Wohnungssuche : Auskunftsfreudig und mit dickem Konto

Immobilienmaklerin Anna Maria Grohmann-Velchev (2. von rechts) mit Interessenten bei einer Besichtigung.  Fotos: Tobias Hase
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Immobilienmaklerin Anna Maria Grohmann-Velchev (2. von rechts) mit Interessenten bei einer Besichtigung. Fotos: Tobias Hase

Die Wohnungsnot ist immens in vielen Großstädten. Wer eine Mietwohnung erobern will, muss sich von anderen Anwärtern abheben – und sich oft ausziehen, im übertragenen Sinn. Selbstentblößung statt Datenschutz: Im Kampf um ein bezahlbares Zuhause ist das Alltag.

svz.de von
05. Januar 2018, 12:00 Uhr

Ein Herbstabend in München, kurz vor 18 Uhr. Ein Pulk junger Leute steht vor einem schmucklosen Mehrfamilienhaus aus den 70er-Jahren. Manche wippen nervös mit dem Fuß, einige gucken skeptisch zu Boden. Alle warten auf eine Frau im roten Blazer. Sie hat etwas Heißbegehrtes zu vergeben: ein Apartment, 28 Quadratmeter, „mit guter Infrastruktur und Balkon“. So steht es im Angebot der Maklerfirma ProEigentum Immobilien GmbH.

Die Wohnungssucher haben sich vorbereitet. Kaum jemand kommt ohne Informationen, die er sonst sogar engen Freunden nicht offenbaren würde: Einkommensbescheide zum Beispiel. Viele Vermieter wollen solche Dokumente schon vor der Besichtigung sehen, auch wenn das den Datenschutzgesetzen widerspricht. Und manche Interessenten geben persönliche Dinge ungefragt preis, einfach weil sie auf dem angespannten Wohnungsmarkt um jeden Vorteil kämpfen müssen.

„Here’s all the information“ – alles da, so tönt es aus einem Bewerbungsgespräch. Der Anwärter hat eine Mappe dabei, Schufa-Bonitätsauskunft inklusive. Immobilienwirtin Anna Maria Grohmann – die Frau im roten Dress – muss sogar einige Leute bremsen. Manche Informationen weist sie erst mal zurück. Allerdings hat ihr Büro angesichts der Bewerbermassen und der geringen Zahl an freien Wohnungen vorher schon gesiebt: ProEigentum setzt eine Software ein, um eine Vorauswahl zu treffen – damit nicht alle 600 Interessenten durchgeschleust werden, sondern nur um die 60.

So sind an diesem Abend in Berg am Laim jeweils bis zu zehn Anwärter im Viertelstundentakt gekommen, um die Ein-Zimmer-Wohnung anzuschauen. 555 Euro plus Heizkosten verlangt der Vermieter – knapp 20 Euro pro Quadratmeter. Viel Geld, aber kleine Wohnungen sind rar. „Es ist schwierig“, stöhnt Nicholas Johnson. Der junge Kalifornier findet, in den vergangenen zwei Jahren habe sich die Situation noch einmal verschärft. Ein junges Paar aus Italien lächelt tapfer und bestätigt: „Wenig Antworten, viele Leute bei Besichtigungen.“

Eine schlanke, dezent geschminkte 19 Jahre alte Münchnerin sucht seit drei Monaten vergeblich. „Viele Rückmeldungen bekomme ich leider nicht.“ 40 Bewerbungen – zwei Einladungen, das ist ihre Ausbeute. Vielleicht ist der Verdienst zu gering? 1100 Euro netto, gibt sie fast verschämt an. „Wenn Sie sich bewerben und diese Summe reinschreiben, dann lädt Sie keiner ein“, rät Anna Maria Grohmann fast mütterlich.

Infos übers Einkommen?

Doch was tun, wenn man bei den meisten Vermietern ohne Gehaltsangabe gar nicht erst einen Fuß in die Tür bekommt? „Sie müssen sich schon nackig machen“ – eine viel gehörte Ansage, nicht zum Arztbesuch, sondern zur Wohnungssuche. Der gläserne Bewerber wird von vielen Vermietern gewünscht: einer, der vor der Besichtigung die Kontoauszüge überreicht, noch bevor er weiß, ob die Wohnung einen Waschmaschinen-Anschluss hat. Dabei muss, wer eine Besichtigung wünscht, eigentlich nur Namen und Kontaktdaten angeben, sagen, ob Tiere gehalten werden – abgesehen von Kleintieren– und gegebenenfalls, ob ein Wohnberechtigungsschein vorliegt. Fragen nach Vorstrafen, sexueller Orientierung, Kinderwunsch und Heiratsabsichten, Mitgliedschaften in Parteien und Mietervereinen sowie die Frage nach der Beschäftigungsdauer sind unzulässig.

Auch die pauschale Frage nach Religion und Nationalität ist nicht erlaubt. Die geforderten Einkommensnachweise müssen in der Regel erst vorgelegt werden, wenn der Vermieter sich für einen Bewerber entschieden hat, wie die Landesdatenschutzbeauftragte von Nordrhein-Westfalen es in einer Broschüre festhält.

Dabei sind Verstöße gegen das Bundesdatenschutzgesetz offenkundig. 2015/16 blieb bei einer Überprüfung in Bayern nur einer von 86 Immobilienmaklern unbeanstandet, wie Alexander Filip berichtet, Referatsleiter beim Bayerischen Landesamt für Datenschutzaufsicht, kurz BayLDA. Ausweiskopien seien vor oder bei der Besichtigung verlangt worden. Es seien nicht benötigte Daten gefordert worden, etwa Staatsangehörigkeit, Familienstand, Daten zum Vorvermieter und der Grund des Wohnungswechsels. Man habe die Makler aufgefordert, solche Fragen zu entfernen.

Wenig besser als im Süden der Republik stellt sich die Lage im Westen dar. Im Frühjahr 2017 hatte die Landesbeauftragte für Datenschutz in Nordrhein-Westfalen, Helga Block, Makler und Wohnungsverwaltungsgesellschaften überprüft: Keiner blieb ohne Beanstandung. „Anlass der Prüfung war die steigende Anzahl von Beschwerden der Bürgerinnen und Bürger“, heißt es dazu. Die krassesten Verstöße: „In einem Mieterfragebogen wurden die Mieter aufgefordert, detaillierte Angaben zu den folgenden Punkten zu machen: Ratenkredite, Versicherungen, Kfz-Ausgaben, Prämiensparen, Unterhalt sowie Sonstiges.“

Weil die Lage in Großstädten besonders krass ist, spitzt sich auch das Datenproblem dort zu. In Hamburg würden Mietinteressenten eher dazu neigen, „persönliche Daten preiszugeben, um nicht schon von vornherein die Chance auf einen Mietvertrag zu vergeben“, heißt es vom Hamburger Datenschützer. Das Resultat sei, dass „Vermieter mit einer Strategie der Vorratsdatenspeicherung“ durchkämen. Also alles die Schuld der Mieter? Jein. „Von einer „freiwilligen“ Datenpreisgabe kann unter derartigen Vorzeichen kaum gesprochen werden.“

Teils aber von einer „Datensammelwut“, so sieht es jedenfalls Ulrich Ropertz, Geschäftsführer des Deutschen Mieterbundes. Dabei spiele die Wohnungsnot in den Zentren den Eigentümern in die Hände. Wer später Zugriff auf die Daten besitze, darüber habe der Interessent keine Kontrolle. Den vorauseilenden Gehorsam von Mietern sieht Ropertz als Teil des Problems. „Die Realität ist: In einer Schlange von 30 Interessenten wedeln 29 mit einer Schufa-Auskunft.“ Nach der dürfte aber erst unmittelbar vor Abschluss des Mietvertrags gefragt werden. Dass sich an diesen Verhältnissen etwas ändert, scheint dem Verbandsmanager Ropertz wenig wahrscheinlich: „Wenn sich 50 Millionen Mieter in Deutschland einig sind, dass sie diese Unterlagen nicht angeben...“ Dann, ja dann, würde etwas kippen. Aber: „Einer will schöner sein als der andere.“

Wer sich trotz aller Zwänge wehren möchte, kann den zivilrechtlichen Weg gehen und vor Gericht um Schadenersatz kämpfen. Oder er wendet sich an seine Datenschutzbehörde, die die Sache dann prüft. Wird ein Rechtsverstoß festgestellt, kann das Amt eine Geldbuße verhängen, sofern auch der Tatbestand einer Ordnungswidrigkeit erfüllt ist – es also um eine vorsätzliche, rechtswidrige Handlung geht.

Es geht auch anders

Auch auf der Seite der Vermieter weiß man um die Konflikte. „Das Problem ist uns bekannt, dass das schwierig ist“, sagt Julia Wagner, Rechtsreferentin bei Haus und Grund Deutschland. „Man sollte als Vermieter darauf achten, dass man nur anfragt, was relevant ist.“ Dennoch gibt sie zu bedenken: „Eine Personalausweiskopie ist wichtig, sollte der Mieter sich später als Betrüger herausstellen.“ Haus und Grund weise darauf hin, dass Bewerbungsunterlagen vernichtet werden müssten.

Dass es auch anders geht mit dem Datensammeln, zeigt sich etwa in Pirmasens. Im Gebiet des Mietervereins Westpfalz verzeichne man viel Leerstand, sagt der Vorsitzende Martin Zepp-Linse. Wohnungsnot gebe es nicht, dafür viele Empfänger von Sozialleistungen. Selbstauskünfte seien eher die Ausnahme. Geradezu umgekehrt wie in München ist das Mieter-Vermieter-Verhältnis auch in Freiberg in Sachsen: Hier wirbt die Städtische Wohnungsgesellschaft mit einem „Baby-Bonus“ um den Verbleib bisheriger und den Gewinn neuer Mieter. „Das wird gut angenommen“, freut sich Cecylia Raebiger, Leiterin der Kundenberatung. Selbstauskünfte würden nicht vor einer Besichtigung verlangt.

„Es bringt wenig, wenn man den Datenschutz wie eine Monstranz vor sich herträgt“, räumt Siegmund Chychla ein, Vorstandschef des Mietervereins zu Hamburg. Aufklärung durch Behörden reicht ihm nicht. Chychla fragt nach Sanktionen. „Ich wünsche mir, dass man dagegen vorgeht, beispielsweise auf Bundesebene.“ Verbände wie Haus und Grund müssten angeschrieben, Immobilienportale sensibilisiert werden. Dort häufen sich Wohnungsangebote, die beim ersten Kontakt Selbstauskünfte, Schufa-Auskunft und Einkommensnachweis verlangen. Die ImmobilienScout GmbH in Berlin weist die Verantwortung dafür zurück: Bei der Kontaktaufnahme sei das Unternehmen nicht involviert.

Die Versicherungskammer Bayern begründet ihre Vorabfragen mit Effizienz. „Es ergibt keinen Sinn, Besichtigungstermine mit Interessenten durchzuführen, die unseren Anforderungen nicht entsprechen, weshalb wir die Angaben aus der Selbstauskunft vor diesen Terminen wünschen.“ In der Auskunft werden etwa Nettoeinkommen und Zahlungsverpflichtungen abgefragt.

Martina Scheffler

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