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Promille-Test : Schutzengel für Autofahrer

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Jeder zehnte Verkehrstote geht auf das Konto von Alkohol. Künftig lassen sich Pkw nur starten, wenn der Nutzer fahrtüchtig ist – und berechtigt.

svz.de von
erstellt am 29.Jan.2017 | 05:00 Uhr

Einfach den Zündschlüssel umdrehen, den Motor starten und sofort mit dem Auto losfahren. Das funktioniert bislang ganz unabhängig davon, wer hinter dem Steuer sitzt und in welchem Zustand der Fahrer ist. Das Auto der Zukunft wird also einen rechtmäßigen Nutzer erkennen und auch für ihn erst dann den Motor starten, wenn es seine gesundheitliche Verfassung für gut befunden hat. Ein digitaler Schutzengel soll also vor Diebstahl und gefährlichen Fahrten schützen. Ist das nur Segen oder auch ein bisschen Horror? Für ein umfassendes Konzept zur Vermeidung von Autodiebstählen gibt es gute Gründe. Rund 20  000 Autos wurden 2015 in Deutschland nach Angaben des Bundeskriminalamts gestohlen. Das war ein neuer Höchstwert. Beim Autodiebstahl geht es „nur“ um den Verlust von ersetzbaren Sachwerten. Doch auf Deutschlands Straßen verlieren Tag für Tag rund zehn Menschen durch einen Verkehrsunfall ihr Leben.

Zu den Hauptursachen tödlicher Unfälle gehört laut Statistiken das Fahren unter Alkoholeinfluss. Knapp jeder zehnte Verkehrstote geht auf einen Unfall mit Alkohol zurück. Auch durch Übermüdung, Drogenkonsum oder Ablenkung am Steuer, etwa durch das bereits verbotene Hantieren mit dem Handy, kommt es immer wieder zu schweren Unfällen.

Das sind nach Ansicht der Autoindustrie genügend Gründe um Langfingern das Handwerk zu legen und notorische Risikofahrer auszusperren. Ihre Entwicklungsingenieure tüfteln bereits an ausgefeilten Techniken, mit denen sich die Identität von Fahrern anhand biometrischer Merkmale zweifelsfrei erkennen und ihre Fahrtüchtigkeit kontrollieren lässt. Einige Systeme haben bereits Anwendungsreife erreicht.

Kurznachricht vom Auto

„Guten Morgen, Anke. Du bist berechtigt, dieses Auto zu fahren, alle Systeme sind freigegeben.“ So klingt die automatische Fahreridentifizierung bei Volkswagen. „Das System optimiert die Einstellungen der aktiven Fahrerassistenz- und Unfallvermeidungssysteme des Autos speziell für die erkannte Person. Beispielsweise können für Fahranfänger bei Bedarf bestimmte Einschränkungen vorgegeben werden. Sogar unterschiedliche Fahrstile können die eingebauten Unfallvermeidungs- und Assistenzsysteme mithilfe des hinterlegten Profils berücksichtigen“, erklärt das Unternehmen die neue Technik.

Wenn jedoch das System die Person auf dem Fahrersitz nicht erkennt, schickt es sofort eine Nachricht auf das Mobiltelefon des Besitzers. Der hat dann mehrere Möglichkeiten: Er kann das Fahrzeug per „Fernsteuerung“ blockieren oder die Nutzung im Einzelfall erlauben. Oder die Polizei alarmieren.


Einen noch größeren Effekt dürften Alkohol-Wegfahrsperren haben. Sie sollen verhindern, dass ein alkoholisierter Fahrer den Motor seines Autos überhaupt starten kann.

Schmackhaft machen will das Unternehmen seinen Kunden die neue Technik mit Zugaben beim Komfort: „Sitz und Rückenlehne bewegen sich unmittelbar nach dem Einstieg exakt in die Position, die für die erkannte Person gespeichert ist. Selbstverständlich werden auch Kopfstützen sowie Innen- und Außenspiegel automatisch an Sitzposition und Körpergröße angepasst.“ Personalisierung heißt auch beim Automobil der Trend, der uns vor Dieben und Dummheiten bewahren soll.

Bevor der Motor startet, nimmt eine Infrarotkamera im Fahrzeug das Gesicht der eingestiegenen Person auf. „Die erfassten Merkmale werden an das „Gehirn“ der Fahreridentifizierung weitergeleitet. Sogar Rückschlüsse auf Alter, Geschlecht und – dank zusätzlicher Sensoren – Gewicht der Person sind möglich. Das System vergleicht in Sekundenbruchteilen den erfassten Datensatz mit den Merkmalen aller im System gespeicherten Personen. Ist die erkannte Person fahrberechtigt, wird der Start freigegeben“, erläutert der Hersteller.

Bis alle Autos serienmäßig mit täuschungssicheren Kontrollsystemen ausgerüstet sind, wird es nach Einschätzung von Experten noch einige Jahre dauern.
Bereits heute verfügen bestimmte Automodelle über Sicherheitssysteme, die Rückschlüsse auf die Fahrtüchtigkeit des Fahrers zulassen. Das sind Informationen, für die sich auch Versicherungen interessieren. Der Stuttgarter Automobilzulieferer Bosch hat zum Beispiel eine elektronische Müdigkeitserkennung entwickelt, die Lenkbewegungen auswertet. Stellt das System auffälliges Verhalten fest, empfiehlt ein blinkendes Warnsignal dem Fahrer, vielleicht besser eine Pause einzulegen. Derartige Müdigkeitserkennungssysteme sind bereits serienmäßig in mehreren Fahrzeugmodellen eingebaut – unter anderem bei Volkswagen, BMW und Mercedes-Benz.

Die Systeme erhalten die benötigten Informationen von der elektrischen Servolenkung oder einem entsprechenden Lenkwinkelsensor, der als Teil der elektronischen Fahrdynamikregelung oftmals ohnehin bereits an Bord ist. Die Funktion sei daher kostengünstig einsetzbar und helfe, die Sicherheit im Straßenverkehr weiter zu erhöhen, so Bosch. Dazu analysiert der Algorithmus der Müdigkeitserkennung das Lenkverhalten des Fahrers bereits zu Fahrtbeginn und erkennt dadurch Änderungen, die sich durch lange Fahrzeiten und die Ermüdung des Fahrers ergeben.

Kamera registriert Pupillenweite

„Typische Zeichen nachlassender Konzentration sind Phasen, in denen der Fahrer kaum lenkt und dann abrupt mit kleinen schnellen Lenkeingriffen den Fahrverlauf korrigieren muss.“ Aus der Häufigkeit dieser typischen Lenkkorrekturen und weiterer Parameter, wie beispielsweise Fahrtdauer, Blinkverhalten und Tageszeit, berechnet die Funktion einen Müdigkeitsindex.

Steigt dieser über einen bestimmten Wert, blinkt ein Warnzeichen im Anzeigeinstrument auf und fordert dazu auf, die Fahrt zu unterbrechen. Andere Techniken zur Müdigkeitsüberwachung blicken dem Fahrer ständig tief in die Augen. Wie beispielsweise das Kamerasystem, das der US-Zulieferer Harman kürzlich vorgestellt hat. Dazu erfasst ein Softwarealgorithmus kontinuierlich die Pupillenweite des Fahrers und analysiert den zeitlichen Verlauf der Bewegungen. Häufige Veränderungen und eine kleine Pupillenweite gelten als untrügliches Anzeichen für eine Übermüdung.

Diese Eigenschaften macht sich auch der „pupillografische Schläfrigkeitstest (PST)“ zu nutze, den Barbara Wilhelm, Professorin für Augenheilkunde an der Universitätsklinik Tübingen entwickelt hat. Für den elfminütigen, mobil einsetzbaren Test zeichnet eine infrarotempfindliche Videokamera das Pupillenverhalten des Probanden unter abgedunkelten Bedingungen auf. In einem kleinen, an die Kamera angeschlossenen Computer wertet ein spezieller Algorithmus die Daten aus.

Insgesamt 137 Lkw-Fahrer an Autobahnraststätten hat die Forscherin kürzlich damit auf freiwilliger Basis getestet. Das Ergebnis sollte alle Fahrer und die Polizei wachrütteln: Rund sieben Prozent der Werte waren auffällig. „Wir fanden mehr Schläfrigkeit, als uns lieb war; einige Teilnehmer schliefen sogar direkt während der Untersuchung ein“, berichtet Wilhelm. Da auch bestimmte Drogen einen ähnlichen Einfluss auf die Pupillen haben, könnte der PST auch diesen Missbrauch am Steuer aufdecken.

Einen noch größeren Effekt dürften Alkohol-Wegfahrsperren haben. Sie sollen verhindern, dass ein alkoholisierter Fahrer den Motor seines Autos überhaupt starten kann. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt hat bereits vorgeschlagen, dass notorische Alkoholsünder nur dann ihren Führerschein behalten dürfen, wenn sie sich dazu verpflichten, ihr Fahrzeug nachträglich mit einer Alkohol-Wegfahrsperre ausstatten zu lassen. Diese besteht aus zwei Einheiten. Die Steuereinheit wird mit der Fahrzeugelektronik verbunden. Der Zündschlüssel startet den Motor erst, wenn der Fahrer in ein anschließbares Handmessgerät gepustet hat, ähnlich den handelsüblichen Alkoholröhrchen, und dieses keinen Verstoß feststellt.

Der Plan hat bereits für Kopfschütteln gesorgt. Wer oder was kontrolliert, ob nicht ein anderer anstelle des Alkoholsünders in das Röhrchen gepustet hat? Offenbar macht das Konzept nur Sinn, wenn gleichzeitig auch biometrische Systeme zur Personenerkennung in das Fahrzeug eingebaut werden.

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