Gesetz zur Digitalisierung : „Gläserne Strombürger“

Ein intelligenter Stromzähler
Ein intelligenter Stromzähler

Schluss mit den schwarzen, staubigen Stromzählern: Jetzt soll der vernetzte Haushalt Wirklichkeit werden

svz.de von
23. Juni 2016, 21:00 Uhr

Alles scheint möglich: Die Heizung schaltet sich ab, wenn die Haustür ins Schloss fällt. Mitten in der Nacht springt die Waschmaschine an, wenn Strom gerade schön billig ist. Der Rauchmelder schickt eine SMS, weil eine vergessene Zigarette vor sich hin kokelt. So sieht die vernetzte Energiewende jedenfalls im Hochglanz-Prospekt aus. Im wahren Leben beschränkt sich die Ökostrom-Revolution bei vielen eher auf den Kauf einer Energiesparlampe. Das will Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) nun mit einem Gesetz zur Digitalisierung ändern. Hintergründe von Tim Braune.

Was bringen clevere Stromzähler für die Energiewende?

Als erster Schritt werden meist die alten schwarzen Kästen durch einen intelligenten Stromzähler mit Display ausgetauscht, der dann zu einem digitalen Messsystem aufgerüstet werden kann („Smart Meter Gateway“). Damit kann der Energieverbrauch genau abgebildet und sogar gesteuert werden, z. B. je nachdem, wie groß das Angebot an Wind- oder Sonnenstrom gerade ist. Auf diese Weise können Versorger die Stromproduktion auf den tatsächlichen Bedarf abstimmen und Schwankungen in ihren Netzen managen. Tankstellen für Elektroautos oder Nachtspeicher-Heizungen können als Energiespeicher dienen. Die Verbraucher sollen davon profitieren, dass Stromtarife flexibel angepasst werden können. Noch ist das Zukunftsmusik

Wird der Einbau zur Pflicht?

Für den Normalverbraucher (unter 6000 Kilowattstunden Strom pro Jahr) gibt es keinen Zwang. Er kann sich ab 2020 freiwillig für „Smart Meter“ entscheiden. Eine Einbaupflicht greift ab 2017 für große Stromkunden in der Wirtschaft. Auch Betreiber von Ökostromanlagen mit über sieben Kilowatt Leistung sind davon betroffen. Später werden die Vorgaben stufenweise ausgeweitet.

Rechnen sich „Smart Meter“?

Wegen der Kosten für Einbau und Betrieb für den Einzelnen kaum – es sei denn, in einem Mehrfamilienhaus wollen alle die neue Technik. Auch könnten Mieteinheiten aufgerüstet werden oder Stromanbieter intelligente Messsysteme anbieten, um Kunden zu gewinnen. Die Stromanbieter können privaten Verbrauchern für Einbau, Wartung, Service und das Ablesen der neuen Messgeräte bis zu 100 Euro im Jahr in Rechnung stellen. Je nach Verbrauch gibt es im Gesetz gestaffelte Kostenobergrenzen. Normale Kunden dürfen mit bis zu 40 Euro brutto pro Jahr zur Kasse gebeten werden – bei einer zunächst kalkulierten Ersparnis von um die 20 Euro durch intelligente Steuerung. Das zeigt: Gabriels Digital-Pläne zielen vor allem auf Unternehmen und Stromerzeuger ab.

Was passiert mit den Daten – droht der „gläserne Strom-bürger“?

Manch einer fürchtet, dass er über die digitalen Strom-Schnittstellen ausgespäht werden könnte: Wann schalte ich den Fernseher ein, wann läuft im Bad der Fön? Dabei überlassen täglich Millionen schon Handy- und Internetkonzernen freiwillig ihre Daten. „Wir sehen, wenn Leuten ihr Toast verbrennt“, meinte einmal der Mitgründer der US-Firma Nest, Tony Fadell. Der Internet-Riese Google zahlte für Nest 3,2 Milliarden Dollar - dem Markt der vernetzten Dinge und Elektrogeräte gehört die Zukunft. Gabriel ist zuversichtlich, dass IT-Sicherheit und Datenschutz bei den „Smart Metern“ gewährleistet sind: „Die Frage, wann macht Sigmar Gabriel nachts die Kühlschranktür auf und hat mehr Stromproduktion – das wird nicht möglich sein. Diese fehlerhafte Lebensweise von mir bleibt weiterhin im Dunkeln.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen