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Die Jugend baut sich einen Tempel

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erstellt am 15.Okt.2010 | 11:25 Uhr

Gleich wird es laut. Alle im Raum müssen deshalb Ohrenschützer aufsetzen. Dann schiebt Kristin Heyde das Kiefernholz über die Sägeblätter. Es kreischt. Die Späne werden prompt über einen großen Plastikschlauch abgesaugt. Erst führt sie die breite Seite durch die Maschine. Danach ist die schmale dran. Die 20-Jährige beugt sich tief über das Werkzeug. Das Abrichten des Holzes erfordert Kraft. "Mit diesem relativ kleinen Stück geht es", sagt sie. Acht Meter lange Bretter sind da schon ein ganz anderes Kaliber.

Der Baum wächst eben, wie er will

Als nächstes ist Robert Seyfert dran. Denn nachdem die zwei Seiten des Holzes in einen rechten Winkel zueinander gebracht worden sind, müssen die anderen beiden Seiten noch gehobelt werden. Erst dann sind sie parallel zueinander und das Brett kann weiterverarbeitet werden. "Der Baum wächst eben, wie er will", sagt Kristin.

Robert baut die Maschine zum Hobeln um. Er stellt die Arbeitsplatte so ein, dass das Holzstück, wenn es auf der Platte liegt, gerade so von der Säge erfasst wird. Dafür legt der 25-Jährige immer wieder den Zollstock an. Dann kreischt wieder die Säge. Am Ende ist das Kiefernholz gerade. Wo zuvor noch Splitter eine unruhige Oberfläche bildeten, kann Robert jetzt mit der flachen Hand über das glatte Holz streichen.

Vom Gerippe zur Kuppel

Kristin und Robert sind angehende Zimmerer. Sie lernen im Schweriner Ausbildungszentrum für Bauberufe, kurz ABC-Bau. Normalerweise fertigen sie Dachkonstruktionen, gerade nimmt in der Werkstatt ein Tor Gestalt an. Drüben im großen Werksaal aber wartet ein Prunkstück auf seine Fertigstellung: das Modell des Jugendtempels.

Noch erinnert das hölzerne Gerippe eher an einen Iglu oder eine riesige Glocke. Es ist die Kuppel. Sie ist das vielleicht komplizierteste Teil der Konstruktion. Wenn Kristin und Robert daran arbeiten, können sie bequem im Inneren Platz finden. Nun gut, ganz bequem vielleicht nicht. Schließlich spannt sich da etliches Gebälk. Aber als Zimmerer-Lehrlinge sind sie es gewohnt, auf ihre Köpfe zu achten. Robert schlängelt sich flink durch das Gerüst. Kristin assistiert beim Vermessen. Präzision ist bei diesem für heutige Verhältnisse eher ungewöhnlichen Bau gefragt.

Schon jetzt wirkt der Dachstuhl in der Werkstatt imposant. Und dabei ist es nur die Hälfte des Modells - es fehlen schließlich noch die acht tragenden Säulen. Das Original soll einmal doppelt so groß werden. Größe kann Robert und Kristin allerdings nicht mehr schockieren. Für die Bundesgartenschau im vergangenen Jahr in Schwerin, die eigentlich auch der Jugendtempel zieren sollte, haben sie Stallungen gebaut. Aber diese Architektur, die ist eben nicht alltäglich. "Es ist mal was anderes", sagt Kristin schlicht. "Und es macht Spaß."

Beim dritten Anlauf soll es klappen

Zimmerer-Lehrmeister Frank Sabas und Maurer-Lehrmeister Siegfried Kasten bleiben weniger cool, wenn sie von dem Projekt reden. "Das ist das Tüpfelchen auf dem I, die hohe Kunst", schwärmt Sabas. "Wer so etwas hinkriegt, ist ein Topmann", fügt Kasten hinzu. Kristin und Robert lächeln. Ja, das ist schon ein tolles Projekt.

Wenn der Jugendtempel eines Tages fertiggestellt sein wird, soll er dort stehen, wo einst das Original stand. Das im Fachjargon Monopteros genannte Bauwerk war 1835 auf einem Hügel im Schweriner Schlossgarten errichtet worden. Nur ein Jahr später wurde der hölzerne Rundtempel bei einem Sturm zerstört, doch gleich darauf wieder aufgebaut. Dann überdauerte er die Jahrzehnte, bis es in den 1970er-Jahren hieß, er sei baufällig geworden. Der Jugendtempel wurde also abgerissen. So schnell klappte es mit dem zweiten Wiederaufbau nicht. Einen ersten Anlauf gab es zur Bundesgartenschau. Doch die Wirtschaftskrise ließ die Sponsoren abspringen. Einen zweiten Anlauf nahm die Stadt zum 850. Geburtstag in diesem Jahr. Doch wieder klappte es mit der Finanzierung nicht rechtzeitig. Und auch jetzt noch steht das Vorhaben auf wackligen Beinen. Kreishandwerksmeister Gerd Güll sucht nach Sponsoren.

Die Jugend hingegen steht in den Startlöchern. Mit Hilfe der Bauzeichnungen wollen sie das Schmuckstück des südlichen Schlossgartens wieder aufrichten. Und diese Bauzeichnungen machen es deutlich: Das wird ein ganzes Stück Arbeit. Die Kuppel, auch Helm genannt, ist nämlich nicht einfach eine Halbkugel. Sie ist einmal nach innen und am unteren Ende wieder nach außen gewölbt. Wie bei einer Hutkrempe. Und sie hat nicht nur diese äußere Form, sie hat im inneren eine ganz andere. Da wölbt sie sich gleichmäßig. Angeblich soll dadurch eine besonders gute Akustik entstehen. Ob die alten Berichte hier stimmen, wird aber wohl erst überprüft werden können, wenn der Jugendtempel wieder steht.

Sägen und schmirgeln für das Gebälk

Durch die Bauzeichnungen haben sich Kristin und Robert schon durchgebissen. Und auch hier hat es die äußere Kuppel in sich: Sie sieht rund aus, in Wahrheit hat sie jedoch verschiedene Radien. Der Bogen ist oval. Ganz schön knifflig. Die geschwungenen Holzteile schneiden Kristin, Robert und die anderen Helfer an einer elektrischen Stichsäge. Dann ist der Bogen aber noch nicht glatt und für die Verarbeitung zu gebrauchen. Erst muss die Oberfläche geschmirgelt werden. Auch dafür gibt es ein Werkzeug. Hier zieht ein Motor einen Streifen Sandpapier über eine Winde. Das Holzstück muss nur auf dieses gehalten werden. Danach ist das Bauteil ebenmäßig.

Maurer sorgen fürs Fundament

Neben den Zimmerer-Lehrlingen werden auch Betonbauer am Wiederaufbau des Jugendtempels beteiligt sein. Schließlich braucht der Pavillon ein Fundament.

Eine Lehrarbeit wie der Jugendtempel wird einige Jahrzehnte, wenn nicht länger, überdauern. Und welcher Lehrling kann schon von sich behaupten, nach Plänen des Hofbaumeisters Johann Georg Barcas gearbeitet zu haben? Später können Kristin und Robert dann mit ihren Kindern, Enkeln und vielleicht sogar Ur-Enkeln durch den Schlossgarten spazieren und mit vor Stolz geschwellter Brust sagen: "Schau mal, das hab ich gebaut." Aber bis dahin ist ja noch ein bisschen Zeit.

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