Interview : Wie Alt und Neu harmonieren

Fällt kaum auf: Der Neubau auf einer Donauinsel in Regensburg fügt sich perfekt in die gewachsenen Strukturen ein. Bis heute bestimmen kleine Häuser die ehemalige Fischersiedlung. Dafür setzten die Architekten auch auf ein schmales Satteldach.
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Fällt kaum auf: Der Neubau auf einer Donauinsel in Regensburg fügt sich perfekt in die gewachsenen Strukturen ein. Bis heute bestimmen kleine Häuser die ehemalige Fischersiedlung. Dafür setzten die Architekten auch auf ein schmales Satteldach.

Baulücken in der Altstadt sind begehrt – doch Neubauten müssen sich mit der traditionellen Bauform verbinden lassen.

svz.de von
06. Mai 2017, 10:00 Uhr

Zwischen den idyllischen Bauernhäusern des Dorfes glänzt ein hochmoderner Glaskasten. Oder zwischen schmalen Häusern der Altstadt ragt ein dreistöckiger Komplex hervor. Solche Neubauten passen einfach nicht ins Bild, sagt Buchautor Johannes Kottjé. Er plädiert im Interview dafür, nicht bei jedem Neubau das Rad neu erfinden zu wollen.

Herr Kottjé, Sie haben für Ihr Buch Beispiele von Privathäusern gesammelt, die alte Bauweisen mit neuen verbinden. Sie plädieren aber nicht dafür, das traditionelle Bauernhaus eins zu eins aufleben zu lassen?

Das alte Bauernhaus oder das alte Fachwerkhaus gibt es ja so nicht. Als Laie hat man heute in einer historischen Stadt zwar oft den Eindruck, das ist alles am Stück entstanden, aber dem ist ja nicht so. Wenn ich genauer hinschaue, finde ich Häuser aus mehreren Jahrhunderten. Sie harmonieren gut, denn man hat früher nicht gemeint, man müsse mit jedem neuen Haus ein markantes Zeichen setzen. Sondern man hat sich ganz selbstverständlich an dem orientiert, was in der Region über Generationen hinweg üblich war.

Aber es gab doch über die Zeit auch Entwicklungen?

Man hat immer wieder Neuerungen einfließen lassen. Aber es war gang und gäbe, dass man in Städten nichts gebaut hat, was den vorhandenen Maßstab gesprengt hätte. Auch bei den Bauformen und Proportionen hat man sich an der gebauten Umgebung orientiert und beispielsweise ähnliche Dachneigungen, Giebelformen oder Fenstereinteilungen aufgenommen.

Welche traditionellen Bauformen bieten sich gut zur Verbindung mit modernen Gestaltungselementen an?

In vielen Regionen sind wie auch immer geartete Holzfassaden sehr typisch. Es gibt Gegenden, da sind sehr filigrane Holzfassaden typisch, dann gibt es welche mit eher grobschlächtigen. Aber das wichtigste Element sind für mich die Proportionen und die Maßstäblichkeit. Also, dass sich das neue Gebäude gut einfügt. Wenn ich das perfekt hinbekomme, ist alles andere relativ zweitrangig.

Welche Vorzüge bringt dem Bauherrn das Einbeziehen alter Bauformen? Ist es nur die Harmonie des Stadtbildes?

Der große Vorzug ist das sicherlich. Aber oft haben solche Häuser innen auch eine Vielfalt, die heute nicht mehr üblich ist. Man hat heute oft gleiche Fensterformate oder durchgängige Glasfassaden – und das sorgt für ein einheitliches Ambiente in den Räumen. Das war früher nicht so. Da hatte man einen großzügigen Raum, aber auch Rückzugsmöglichkeiten – also Räume mit großen Öffnungen, aber auch Räume mit kleinen Fenstern. Oft entsprechen solche Häuser somit auch den Bedürfnissen des Menschen nach einerseits Schutz und andererseits nach Freiheit und Offenheit.

Gibt es Experten für das Umsetzen traditioneller Bauformen?

Es ist nicht jeder Architekt dafür geeignet. Es gibt ja sehr viele, die sich geradezu darüber definieren, dass sie bewusst modern bauen und sich bewusst von regionalen Traditionen absetzen. Meine Recherchen haben aber auch gezeigt, es gibt andererseits zunehmend wieder Architekten mit regionalem traditionellem Fokus. Vielleicht ist es nur ein Nischentrend, doch das Thema ist deutlich beliebter als vor fünf oder zehn Jahren.

Interview: Simone A. Mayer
Buch: Johannes Kottjé, Moderne Häuser in regionaler Tradition – Bewährte Bauformen neu interpretiert. Callway, 2016, Euro 49,99, ISBN: 978-3-421-03953-8

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