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Interview : Koch in der Klemme?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wie ist es um die Ausbildungssituation in der Gastronomie- und Tourismusbranche in MV bestellt

svz.de von
erstellt am 25.Feb.2017 | 08:00 Uhr

Der Ausbildungsmarkt in Mecklenburg-Vorpommern hat sich in den vergangenen 25 Jahren radikal verändert. Musste in den 1990er Jahren das Land mit der Förderung der dualen Ausbildung und staatlichen Ausbildungsprogrammen Reize für die Unternehmen schaffen, sind heute Lehrlinge Mangelware. Insbesondere die Tourismusbranche bekommt das Jahr für Jahr zu spüren. Über die Ausbildungssituation  sprach  Redakteurin Franziska Scharnitzki mit Wirtschaftsminister Harry Glawe.

Herr Minister Glawe, Stichwort Tourismus und Mecklenburg-Vorpommern, wie hat sich die Branche entwickelt?
Glawe: Der Tourismus hat sich in den letzten 26 Jahren hervorragend entwickelt. Die Zahl der Übernachtungen hat sich von drei Millionen, 1991, auf vermutlich über 30 Millionen im Jahr 2016 erhöht. Das bedeutet natürlich auch, dass immer mehr Menschen in der Branche beschäftigt sind. Mittlerweile kommen wir auf mehr als 131 000 Arbeitsplätze allein im Tourismusbereich. Allerdings gibt es in der Gastronomie Probleme, die offenen Lehrstellen zu besetzen. Da sehe ich es auch als Aufgabe des DEHOGA, entsprechende Berufe für junge Leute attraktiver zu gestalten - sei es durch Aufstiegsperspektiven im Unternehmen oder Unterstützung der Lehrlinge, die über die monatliche Ausbildungsvergütung hinaus geht.

Generell ist es um die Möglichkeiten für Bewerber im Ausbildungsjahr 2017/18 so gut wie noch nie bestellt. Auf einen Lehrling kommen laut aktueller Erhebung drei Lehrstellen. Wie kommt es zu diesem Positivtrend?
Zum einen hat sich die Wirtschaft hier im Land sehr gut entwickelt und die Nachfrage an Arbeitskräften ist gestiegen. Zum anderen hat sich die Zahl der Schulabgänger dezimiert. Hatten wir in den 90er Jahren bis zu 30 000 Schulabgänger pro Jahr, so liegen wir heute nur noch bei etwa 12 000 bis 13 000. Von denen geht ein Drittel direkt zum Studium. Bleiben etwa 8000 potenzielle Azubis. Dem gegenüber stehen jährlich rund 11 000 Lehrstellenangebote. Es entsteht eine gewisse Konkurrenz zwischen den Unternehmen um den Bewerber. Denn heute kann sich ein Schulabgänger seinen Arbeitgeber aussuchen. Diese veränderte Situation muss bei den Firmen ankommen und gerade im Tourismusbereich muss entsprechend reagiert werden.

Wie sollten die Tourismustreibenden auf diese neue Konkurrenz um den Auszubildenden reagieren?
Wenn man gute Leute ausbilden und an das Unternehmen binden will, dann sind neue Denkprozesse wichtig. Die Betriebe müssen für sich werben, sie müssen mit den Vorteilen einer Ausbildung gerade in ihrem Unternehmen werben, vor allem den jungen Leuten Perspektiven aufzeigen zur persönlichen und beruflichen Weiterentwicklung. Am Ende geht es aber auch um Löhne. Man wird nur mit Mindestlohn auf Dauer wahrscheinlich nicht hinkommen. Jeder muss von seinem Gehalt auch leben können und gerade für junge Leute muss es möglich sein von ihren Eltern finanziell unabhängig zu werden.

Was sollten denn die Unternehmen aus Ihrer Sicht, ganz speziell tun, um Ihre Azubis zu unterstützen?
Das Gesamtpaket rund um die Ausbildung muss stimmen. Neben dem Wertschätzen von Arbeitsleistungen geht es beispielsweise auch darum, Fahrkosten zu minimieren, Kost und Logis zu übernehmen. So dass vom Lehrlingsgeld auch noch etwas zum Leben übrig bleibt.

Warum wird denn im boomenden Tourismusland Mecklenburg-Vorpommern immer noch so schlecht bezahlt?
Zunächst muss man sich die Einnahmenseite ansehen. Neben dem klassischen Gast, der zum Essen in ein Restaurant kommt, bestehen heute weit mehr Anforderungen an ein touristisches Unternehmen. Es müssen Investitionen getätigt werden, um die Qualität zu halten und um neue Felder zu erschließen, Stichwort Wellness und Gesundheit. Aber dennoch müssen die Unternehmer lernen, die Mitarbeiter angemessen zu entlohnen. Wir befinden uns da bereits in einem Umbruchprozess, aber es muss noch besser werden.

Im Zweifelsfall ist man dann in MV gut ausgebildet, aber in Hamburg wird besser bezahlt. Was tun, um die jungen Leute hier im Land zu halten?
Es bleibt eine Aufgabe von Politik, aber auch von Unternehmen, ein ganzjähriges touristisches Angebot für Mecklenburg-Vorpommern zu entwickeln. Da hat sich schon viel getan. Vor Jahren hatten wir eine Saison von fünf Monaten. Heute haben wir eine Saison, die über acht, manchmal über neun Monate reicht. Da kann man auch ganzjährig verdienen. Das Thema Ganzjahresbeschäftigung ist ganz wichtig. Viele Unternehmen versuchen nicht mehr zu entlassen, sondern ihre Angestellten auch in der Nebensaison zu halten.

Ganz konkret - warum will keiner Koch werden?
Ganz so ist es ja nicht, es gibt schon noch junge Leute, die sich für den Beruf des Koches oder der Köchin entscheiden. Aber viele stellen auch fest, dass die Arbeitsbedingungen recht anspruchsvoll sind. Sieht man sich mal die Arbeitszeiten, gerade in den Tourismushochburgen an, so sind diese doch sehr gestaffelt. Wir haben eine geteilte Beschäftigung am Tag. Die Stoßzeiten wechseln sich mit ruhigeren Phasen und Pausenzeiten ab und dann muss man wieder sofort präsent sein. Die Arbeitstage werden also recht lang. Dafür muss man sich berufen fühlen. Ohne Leidenschaft für das Kochen und Freude, auch an den außergewöhnlichen Bedingungen, wird man das ein Leben lang nicht aushalten.

Was spricht denn aus Ihrer Sicht dafür, sich doch für eine Kochausbildung zu entscheiden?
Erstens nimmt man viel für das Privatleben mit, denn man kann seine Lieben stets kulinarisch verwöhnen. Zweitens kann man eine Berufung darin sehen, Gäste und Touristen zu bekochen, und natürlich bekommt man auch ein direktes Feedback. Ein Lob vom Gast ist eine gewisse Bestätigung für einen selbst, die man in vielen anderen Branchen so nicht erhält. Zudem bietet der Beruf auch die Chance, im In- und Ausland berufliche Erfahrungen zu sammeln. Koch bzw. Köchin ist schon ein schöner Beruf, nur man muss ihn wollen.

Mal weg vom Tourismus, wenn Sie jungen Leuten einen Beruf mit Zukunft in Mecklenburg-Vorpommern empfehlen sollten, was wäre Ihr Tipp?
Auch neben dem Tourismus hat man hier im Land viele Möglichkeiten zur beruflichen Entwicklung. Wir haben das Handwerk, das verarbeitende Gewerbe, den Schiffbau und Hafenwirtschaft. Wir haben Forschung und Innovation, alles was neue Produkte sind – Medizintechnik, Biomedizin, das sind Zukunftsfelder, die lohnenswert sind. Die Logistikbranche birgt ein riesiges Potential. Auch das Thema Gesundheitswirtschaft, mit Krankenhäusern und Pflege wird im Land abgedeckt.

Oft wissen die Schulabgänger ja gar nicht um die Möglichkeiten, die sie in MV haben. Wo kann man sich da als potenzieller Azubi informieren?
Zum einen haben wir die großen Berufsmessen, auf denen man sich informieren kann. Zum anderen bieten wir Initiativen wie die Fachkräftekampagne „Durchstarten in MV“, die wir gemeinsam mit den Industrie- und Handelskammern des Landes durchführen. Auf der dazugehörenden Internetseite www.durchstarten-in-mv.de können Firmen und potentielle Auszubildende zueinander finden. Dort gibt es den Ausbildungsatlas, wo sich jeder junge Mensch über die vorhandenen Möglichkeiten ganz speziell in seiner Region informieren kann. Es braucht niemand auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz das Land verlassen.

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