetenz und Interaktion vermittelt", sagt Jolitz. Die Insassen lernen zu grüßen, zu kommunizieren, Anweisungen vom Ausbilder zu befolgen.

Bäckermeister Hans-Heinricht Callies leitet den Ausbildungsgang seit 1998. Er ist in der JVA fest angestellt, hat neben seinem Meister eine zweijährige Justiz-Ausbildung absolviert. Jeden Morgen um 6.30 Uhr fangen seine Schützlinge an zu backen. 350 bis 400 Brote am Tag, zweimal in der Woche bis zu 1600 Brötchen. Vor Feiertagen auch Kuchen. Alle Backwaren fließen in die Nahrungsmittelversorgung der Haftanstalt. "Brot brauchen wir deshalb nicht zuzukaufen", sagt JVA-Mitarbeiter Jens Kötz.

"Auf Wiedersehen, Herr Jolitz", sagt Maik Schwarz zum Abschied und lächelt. Nach der Entlassung will Jolitz den Häftling am liebsten nie wieder sehen. Das hat nichts mit mangelnder Sympathie zu tun. Sein Wunsch hat einen anderen Grund: "Wen ich hier nicht wiedersehe, der hat es meistens geschafft."

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