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Günstig wohnen in Wien : Schöne Viertel zu bezahlbaren Preisen

vom
Aus der Onlineredaktion

Überall steigen die Mieten – nur nicht in Wien. Stadtplaner weltweit schwärmen von dortigen Projekten.

svz.de von
erstellt am 21.Jan.2017 | 16:00 Uhr

Der Dreijährige wirft Steine in den See, in dem sich das Logo der Wiener U-Bahn spiegelt. Seine Mutter Romina Speyer plant derweil für den eigenen Garten. Gemüse will sie ziehen. Spielplatz und Wiese gibt es hier in Wien-Aspern, wo auf einem alten Flugfeld 20  000 Wohnungen gebaut werden. „In 20 Minuten mitten in Wien oder Bratislava“, wirbt die Stadt für das Viertel, in dem für die stark wachsende Bevölkerung Wohnraum entsteht – staatlich geförderter Wohnraum.

Teure Miete kann sich Romina Speyer nicht leisten: Sie studiert noch, ihr Mann zieht ein Start-up-Unternehmen auf. In Berlin oder München wäre da ein Neubau mit Garten ein unerfüllbarer Wunschtraum. Hier nicht: Wie 60 Prozent der 1,74 Millionen Wiener mietet die vierköpfige Familie eine geförderte Wohnung, in ihrem Fall die einer Genossenschaft: Für 100 Quadratmeter plus 80 Quadratmeter Garten zahlt sie 740 Euro warm – Gemeinschaftsräume inklusive. Die 15  000 Euro Genossenschaftsanteil hat die Oma geliehen, „der perfekte Ort für Familien“, sagt sie.

Von Wiens sozialem Wohnungsbau schwärmen Stadtplaner weltweit. „Wir halten bislang Miet-Heuschrecken fern“, sagt Kurt Puchinger vom Bau-Magistrat, der das Wiener Modell gerade in Vancouver vorgestellt hat. Davor waren Berliner Politiker da – die Wohnungsnot der deutschen Hauptstadt ist ein zentrales Problem. Österreichs Hauptstadt hingegen besitzt 220  000 Gemeindewohnungen und verwaltet mehr als 200  000 weitere, deren Bau sie gefördert hat. Jedes Jahr kommen 9000 hinzu, viele davon mit preisgekrönter Architektur – Fahrradstadt, Dachgärten, an Single-Haushalte angepasste Zuschnitte.

Gebaut wird vor allem mit gemeinnützigen Trägern. Vorteil: Um ihren – steuerlich vergünstigten – Status zu halten, beachten sie soziale Ziele, müssen Gewinne rückinvestieren, transparent sein. „Das hält die Mieten langfristig unten“, sagt der Stadtplaner. Um Fördergeld zu erhalten, müssen die Baukosten niedrig sein: Kleine Mieten sollen sie tragen können. Ergebnis: Gemeindewohnungen ab 3,70 Euro pro Quadratmeter, Neubau für durchschnittlich 7,50 Euro. Bewerben kann sich, wer zwei Jahre in Wien wohnt und unter einer Einkommensgrenze liegt: 83  610 Euro netto im Jahr für vier Personen zum Beispiel. Wer später mehr verdient, darf bleiben.

Dass das relativ hoch ist, gehört zum Modell: „Wir wollen gemischte Mieter.“ Dafür gibt Wien auch rund 600 Millionen Euro pro Jahr aus, 420 Millionen davon kommen vom Bund – ohne Diskussion: Ein Prozent der österreichischen Lohnsteuer fließt in den Wohnbau. „Damit kann man dauerhaft arbeiten“, sagt Puchinger.

Seit den 1920ern baut die Stadt Sozialwohnungen – „ein Riesenvorteil Wiens“, sagt Ulrich Ropertz vom Deutschen Mieterbund. In Deutschland fallen dagegen pro Jahr rund 80  000 der in den 1990er Jahren geförderten Sozialwohnungen aus der Bindung, dürfen also teurer vermietet werden. Etwa 1,6 Millionen Sozialwohnungen gibt es noch, Bedarf gäbe es für 5,6 Millionen, zeigen Studien des Eduard-Pestel-Instituts in Hannover.

Darauf reagiert nun die Bundesregierung. 1,5 Milliarden Euro gibt der Bund den Ländern für den sozialen Wohnungsbau im kommenden Jahr: Das ist dreimal mehr als vor zwei Jahren. Allerdings ist das Fördergeld nicht zweckgebunden: Nicht alle bauen damit neue Wohnungen, ein Teil fließt zum Beispiel in die Sanierung bereits bestehender Gebäude. „Es reicht auch höchstens, um den Schwund zu bremsen“, kritisiert Ropertz.

Der rot-rot-grüne Berliner Senat will 6000 Wohnungen pro Jahr bauen lassen. Er setzt darauf, dass öffentliche und genossenschaftliche Träger sozialer arbeiten. „Hoffentlich geht es auf“, sagt der Berliner Stadtsoziologe Andrej Holm. Menschen mit „Diskriminierungsmerkmalen wie Hautfarbe, Schulden oder auch Kindern“ würden in Mangel-Situationen verdrängt. „Das ist normal am Markt“, sagt Holm. „Eine Vermieterin entscheidet eben nicht danach, wer die Wohnung braucht, sondern wer ihr passt.“ Politik und Gesellschaft müssten entscheiden: „Wollen wir sein wie London? Ohne Normalsterbliche in der Innenstadt?“

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