zur Navigation springen

Unterlassene Hilfeleistung : Nichts tun ist schlechteste Lösung

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Autobahnunfall vom Wochenende hat eine Debatte über das richtige Verhalten ausgelöst

Wegschauen ist einfach. Als am Wochenende auf der dreispurigen Ost-West-Autobahn 2 bei Magdeburg mehrere Autos kollidieren und die Trasse blockieren, fahren andere über den Standstreifen einfach weiter. Den sechs Verletzten helfen? Das halten nicht alle für notwendig. Der Fall löst eine Debatte über Hilfe im Notfall aus.

„Wir haben ein Ermittlungsverfahren wegen unterlassener Hilfeleistung eingeleitet, weil 10 bis 15 Fahrzeuge vorbeigefahren sind“, sagte gestern die Sprecherin der Autobahnpolizei Börde in Sachsen-Anhalt, Doreen Günther. Es hätten zwar einige Leute angehalten. Aber ihre Zahl reichte angesichts der großen Menge der Verletzten nicht aus. „Hilfe war noch vonnöten.“

Unterlassene Hilfeleistung – das kommt in Deutschland jeden Tag viele Male vor. Die amtliche Kriminalstatistik für das Jahr 2013 listet fast 1800 Fälle auf. Doch die Dunkelziffer dürfte groß sein. Egal ob Autounfälle, Prügeleien in der Straßenbahn oder misshandelte Kinder – einfach wegschauen und ignorieren kommt immer wieder vor.

Erst am Sonntagabend sahen mehr als zehn Millionen Zuschauer den Kölner „Tatort“, der fehlende Zivilcourage und Hilfsbereitschaft anprangerte. Ein Schwerverletzter schleppt sich im Film zu einem Mehrfamilienhaus. Doch keiner der Bewohner hilft.

Im Vergleich zu Mordfällen sind Unfälle im Verkehr Alltag. Erst im Januar hatten die Fachleute der Dekra, die Fahrzeugprüfungen und Gutachten anbietet, eine Umfrage veröffentlicht, wonach jeder zweite Autofahrer bei Erster Hilfe am Unfallort zögert. 45 Prozent der Befragten gaben als Grund an, sie hätten Angst, etwas falsch zu machen. Termindruck und Eile seien dagegen nur für fünf Prozent ein Grund, sich zu drücken.

„Es ist oft dieses unsichere Gefühl, wie mache ich das richtig“, sagt die Sprecherin des ADAC Sachsen-Anhalt/Niedersachsen, Christine Rettig. Das sei aber kein Argument: „Nichts tun ist definitiv die schlechteste Lösung.“ Der ADAC empfehle, alle fünf Jahre sein Wissen um die Erste Hilfe aufzufrischen. „Man fühlt sich sicherer, wenn man es trainiert.“ In der Praxis sei zudem die Gefahr, etwas falsch zu machen, gering. 

Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) mahnt nach dem Unfall mehr Zivilcourage an. „Appellieren möchte ich an alle Verkehrsteilnehmer, dass Rücksicht und Verantwortung im Straßenverkehr bereits beim Einsteigen in das Fahrzeug beginnen.“ Gleichzeitig warnt er aber auch vor einer Vorverurteilung. „Inwieweit hier individuelles Fehlverhalten Einzelner vorgelegen hat, müssen die weiteren Ermittlungen zeigen.“ Immerhin: Von den erfassten Fällen aus der Kriminalstatistik wurden zuletzt mehr als 80 Prozent aufgeklärt. Das Gesetz sieht für unterlassene Hilfeleistung Strafen von bis zu einem Jahr oder eine Geldstrafe vor. Voraussetzung für eine Verurteilung ist aber immer, dass dem Beschuldigten die Hilfeleistung „den Umständen nach zuzumuten“ ist – also zum Beispiel ohne eine erhebliche eigene Gefährdung.

Der Unfall auf der A2 bei Schackensleben war nach ersten Ermittlungen ausgelöst worden, als ein 44-Jähriger aus Nordrhein-Westfalen in ein Stauende fuhr. Entgegen ersten Berichten hat die Polizei allerdings keine Hinweise, dass Gaffer vom Unglücksort auch noch Handy-Fotos machten.

Doch auch Vorbeifahren kann strafbar sein. Die Polizei sucht nun Zeugen. Die Ermittlungen sind nicht einfach. „Noch ist uns kein Beschuldigter bekannt“, sagt die Sprecherin.

Für Unfallzeugen ist helfen Pflicht

Laut Straßenverkehrsordnung müssen Beteiligte nach einem Unfall sofort halten, den Verkehr sichern und Verletzten helfen. Wer dies nicht tut, kann sich strafbar machen. Zur unterlassenen Hilfeleistung stellt Paragraf 323c Strafgesetzbuch klar: „Wer bei Unglücksfällen (...) nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten ist, (...) insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.“ Ohne sich in Gefahr zu bringen, kann in der Regel jeder zumindest über 110 bei der Polizei oder die Notfallnummer 112 der Feuerwehr Hilfe organisieren. Darüber hinaus müssen Unfallzeugen  alles tun, was ihnen zumutbar und für sie gefahrlos möglich ist, so Verkehrsjuristin Yasmin Domé vom Auto Club Europa (ACE).   Bevor sich Ersthelfer an einer Unfallstelle um Verletzte kümmern, müssen sie also dafür sorgen, dass das gefahrlos möglich ist: „An erster Stelle steht immer die Eigen- und Fremdsicherung“, betont Ralf Sick, Bereichsleiter Erste Hilfe in der Bundesgeschäftsstelle der Johanniter-Unfall-Hilfe. Immer wieder kommt es vor, dass Ersthelfer wegen fehlender oder unzureichender Absicherung zum Beispiel durch vorbeifahrende Autos verletzt oder sogar getötet werden. Halten Helfer bei Verkehrsunfällen an, aktivieren sie den Warnblinker und lassen bei Dunkelheit die Fahrzeugbeleuchtung eingeschaltet. Warnweste anlegen, auf der dem Verkehr abgewandten Seite aussteigen und ein Warndreieck aufstellen, erklären die Johanniter weiter. Das Warndreieck sollte vor Kurven und Kuppen platziert werden, innerorts etwa 50 Meter vor der Unfallstelle, auf Landstraßen 100 Meter und auf Autobahnen 150 bis 200 Meter. Wer am Unfallort gerade nichts tun kann, sollte sich hinter der Leitplanke in Sicherheit bringen. Helfen ist Pflicht – jedenfalls bis zu einem bestimmten Punkt. Die Grenzen der Zumutbarkeit für weitere Erste-Hilfe-Maßnahmen nach dem Notruf können etwa erreicht sein, wenn Unfallzeugen Verletzungen oder ihr Leben riskieren müssten, um an Betroffene heranzukommen, erklärt Domé. Das gilt auch für Menschen, die beim Anblick von Blut das Bewusstsein verlieren.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen