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Lernen im Wald der Riesenkräne

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erstellt am 08.Okt.2010 | 06:39 Uhr

Scheinbar endlos zieht sich der weiße Hallenbau neben der Straße entlang. Erst wenn das ebenso imposante, wie funktionale Gebäude passiert ist, lässt ein Stahltor einen Blick auf das Firmengelände zu. Dahinter ragt ein Wald aus Kränen in den Himmel. Von der benachbarten Ölmühle weht ein muffig Geruch herüber.

Wer im Rostocker Überseehafen an der Bushaltestelle "Liebherrstraße" aussteigt, muss den Kopf in den Nacken legen. Die Kräne, die das Unternehmen in die ganze Welt liefert, überragen die umstehenden Häuser um viele Meter. Muffensausen, das dürfte die Lehrlinge plagen, die an ihrem ersten Arbeitstag hier ankommen und am Pförtner vorbei den Schritt in den so genannten Ernst des Lebens wagen.

860 Kollegen - alle noch unbekannt

Gerade noch haben sie in der Schule den Unterricht in der letzten Reihe auch mal an sich vorbeirauschen lassen, nun stehen sie hier. Zusammen mit etwa 860 Kollegen, die sie noch nicht kennen, geht es in die Produktionshallen. Vorbei an Bauteilen, deren Durchmesser so groß ist, dass ein hochgewachsener Mensch entspannt in ihnen spazieren gehen könnte. Und überall prangt der Firmenname: Liebherr.

Der Jugendliche, der an diesem Punkt noch nicht kleinlaut geworden ist, sucht sich seinen Platz an einer der riesigen Maschinen, in denen Rohmaterial im Wert von mehreren tausend Euro bearbeitet werden soll. Alles per Programmierung. Jeder Schritt muss genau überprüft werden. Ein Fehler wäre fatal.

Zum Glück haben die Auszubildenden Hilfe. Kollegen, Vorarbeiter und Meister lassen die Jugendlichen zuerst zugucken und schauen ihnen dann über die Schulter. Fragen ist erlaubt. Dann kann korrigiert werden.

Ein offenes Ohr finden die Auszubildenden bei Wolfgang Kautz und Ralf Harder. Kautz ist Leiter der im Mai 2009 gegründeten Liebherr-Akademie. Harder ist Ausbildungsleiter im Werk. Wenn sie mit den oft noch unsicheren Azubis zu tun haben, machen sie sich ein bewährtes Verfahren zunutze: Sie rufen sich in Erinnerung, wie sie selbst einmal angefangen haben, wie überwältigt sie von all den neuen Eindrücken waren und welche Probleme der ungewohnte Berufsalltag mit sich brachte. "Auch ich hatte damals keine Ahnung, was auf mich zukommen würde", gibt Harder zu. Und so geht es den jungen Leuten heute auch noch.

Zum ersten Mal von zu Hause weg

Die meisten sind zum ersten Mal in ihrem Leben von zu Hause weg. Und die erste eigene Wohnung bringt einige ungeahnte Herausforderungen mit sich. Bislang war der Kühlschrank immer gut gefüllt. Die Wäsche lag sauber gefaltet im Kleiderschrank. Ein stilles Dankeschön an die Mutter dürfte angesichts der unbekannten Fülle an Aufgaben, die eine eigene Wohnung mit sich bringt, bei jedem Jugendlichen mitschwingen.

Da kann es schon mal passieren, dass der Bus morgens ohne Lehrling abfährt und der Dienstbeginn um einige Minuten verpasst wird. Dann, erklärt Ausbilder Harder, sucht er das Gespräch mit dem Auszubildenden. "Aber nur, wenn es öfter vorkommt." Mit dem Hammer will er nicht auf den jungen Mitarbeiter losgehen.

Die Ausbildung wird zur Nebensache

Aber nicht nur der erste eigene Haushalt gehört zum Erwachsenwerden dazu. Auch die Liebe bestimmt das Leben der Jugendlichen - und die kann einen manchmal ganz schön durcheinanderbringen. Manchmal so sehr, dass die Ausbildung zur Nebensache wird. "Ist alles schon vorgekommen", bestätigt Kautz. Und dabei war der Junge ein fleißiger und aufgeweckter Lehrling. Schließlich wurde er an eine Firma in Hamburg vermittelt. Bei Liebherr konnte er nicht bleiben. Zu groß waren die Versäumnisse. Und immerhin können die Ausbilder nicht alles durchgehen lassen.

Zum Mechatroniker, Industrie- oder Konstruktionsmechaniker, Werkstoffprüfer und Zerspanungsmechaniker können die jungen Leute bei Liebherr in Rostock ausgebildet werden. 131 Lehrlinge sind hier zurzeit im Einsatz. Sie helfen, die riesigen Hafenmobilkräne zu bauen. Der weltgrößte mobile Schiffskran ist erst vor einigen Wochen im Rostocker Werk fertiggestellt worden.

Hobby: Computer

Jugendliche sind heute anders als noch vor zehn, zwanzig Jahren. Die 300 Bewerbungen, die es in diesem Jahr auf 30 Lehrstellen gab, sind bunter als bisher. "Heute gibt es wesentlich mehr Betätigungsfelder für Jugendliche", sagt Harder. Darin sieht er kein Problem. Im Gegenteil: Die Mitgliedschaft in der Freiwilligen Feuerwehr oder in einem Fußballverein zeigen schließlich, dass der Jugendliche aktiv ist. Er hat Freunde und sitzt nicht nur zu Hause. Anders sieht es aus, wenn in der Bewerbung unter der Rubrik Hobby "Computer" steht. Verbringt der Bewerber vielleicht seine Freizeit in virtuellen Welten, wo er als Ork oder Elf über andere Online-Spieler herfällt? Sind seine einzigen Bekannten Besucher von Chatrooms? "Da muss man schon etwas genauer nachfragen", sagt Harder.

Nachfragen ist ein gutes Stichwort. Denn der Ausbilder muss auch bei der Berufsschule nachfragen, wie es denn um die Leistungen seiner Schützlinge steht. Sind die nicht so gut, dann ist Nachsitzen angesagt. "Das wird in den kommenden Jahren mehr und mehr zur Normalität werden", prophezeit Harder.

Junge Leute müssen geführt werden

Nachsitzen müssen manche Jugendlichen auch noch, wenn es um Dinge wie Zuverlässigkeit geht. Nicht jeder weiß von Haus aus, dass er sich abzumelden hat, wenn er zum Arzt geht. Davon abgesehen, dass auch nicht jeder weiß, wann es angebracht ist, zum Arzt zu gehen. Aber das kommt mit der Zeit, sind sich Harder und Kautz sicher. Dahin wollen sie als Ausbilder die Lehrlinge bringen. Und wenn die Noten einmal nicht so gut sind, der junge Mitarbeiter aber fleißig ist und sich bemüht, dann gibt es auch nicht gleich eine Abmahnung. "Die jungen Leute müssen noch geführt werden", erklärt Kautz. Der Übergang von der Schule ins Erwachsenenalter verläuft eben nicht immer reibungslos. Pünktlich zum Dienst zu kommen und trotzdem den Abwasch zu machen und der Liebsten eine SMS zu schreiben - das braucht Übung. Aber schließlich lernen sie ja noch.

 

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