Mit Klaus-Peter zur Entbindung

Trabi unterstützt Klapperstörche
Trabi unterstützt Klapperstörche

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13. Januar 2008, 03:38 Uhr

Es war der Übergang vom 9. zum 10. Oktober 1983. Alles begann in einer Wohnung eines Plattenbaus in Dummerstorf. Dort waren wir zu Hause. Wir, das waren damals meine liebe Frau, unser zweieinhalbjähriger Sohn und ich – einer aus dem pflegeleichten Trabbi-Geburts-Jahrgang 57. Eigentlich gehörten zu unserer Familie noch zwei. Zum einen ein winziges, noch namenloses Menschlein, das aus dem Bauch meiner Frau eine bezaubernde Knutschkugel formte. Und zum anderen Klaus-Peter. Männlich, rundlich wie besagter Kugelbauch und, in seiner Art, auch winzig und reizend.


Autokauf trotz Ebbe in der Kasse
Ein paar Eigenheiten hatte Klaus-Peter auch. Er kam zu uns im Frühjahr ’83 und war etwa zwölf Jahre alt. Er war nicht sehr kräftig und roch gelegentlich. In die Wohnung durfte er nicht. Doch er gehörte zu uns und ich war stolz wie Oskar. Klaus-Peter war unser erstes Auto. Ein Trabant 500 oder auch Kugelporsche. Mit 26 und als Familienvater war ich reif für einen Wagen: „Ein Mann braucht ein Auto!“ dachte ich. Suchte und fand eines. „Beesch“ mit blauem Dach und munteren 23 PS. Wir hatten eigentlich keine Kohle für diesen Luxus, doch liebe Verwandte liehen uns 3600 Mark. In Dankbarkeit erhielt das seelenlose kleine Auto den Ehrennamen Klaus-Peter

Doch zurück zu jener Nacht. Gegen halb eins ging’s los. Der Kugelbauch, Klaus-Peter und ich. Unseren Sohn ließen wir schlafend in der Wohnung zurück. Allerdings baten wir den Nachbarn, sicherheitshalber dort zu verweilen, bis ich zurück wäre.

Im ersten Gang auf den Kessiner Berg
So etwa in einer Stunde, dachte ich. Der Kaltstart klappte und wir brausten zur Autobahn, Richtung Rostock, Südstadt-Klinik.
Hinter der Auffahrt Kessin ging’s bergab und ganz leicht. Und dann plötzlich, beim Anstieg auf den Kessiner Berg - Klaus-Peter wurde langsamer. Gasgeben half nichts. Dritter, zweiter, erster Gang, wenigstens blieb er nicht stehen. Tatsächlich, im ersten Gang quälte er sich den Berg hoch. Jetzt wurde mir zum ersten Mal richtig warm. Nachts, leere Autobahn, bergauf im ersten Gang und meine Frau in den Wehen. Die Vorstellung, hier jetzt liegen zu bleiben, kochte mich gar. Irgendwie kamen wir oben an und es ging schneller - im zweiten Gang. Mir wurde klar, hier hatte sich ein Zylinder verabschiedet. Ein verzweifelter Versuch, den Fehler zu finden, scheiterte an Dunkelheit und meiner Nervosität.

Aber Klaus-Peter fuhr ja noch ein bisschen und wir tuckerten weiter. Bei der Minol-Tankstelle Abfahrt Rostock-Süd stand ein Polizei-Auto. Ich schlug meiner Frau vor, sich den Genossen anzuvertrauen. „Die fahren dich doch bestimmt hin“, sagte ich etwas unsicher. Ich hatte große Zweifel, ob Klaus-Peter es aus eigener Kraft schaffen würde. Meine Liebste atmete schnell, in kurzen Zügen - und lehnte ab. Sehr deutlich, fast panisch.

Mit einem Zylinder in den Kreißsaal
Was sollte ich machen? Mit einem Zylinder und zwei Gängen tuckerten wir zur Klinik. Zwar war ich schweißgebadet und fertig, doch einige Wehen später erreichten wir relativ unversehrt das Ziel. Etwa eine Stunde für knapp 20 Kilometer. Ich gab den Kullerbauch bei der Nachtschwester ab.

Autoreparatur statt Geburtserlebnis
Noch nie ein Freund der „Papa-muss-dabei-sein-Geburt“, wollte ich wieder weg. Eine Ärztin - oder Hebamme - forderte mich noch ziemlich barsch auf, doch mitzukommen. Ich hätte doch wohl keine Angst? Unser Sohn sei schließlich allein zu Haus, log ich etwas. Zum Glück sah meine Frau das genauso. Wir verabschiedeten uns. Der Kugelbauch begab sich zum Kreißen und ich zu Klaus-Peter.

Operation mit Küchenmesser
Auf dem Klinik-Parkplatz das erste Erfolgserlebnis des Tages. Diagnose: „Eindeutig Zündkabel-Schaden durch Vergammeln“. Es war sein Lieblingszylinder, der linke. Mit einem Küchenmesser aus der Teeküche der Aufnahmestation habe ich Klaus-Peter repariert. Oder besser: operiert. Klaus-Peter war noch warm und hämmerte sofort los. Und zwar auf beiden (!) Töpfen. Mein zweiter Erfolg an diesem Tag. Bei laufendem Motor brachte ich schnell noch das Messer zur Teeküche. Die Nachtschwester freute sich mit mir.

Zweite Panne auf der Rückfahrt
Kurz vor halb drei fegten wir los. Als wenn sich auch meine Rennpappe freute, fuhr sie auf einmal wie der Teufel. Möglicherweise war das wieder nur eine Kopfsache von mir. Bei Trabbis bin ich aber noch heute unsicher. Die haben sich manchmal sogar selbst repariert. Ich wählte für die Rückfahrt die Landstraße. Die Hinfahrt wirkte nach. Dann passierte es. Mitten in Kessin, hinter der Brücke. Ein heftiger Knall – und Klaus-Peter war still. Ich konnte nur noch auskuppeln und ließ ihn rechts ran rollen. Diese Macke kannte ich noch nicht. Ohne Zweifel, das war was Ernstes. Ich dachte: „Kurbelwellen-Bruch“ oder so. Kein Gedanke jedenfalls, es wieder in Ordnung zu kriegen.
„Warum eigentlich hier?“ grübelte ich noch. An der Stelle hatte ich doch vor Monaten meine ersten automobilen Glücksmomente!

Allein im Mondschein
Der Mond schien, aber trotzdem war’s irgendwie dunkel in Kessin und sehr unbelebt, nachts um dreiviertel drei. Ich dachte an meinen Sohn zu Hause. Bestimmt hatte der längst mitbekommen, dass wir weg waren. Bestimmt machte er wieder Rabatz. An mich selbst dachte ich auch – und an mein kaputtes Auto. Die Situation machte mich ein ganz klein wenig traurig. Viele Autos fuhren nicht zu dieser Zeit. Offenbar fürchteten sich deren Fahrer vor mir. Jedenfalls hielt niemand an. An zwei Häusern in Kessin klingelte ich. Geöffnet hat niemand.

Im Laufschritt zur Schwiegermutter
Ich entschied mich zu laufen. Dummerstorf, vielleicht so sieben Kilometer, und Brinkmansdorf standen zur Wahl. Dort konnte ich eventuell den Trabbi von Schwiegermama bekommen. Zudem schien mir die Entfernung kürzer. Also Brinkmansdorf! Das müsste in weniger als einer Stunde zu schaffen sein. Es war jetzt 3.30 Uhr. Im Laufschritt trabte ich los. Molkerei, Weißes Kreuz, Straße der Befreiung, am Panzer vorbei und hoch zum „Höger up“. Dort klingelte ich. Wie verschlafene Schwiegermütter nun mal sind, wollte sie alles wissen und staunte ausführlich. War ja auch heftig. Tochter bei der Niederkunft, das wusste sie noch nicht. Schwiegersohn irrt durch die Nacht. Auto im Eimer und der Enkel allein zu Haus. Sie bekam das Versprechen, später alles ausführlich zu erfahren, und ich ihren 601er.

Übers Betriebstelefon nach Frau erkundigt
Zu Hause war ich kurz vor fünf. Unser „Großer“ zappelte auf Friedrichs Schoß. Selbstverständlich war er wach geworden, natürlich machte er Ramba Zamba. Glücklicherweise war unser Nachbar Friedrich Junggeselle und in der Lage, die Situation zu retten. So langsam kam das Interesse für meine Frau zurück. Keine Ahnung, ob wir bereits zu viert waren. Kein Telefon! Ich bedankte mich also bei Friedrich und legte mich aufs Ohr. Gegen sieben habe ich über ein Betriebstelefon die Klinik erreicht. Unser Kleiner war da, gesund und munter. Auch meinem ehemaligen Kugelbauch ging’s gut. Jetzt waren wir also zu viert oder besser gesagt zu fünft.

Spenderherz für Klaus-Peter
Obwohl es Klaus-Peter gerade nicht so gut ging, war er immer noch da. So schnell trennte man sich nicht von einem Trabbi! Er war der Einzige, der nun wirklich Hilfe brauchte. Und die bekam er. Ein günstiges Spender-Herz. Sogar von einem ehemaligen 601er! Nach der Verpflanzung nahm ich einmal Egon mit, einen Kollegen. Ein wenig älter als ich, gesetzter und mit viel Ahnung von Autos. "Ja, ja", sagte Egon, als Klaus-Peter mit uns abpfiff: "Das wichtigste am Auto ist der Motor." Egon hatte verdammt Recht.

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