Selbstreinigendes Glas : Fensterputzen ade?

Auch selbstreinigende Scheiben müssen ab und an geputzt werden.
Auch selbstreinigende Scheiben müssen ab und an geputzt werden.

Es klingt traumhaft: Selbstreinigendes Glas lässt Schmutz keine Chance. Doch das funktioniert nur unter optimalen Bedingungen gut.

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30. Januar 2016, 12:00 Uhr

Nie wieder Fenster putzen - schön wär’s. Aber das bleibt wohl noch ein Traum. Zwar gibt es schon selbstreinigende Fenster. Aber die funktionieren nicht überall. Ein Faktencheck:

Worum geht es? Schon seit einigen Jahren sind Fenster mit einer Beschichtung auf Basis von Titanoxid auf dem Markt. Sie soll dafür sorgen, dass sich die Glasscheiben quasi von selbst reinigen. Allerdings benötigen sie dazu ein ausreichendes Maß an UV-Strahlung und genügend Wasser auf ihrer Oberfläche. „Durch die Beschichtung haben die Gläser fotokatalytische und hydrophile Eigenschaften“, erklärt Jochen Grönegräs, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Flachglas. „Die UV-Strahlung zersetzt organische Verunreinigungen, und durch das Ablaufen von Wasser wird das Glas von den Schmutzresten gesäubert.“ Diese Funktionsschichten sind dauerhaft mit dem Glas verbunden und müssen nicht aufgefrischt oder ersetzt werden. Sie halten, solange die Fensterscheibe hält.

Ist das auch schon für Eigenheime zu haben? Noch ist die selbstreinigende Scheibe nicht massenhaft im Einsatz. An Glasfassaden großer Bürogebäude wird sie zwar gern genutzt, im Privatbereich eher weniger. Das liegt nicht unbedingt am Aufpreis. Oftmals herrschen einfach nicht die nötigen Bedingungen, damit sich die Scheiben selbst putzen können. „Bei normalen Einfamilienhäusern befinden sich die Fenster oft unter Dachüberständen oder Laibungen“, erklärt Ulrich Tschorn, Geschäftsführer des Verbandes Fenster + Fassade in Frankfurt am Main. Hier erreicht nicht genug Wasser die Scheibe. „Häufig prasselt der Regen nur auf den unteren Teil der Scheibe, so dass oben noch Verschmutzungen bleiben. Dann muss eben doch noch von Hand nachgearbeitet werden.“

Für welchen Hausbesitzer sind diese Scheiben interessant? Wer viel Glas an seinem Haus hat, für den könnte sich die Anschaffung lohnen. Denn er kann sich mit den selbstreinigenden Gläsern viel Arbeit sparen. „Besonders an Stellen, an die man nicht ohne Hilfsmittel herankommt, ist der Einsatz sinnvoll“, erklärt Karin Lieb, Produktmanagerin Glas vom Institut für Fenstertechnik in Rosenheim.

Auch bei Dachfenstern leisten sie gute Dienste, besonders an der Wetterseite. Aber da der optimale Selbstreinigungseffekt nur erzielt wird, wenn die gesamte Fläche dem Regen ausgesetzt ist, spielt der Neigungswinkel der Verglasungen eine große Rolle. „Um eine ausreichende Abfließgeschwindigkeit des Wassers zu gewährleisten, sollte die Dachneigung mindestens 10 bis 15 Grad betragen“, so Lieb.

Grundsätzlich kann gesagt werden: Die innovativen Gläser können einem zwar nicht die gesamte Fensterputzarbeit abnehmen. Aber Hausbewohner müssen nicht so oft Hand anlegen. „Außerdem ist die Reinigung viel einfacher als bei normalen Fensterscheiben“, verspricht Grönegräs.„Denn der Schmutz haftet nicht so stark an der Glasoberfläche und lässt sich leichter entfernen.“

Gibt es sonst noch etwas zu beachten? Die hydrophile Oberfläche verträgt sich nicht mit Silikon, das sich etwa in Dichtungen, Dichtstoffen und Pflegemitteln findet. Das ist beim Einbau der Fenster unbedingt zu beachten. Kommen die wasserabweisenden Oberflächen damit in Berührung, kann sich das Wasser nicht mehr zu einem Film ausbreiten.

Die Alternativen: Neben selbstreinigenden Gläsern sind auch beschichtete Gläser auf dem Markt, die lediglich die Oberflächenspannung erhöhen. Die beiden Scheibenarten beruhen auf verschiedenen Wirkungsprinzipien. Während die Oberflächenbeschichtung bei den selbstreinigenden Gläsern fest eingebrannt ist, wird bei den anderen Gläsern eine Schicht auf das Glas aufgetragen, die sich im Laufe der Zeit abnutzt. „Die aufgetragenen Flüssigkeiten, die oft auch in Reinigungsmitteln vorhanden sind, erhöhen die Oberflächenspannung“, erklärt Ulrich Tschorn vom Verband Fenster + Fassade. „Damit finden die Wassertropfen keinen Halt auf dem Glas und rutschen ab. Die schmutzigen Reste bleiben zurück.“ Diese Beschichtungen sind also nicht selbstreinigend, sondern bestenfalls schmutzabweisend.

Etwas wirkungsvoller sind Nanobeschichtungen, die einen Effekt der Lotus-Blüte nachahmen. Nach dem Aufbringen bilden die Nanoteilchen und eine raue Oberfläche mit sogenanntem hydrophobem Effekt. Da sich die Kontaktfläche reduziert und die Oberflächenspannung des Glases erhöht, bleiben Öl, Wasser und Schmutz weniger haften. Trifft Wasser auf das Glas, bilden sich sofort Tropfen, die beim Abperlen den Schmutz abwaschen. Aber nicht alle angebotenen Beschichtungen, die mit dem Lotus-Effekt beworben werden, beruhen tatsächlich auf dem Wirkungsprinzip dieser Blume, betont das Institut für Fenstertechnik. Verbraucher sollten deshalb genau nachfragen, womit das Glas beschichtet ist.

Katja Fischer

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