Fernsehen : Babys vor die Glotze?

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Kleinkinder sollten ruhig fernsehen dürfen, findet Medienwissenschaftler Tobias Hochscherf. Nein!, entgegnet Pädagoge Henning Fietze.

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12. Mai 2018, 16:00 Uhr

Drei Jahre. So alt sollte ein Kind sein, bevor es Fernsehen schauen darf, predigen Pädagogen und Erziehungswissenschaftler in Deutschland. Nicht alle Eltern halten sich daran, sicher. Aber die haben dann womöglich ein schlechtes Gewissen, wenn sie der Zweijährigen „Lauras Stern“ anmachen.

Zu Unrecht, sagt Prof. Dr. Tobias Hochscherf. „In Deutschland gibt es traditionell sehr viele Vorurteile gegen Fernsehen als Medium“, glaubt der Medienwissenschaftler. „Es gilt als schick zu sagen, dass das eigene Kind kein Fernsehen guckt.“ Aber das sei völlig unnötig. „Schlecht sind nur der übermäßige Konsum und die falschen Inhalte, nicht das Medium an sich.“

Und: Er findet, dass auch Kinder unter drei Jahren oder gar Babys schon etwas gucken dürfen. Es muss dann halt nur das Richtige sein. „Es ist falsch, unter Dreijährige vor Sendungen für ältere Kinder zu setzen“, so Hochscherf.

„Und man muss es klar dosieren und gucken, wie lange die Aufmerksamkeitsspanne hält.“ Aber es „gibt keine gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnisse, die bestätigen, dass ein bestimmtes Alter richtig ist, um Fernsehen zu gucken“.

Ganz anders sieht das der Medienpädagoge Henning Fietze: „Fernsehen überfordert unter Dreijährige. Das ist wie eine frische Knospe, die einen Hagelschauer abbekommt – Überforderung auf allen Ebenen.“ Die Lütten könnten Bewegtbilder nicht verarbeiten. Sie „nehmen diese viel sensibler wahr, als wir uns das vorstellen können“, sagt der Experte. „Sie werden dadurch verunsichert und können es nicht verarbeiten.“

Dies zumindest schließt man aus der Entwicklungspsychologie, denn tatsächlich, so Fietze, sei der Bereich U3 in dieser Hinsicht nicht gut erforscht. Denn: „Medienwirkungsforschung bei Kleinkindern wäre Menschenforschung.“

Daher gibt es Untersuchungen nur auf Grundlage der Äußerungen von Eltern. Die aber „können nicht wissen, wie es in dem Moment aufs Kind wirkt. Das merkt man an dessen Verhalten über Wochen oder Monate.“ Die Studienlage also ist dünn, doch gleichzeitig deute alles,was man über die Entwicklung von kleinen Kindern wisse, darauf hin, dass drei Jahre eine gute Grenze sei.

In anderen Ländern ziehe man die aber auch nicht, wendet Hochscherf ein, und verweist auf Großbritannien, wo der mit Preisen ausgezeichnete Sender „CBeebies“ des BBC Sendungen auch für ganz Kleine ausstrahlt.

In Deutschland dagegen gebe es „keine adäquaten Inhalte für Kinder unter drei“, moniert Hochscherf. Tatsächlich richtet sich das Programm etwa auf dem Kinderkanal „Kika“ fast ausschließlich an Kindergarten- oder Schulkinder. „Die Gesellschaft tut sich schwer damit. Es gibt wenige Länder mit so vielen Fernsehverweigerern“, so Hochscherf.

Das Argument des internationalen Vergleichs aber lässt Henning Fietze nicht gelten. „In der Entwicklungspsychologie ist man sehr vorsichtig mit dem Ländervergleich, denn die Masse hat nicht automatisch Recht. Dass Kinder in Mexiko viel mehr Fernsehen gucken als hier, ist nicht unbedingt besser.“

Fernsehen sei für Kinder wichtig, betont Hochscherf, „weil sie damit aus einer sicheren Perspektive Situationen durchspielen, die sie aus ihrem Leben kennen. Wichtig ist es aber auch, darüber zu reden.“ Er findet es „hochproblematisch“, wenn Eltern ihre Kinder nicht Fernsehen gucken lassen, „denn dann lernen sie nicht damit umzugehen“.

Aber wozu so früh?, fragt Henning Fietze. „Warum muten wir es nicht den Eltern zu, dass sie es in den ersten drei Jahren ohne Fernsehen hinkriegen? Es fängt alles noch früh genug an. U3 ist ein super Schutzraum.“

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